Derbi Mulhacén 659

Derbi Mulhacén 659


City-Scrambler

Derbi greift mit der Mulhacén die Allround-Idee der Sechziger Jahre auf, sinnvoll verfeinert mit moderner Technik und ungewöhnlichem Design. Hierzulande verbinden wir mit Derbi in erster Linie hinreißende und erfolgreiche Auftritte in den kleinen Grand Prix-Klassen. Manch einer kennt auch die ansprechenden 125er Modelle oder die praktischen Scooter, die den Mobilitätsbedarf zwischen Barcelona, Madrid und Sevilla befriedigen. Dass die traditionsreiche spanische Motorradschmiede jetzt ein „richtiges“ Motorrad baut und dieses gerne europaweit an den Mann und die Frau bringen möchte, dürfte für viele dagegen ziemlich neu sein.

Jugendliche Klientel

Ungewohnt auch für Nicht-Iberer der unaussprechliche Name dieses Motorrades: Derbi Mulhacén, wobei das „c“ gelispelt wird. Benannt ist dieses Motorrad nach dem höchsten Festlandberg Spaniens, in der Sierra Nevada zwischen Malaga und Granada gelegen.

Damit lösen sich die Spanier von der 125er-Hubraum-Grenze, der sie nicht zuletzt aus höheren Erwägungen unterliegen: Seit 2001 gehört Derbi zum großen Piaggio-Konzern, aus markenstrategischen Erwägungen soll sich die sportliche Marke hauptsächlich um die jugendliche Klientel kümmern. Trotz des großen Hubraum von 659 Kubikzentimetern ist die Mulhacén ein für beide Seiten tragfähiger Kompromiss: Derbi gelingt der Einstieg in die „große“ Motorradwelt, hat dabei aber immer noch die jungen Käufer im Blick.

Gewagter Alt-Neu-Mix

Das spiegelt vor allem die ungewöhnliche Optik wider: Linksseitig wird die Mulhacén von einem gigantisch langen, megaphonartigen Schalldämpfer im Supertrapp-Design dominiert. Diese Zigarre erinnert nur vordergründig an die on- wie offroadtauglichen Scrambler aus den goldenen Sechzigern und Siebzigern, denn das Ding ist mindestens eine Nummer zu groß ausgefallen. Ihre einzigartige Note erwirbt sich die Derbi erst durch die Beigabe supersportlicher Elemente, die so gar nicht zum Bild der antiquierten Geländegänger passen wollen: Wave-Bremsscheiben an traditionellen Speichenrädern, Upside-Down-Gabel und Leichtmetallschwinge neben Grobstöllern – ein gewagter Mix, der einen prächtigen Spannungsbogen beschert. Hinzu kommt ein voll digitalisiertes LCD-Cockpit, in dem auf Daumendruck vom linken Lenkerende wie beim Gameboy unterschiedliche Informationen auftauchen.

Bewährter Eintopf

Interessanterweise hat in Derbis Entwicklungsabteilung ein deutscher das Sagen: Klaus Nennewitz, der sich seine Meriten schon bei Aprilia an den Modellen Falco, Pegaso und Tuono verdiente. Um Entwicklungszeit und Kosten niedrig zu halten, kaufte Nennewitz als Herzstück ein bewährtes Aggregat ein: Der flüssigkeitsgekühlte Einspritz-Single mit 659 ccm Hubraum stammt von Yamaha und treibt dort MT-03 und die XT-Modelle an. Gefertigt wird der Motor bei der Yamaha-Tochter Minarelli in Italien. Als einzige Anpassung an die Mulhacén musste das Mapping der Einspritzanlage neu angelegt werden, um der geänderten Airbox und dem riesigen Auspuff gerecht zu werden. Mit Erfolg: Die bekannten Motor-Problemchen Konstantfahrruckeln, verzögertes Ansprechen auf Gasbefehle und Vibrationen zeigen sich deutlich abgemildert. Spontane Reaktionen auf Gasbefehle und die durchzugsfreudige Auslegung der 47 PS sorgen für kurzweilige Auftritte auf den typischen Sprintstrecken in der Stadt wie für knackiges Überholen über Land; nur auf langweiligen Verbindungsetappen kommt der Wunsch nach mehr Leistung auf. Formschöne Derbi-Deckel peppen den Yamaha-Motor optisch auf, eine Dreingabe für Jung-Motorradfahrer mit Augen für Ästhetik.