Gilera GP 800

Gilera GP 800


Die Mauer muss weg!

Mit dem Gilera GP 800 baut Piaggio den größten und stärksten Roller. Wie bisher kaum ein anderes motorisiertes Zweirad verbindet er die Konzepte der Roller- mit denen der Motorradfahrer-Welt. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von rund 200 km/h stößt der Italiener in Bereiche vor, die nie zuvor ein Rollerfahrer erleben durfte.

Maxi-Scooter

Bisher war die Zweirad-Welt völlig in Ordnung, quasi Schwarz-Weiß gemalt: Auf der einen Seite gab es Roller und Motorräder auf der anderen. Beide hatten eigentlich nicht viel miteinander zu tun. Motorradler grüßen sich, wenn sie einander auf der Straße begegnen, ähnlich verhalten sich Rollerfahrer untereinander. Bevor aber ein echter Biker einem Roller-Spezi Verbundenheit signalisiert, fällt ihm lieber der Arm ab.

Seit es die so genannten Maxi-Scooter gibt, also Roller mit mehr als 500 Kubikzentimeter Hubraum und einer ausladenden Verkleidung, gerieten vor allem schlecht sehende Motorradfahrer schon mal in Versuchung, die Hand zum Gruß vom Lenker zu lösen, um dann noch rechtzeitig zurück zu zucken, wenn beim Näherkommen ein Automatik-Pilot identifiziert wurde.

Konkurrenzfähige Leistung

Jetzt geht Piaggio als größter Roller-Hersteller weltweit einfach dahin und reißt die Mauern der bisher so geordneten Zweiradwelt ein: Mit dem Gilera GP 800 offerieren die Italiener ab November einen Automatik-Roller mit Leistungsdaten, die auch in der Motorrad-Szene absolut konkurrenzfähig sind: 839 Kubikzentimeter Hubraum und 75 PS definieren den Begriff „Maxi-Scooter“ neu. Der Piaggio-Konzern, zu dem die Traditionsmarke Gilera gehört, die in zwei Jahren ihren 100. Geburtstag feiert, bietet nicht nur den leistungsstärksten, sondern auch den schnellsten Roller an, der je gebaut wurde. Als Höchstgeschwindigkeit werden 200 km/h versprochen, die bei ersten Testfahrten auf der italienischen Autostrada zwar nicht vollständig überprüfbar waren. Doch bei Tachoanzeige 180 fühlte sich der Gilera-Scoot an, als habe er noch reichlich Potenzial für höhere Tempi. So wundert es nicht, dass sich die Piaggio-Verantwortlichen weniger an Fahrzeugen wie dem bisherigen Roller-Spitzenreiter, dem Suzuki Burgman 650, orientieren, sondern sich lieber mit einer Ducati Monster und einer BMW F 800 ST verglichen sehen möchten, die in der gleichen Leistungskategorie fahren.

Viertakt-Vau-Zwei

Herzstück des GP 800 ist der bereits im Jahr 2003 in der Gilera-Studie „Ferro” gezeigte Viertakt-Vau-Zwei mit damals noch 850 Kubik. Leicht abgewandelt werkelt er nun im neuen Vorzeige-Scooter. Bei der Motorenkonstruktion vertrauen die Ingenieure auf Bewährtes: Den Ventiltrieb mit einer oben liegenden Nockenwelle zur Steuerung der vier Ventile kennt man aus den hauseigenen Quasar- und Leader-Motoren, der traditionelle Zylinderwinkel von 90 Grad ist gut ausbalanciert und vibrationsarm, der Antrieb kommt daher ohne Ausgleichswelle aus. Das Gemisch wird von einer Einspritzanlage mit zwei 38er Drosselklappenkörpern bereitgestellt. Neben einer Doppelzündung sind die Trockensumpfschmierung und abgeschrägte Ventildeckel weitere Besonderheiten der ansonsten recht einfachen Konstruktion. Durch die kompakten Außenmaße der Einheit rückt der Motor schwerpunktgünstig näher ans Vorderrad, andererseits wird der Weg der Kraftübertragung minimiert. Der V-2 wird übrigens nicht als rollertypische Triebsatzschwinge verbaut – Leistung, Dimensionen und Gewicht würden diese Konstruktion einfach überfordern – sondern sitzt frei schwingend im robusten Rohrrahmen und leitet seine Kraft über eine konventionelle Kette an das 15zöllige Hinterrad. Dieses wird von einer massiven Zweiarm-Leichtmetallschwinge geführt. Vom ursprünglichen Plan, einen Zahnriemen als Sekundärantrieb zu verwenden, habe man sich aus „Marketing-Gesichtspunkten” wieder verabschiedet – ein Kettenantrieb sei dem Kunden vertrauter. Vermuten kann man indes auch finanzielle Gründe, denn Motor und Antrieb werkeln baugleich im Schwestermodell Aprilia Mana. Zwei unterschiedliche Entwicklungen der Kraftübertragung kämen da deutlich kostspieliger.