Yamaha MT-01 - Fahrbericht

Yamaha MT-01 - Fahrbericht


Dampfhammer

Yamaha feiert seinen 50sten. Wir dürfen mitfeiern. Die Musik zur Fete macht die neue MT-01. Ein Eisen wie aus einer anderen Welt. Einer schönen Welt. In der Hubraum, Beschleunigung und Durchzug die einzigen Werte sind, die wirklich zählen. Außer dem Sound!

Seit der Tokyo Motorshow 1999 warten die Fans nun darauf, dass die MT-01 endlich zu den Händlern kommt. Eine verdammt lange Zeit. Bedenkt man jedoch, dass weder Sachs‘ Beast, noch Suzukis BB-King es überhaupt bis zum Endverbraucher schafften, besteht trotzdem Grund zur Euphorie. Yamahas MT-01 darf leben. Und das tut sie nach Leibeskräften kund.

Kaum hat der Druck meines rechten Daumens den E-Starter in Bewegung gesetzt erwachen die heiligen Hubhallen und ihre fast 1,7 Liter Inhalt zum Leben. Choke? Fehlanzeige! Die Einspritzanlage weiß, was der Motor wann zu futtern braucht. Alles easy! Es erfordert kaum Kraft, die ziemlich hoch bauende 245 Kilo schwere Buschtrommel vom Seitenständer in die Senkrechte zu hieven.

Der schmale, natürlich konifizierte, Lenker irritiert zunächst. So einen Riesenbock mit einem Puppenwagenhaltegriff, noch dazu leicht gekröpft, zu versehen, macht doch keinen Sinn. Hier muss ein ausgewachsener Superbike-Lenker dran. Doch dann dreh ich zum ersten Mal ein bisschen am Gas und mein Hirn blendet die Lenkerbedenken direkt aus. Der Apparat schleudert nämlich grad einen Ton aus den beiden Trompeten unter der Sitzbank, der das Garagentor schlicht wegzublasen droht. Augenblicklich lege ich ganz sanft einrastend den ersten von fünf Gängen ein. Noch ein kurzer Hub am Gas und die MT trommelt die lange Ausfahrt zur Straße mit wenigen Kurbelwellenumdrehungen herunter. Mit diesem lang übersetzten Ersten und dem unglaublichen Schub ab Standgasdrehzahl ist mir jetzt schon klar, dass dieses Motorrad den Showdown an jeder Ampelkreuzung gewinnen kann. Dragrace pur! Und der Klang der Trommel dazu – herrlich. Ich bin schon Fan. Scheiß auf den Bonsai-Lenker. Jetzt wird erstmal getrommelt.

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Yamaha MT-01 - Hochschalten bitte

Nein, erstmal kommt die Kreuzung. Bin immer noch im Ersten bei 3.500 Umdrehungen. Die Passanten glotzen mich an. Was da aus dem Originalauspuff kommt, ist Kodo. Pauke pur! Der Prüfer bei der Zulassungsstelle muss ein echtes Hörproblem gehabt haben. Ich schließe das Gas und schiebe auf die Kreuzung zu. Bumm, eine Fehlzündung katapultiert mich mal eben fünf Meter vorwärts. Keines dieser Triebwerke also, denen sämtliche Charakteristik wegprogrammiert wurde, nur damit jedes Weichei sie tollfinden und beherrschen kann. Es lebt! Und wie: Die Autobahnauffahrt kommt. Erster, zweiter, dritter Gang. Noch ist die MT nicht ganz warm. Hat erst einen Tausender auf der Uhr. Ich schalte extrem früh hoch, gebe gar nicht viel Gas. Trotzdem schiebt’s mich vorwärts, als hätt ich beim Traktorpulling grad unter Vollast den Bremswagen abgekoppelt.

Mit kleiner Drehzahl aber großem Vortrieb fliegen wir, Kodo und ich, auf die S-Kurve zu. Ich weiß, dass ich ein R1 Fahrwerk unter mir habe. Die Schwinge stammt direkt aus der Ypse, Bremsen und Upside-Down Gabel sind nahe Verwandte der Supersportparts und halten das Bauwerk zielgenau auf Kurs. Am Kurvenausgang denkt man sich, wie fast immer: Das wäre aber noch viel schneller gegangen! Doch kein Grund zur Reue. Schließlich waren die Reifen noch eiskalt und die nächste Ausfahrt kommt bestimmt. Jetzt will ich’s aber genau wissen: Der rote Bereich beginnt bei 5.500 U/min. Ich lade den Dreier voll durch. Drosselklappe auf Durchzug. Kodo zieht ab, wie vom Dampfkatapult auf der Nimitz gezogen. Der Drehzahmesser rast gen Rot. Mittendrin im Glücksgefühl zerhackt der Begrenzer meinen Vortrieb. Unglaublicher Schub, gnadenloser Sound. Ich schalte gleich zweimal hoch und trommel gemütlich mit 175 über die Bahn.

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Das macht bei jedem Hub ordentlich Meter. Ein prima Reiseeisen also auch. Besonders schön und gut ist die Sitzbankmulde, die dem Beschleunigungsvermögen Rechnung trägt. Sehr bequem und sicher. Wenn man schon am zu schmalen Lenker hängt, wie ein Feinrippunterhemd an der Wäscheleine, braucht wenigstens das Popometer ein bisschen Halt. Aus der nächsten Ausfahrt wurde nichts, denn im Tunnel erspähte ich den fast magisch schimmernden Hintergrund der Tacho-Drehzahlmesser-Kombinette. Wie der Horizont des berühmten Stargates zieht dich die LCD Anzeige in ihren Bann. Auch die Menschen in ihren Blechdosen bekommen im Tunnel den Kodo ab. Schön laut! Doch genug der Melancholie. Wir wollten doch das Fahrwerk mal fordern. Endlich kommt die nächste S-Autobahnabfahrt. Diesmal sind die Reifen warm und mein Vertrauen ins Fahrwerk vollkommen. Nur die Auspuffkrümmer rechts machen mir Sorgen. Wenn die beim rasanten Umlegen Bodenkontakt aufnehmen, wird’s Kodo und mich gnadenloser aushebeln, als es sich jeder Judolehrling in seinen kühnsten Träumen vorzustellen vermag. Doch es geschieht nichts. Jedenfalls nichts Negatives. Mit mächtigem Zug eilt die MT-01 auf ihren Tourensportgummis durch die Kurven. Nichts wackelt, nichts rutscht, außer diesen dusseligen Gummifußrasten. Bei der agilen Sportlichkeit des Geräts sind diese Fußrasten echt überflüssig. Und den Lenker wünsch ich mir immer noch breiter. Besonders, wenns ans Eingemachte geht. Spätbremsen, umlegen und hart aus der Kurve heraus beschleunigen. Da braucht man guten Grip am Fuß und einen gewissen Hebelweg an den Hörnern. Und weil man mit der MT-01 richtig gut wüten kann im Winkelwerk, sollten diese Goodies nicht fehlen.

Natürlich fragen sich die Leute, besonders die, die mitfahren wollen, ob nicht gut durchgebratene Schenkel die Folge wären. Doch erstens kann man, oder Frau, durchaus auf dem Sozia-Plätzchen sitzen, ohne die Endtöpfe zu berühren und zweitens sind diese nicht nur vor Hitze schützend ummantelt, sondern werden per Elektrolüfter unter der Sitzbank auch noch aktiv gekühlt. Unglaublich!

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Text: Patric Birnbreier
Fotos: Franziska Weigt/Pabi