Yamaha Road Star Warrior 1700

Yamaha Road Star Warrior 1700


Der Strassenkrieger

Die Yamaha Road Star Warrior ist mehr als nur eine aufgebohrte Version der Yamaha Wild Star. Sie ist der Metall gewordene Traum all jener Cruiser-Fahrer, die schon immer wussten, dass sie tief im Inneren wirklich ganz böse Buben sind.

Ein Auspuff wie ein Kanonenrohr, zwei Zylinder mit insgesamt 1.670 Kubik, 1.665 mm Radstand, 275 Kilogramm Trockengewicht, viel poliertes und gebürstetes Aluminium, ein ultrabreiter 200er-Hinterradschlappen, ein Lenker wie ein Longhorn-Geweih, der Rest in böses Schwarz getaucht.

Die neue Yamaha Road Star Warrior 1700 macht schon im Stand jedem Betrachter klar: Hier steht ein Motorrad für echte Männer. Und weil es davon, mag man der Frauenwelt glauben, heutzutage ohnehin viel zu wenige gibt, bietet Yamaha den Powercruiser im XXL-Format auch nur in limitierter Auflage an. Wer also eine haben will und genügend Kleingeld auf der hohen Kante liegen hat, sollte sich beeilen.

Nur für echte Kerle

Doch halt! Bevor Sie jetzt losrennen, um beim Yamaha-Händler einen Vertrag zu unterzeichnen, messen Sie lieber erst mal Ihre Beinlänge nach. Warum? Nun, weil die Road Star Warrior eben nur für echte Kerle taugt. Und die haben neben breiten Schultern und schmalen Hüften in aller Regel auch lange Beine. Das wissen auch die Yamaha-Designer und haben konsequent das Sitzdreieck für Männer mit Schwarzenegger-Figur ausgelegt. Sind die Stelzen zu kurz, kommt der Möchtegern-Böse-Bube erst gar nicht an die extrem weit vorne platzierten Rasten heran und kann – de facto – nicht den Fußschalthebel betätigen. Sind die Schultern zu schmal und die Arme zu kurz, kommt der Pilot nur mit unangenehm nach vorne gebeugtem Oberkörper an die Lenkerenden heran und in engen Spitzkehren oder beim Rangieren ist selbst normal gebauten Männern der kurvenäußere Arm irgendwie immer etwas zu kurz. Ist der Hintern zu dick schmerzt zudem nach einiger Zeit der Allerwerteste, denn in der Sitzkuhle des knapp bemessenen Sitzbrötchens federt weniger der Schaumstoff als der angespannte Vertikalmuskel. Es sei also festgehalten: Für kleine Zwuckel und schmächtige Bücklinge eignet sich die fette Yamaha nicht. Auch nicht für Damen. Selbst wenn diese lange Beine und lange Arme haben. Denn die Warrior ist in fahrbereitem Zustand weit über 300 Kilogramm schwer. Um die Fuhre vom Seitenständer zu hieven, sollte folglich der Bizeps nicht zu schwach trainiert sein. Wer aber groß und kräftig genug ist und Cruiser mag, wird mit der neuen Yamaha schnell Freundschaft schließen. Denn dieser Powercruiser hat nämlich nicht nur optisch, sondern vor allem auch technisch einiges zu bieten.

Handliches, stabiles Fahrwerk

So präsentiert sich das Fahrwerk des neuen Yamaha Motorrad äußerst modern. Der Doppelschleifen-Rahmen ist aus Aluminium gefertigt, die massive Aluschwinge würde manchem Sportmotorrad ebenso gut stehen wie die 41-mm-Upside-Down-Telegabel. Diese verfügt über 130 mm Federweg. Das liegend unter dem Motor versteckte Zentralfederbein, mit einstellbarer Federvorspannung, hält für Cruiser-Verhältnisse üppige 110 mm Federweg parat. Die sportlichen Dreispeichen-Aluräder sind insgesamt 11,5 Kilogramm (!) leichter als die Speichenräder der Yamaha XV 1600 A Wild Star. Und die Bremsanlage übernahm Yamaha direkt von der Yamaha R1 der ersten Generation. So gerüstet präsentiert sich die Road Star Warrior als echter Kumpel, der einen auch auf üblen Wegen nicht im Stich lässt. Selbst in ultra-schnellen, lang gezogenen Kurven liegt die Maschine trotz ihres immensen Gewichts ruhig in Schräglage. Cruisertypisches Wackeln und wildes Pumpen nach Bodenwellen sind ihr fremd. In engen Wechselkurven ist zwar das hohe Gewicht spürbar und die Rasten schleifen recht früh am Asphalt. Aber selbst dann hält sie präzise die einmal vorgegebene Linie ein. Nur auf ganz ruppigem Geläuf drückt der fette 200er-Hinterreifen die Fuhre gerne etwas aus der Spur. Dennoch gilt: Im Sattel der Yamaha Road Star Warrior kann man wesentlich aggressiver cruisen als mit jedem anderen Cruiser japanischer Herkunft.

Stark und ausgereift

Und weil Aggressivität und Sportlichkeit natürlich auch mit Leistung zu tun haben, gönnte Yamaha der Warrior das derzeit stärkste Triebwerk im Serien-Cruiserbau aus japanischer Fertigung. Der luftgekühlte 48°-V2-OHC-Motor mit vier Ventilen je Zylinder aus der Wild Star wurde für den Einsatz in der Warrior auf 1.670 ccm aufgebohrt. Dazu gibt es neue Zylinderköpfe samt neuer Kipphebel und schärferer Nockenwellen. Die Ventilsteuerung erfolgt klassisch über Stößelstangen und wartungsfreie Hydrostößel. Je zwei Zündkerzen pro Zylinder garantieren trotz der riesigen Einzelhubräume eine sehr rasche und damit effiziente Verbrennung des Kraftstoffs. Eine Benzineinspritzung mit 40-mm-Saugrohren und Drosselklappensensoren sorgt in Kombination mit einem Sekundärluftsystem für die Einhaltung der EU-I-Norm.

Katalysator gibt es keinen. Das Fünfganggetriebe wurde an die höhere Leistung angepasst, ein Zahnriemenantrieb übernimmt die Kraftübertragung zum Hinterrad. Die beiden mächtigen Schmiedekolben, die in den Zylindern gewaltige 113 mm weit auf und nieder poltern, fachen ordentlich Dampf im Kessel an. 84 PS bei 4.400 U/min und 135 Nm bei lediglich 3.750 U/min sorgen für Fahrspaß pur.

Beißt kraftvoll zu

Schon ab Standgas drückt die Road Star Warrior fordernd vorwärts, ab 3.000 U/min wird sie richtig wach, selbst in höheren Drehzahlregionen lässt der Schub kaum nach. Angesichts der langhubigen Auslegung ist der Motor übrigens überraschend drehfreudig. Bis zu 220 km/h waren beim freudigen Angasen auf dem doppelstöckigen Display (digitaler Tacho, analoger Drehzahlmesser) über dem Scheinwerfer abzulesen. Doch solche Speed-Orgien sind nicht wirklich die Bestimmung dieses Motorrades. Am meisten Spaß bereitet die böse Yamaha, wie alle Cruiser, beim Gleiten im mittleren Drehzahlbereich. Das Leben genießen, die Seele von urwüchsigen Vibrationen massieren lassen, breit hinter dem Lenker aufgespannt im Fahrtwind segeln – das ist die friedliche Welt im Sattel einer Road Star Warrior. Und sollte einem ein Sonntagsfahrer den Weg und die freie Sicht auf die Landschaft versperren genügt ein kleiner Dreh am Gasgriff, damit die Warrior den dicken Hammer auspackt. Wie von einem Gummiband gezogen schnellt sie, bei voll geöffneten Drosselklappen, vorwärts. Dazu passend faucht und schnauft sie herrlich aggressiv aus dem leider überaus hässlichen Endschalldämpfer. In solchen Momenten ist die Extraportion Power des V2-Triebwerkes überaus willkommen, ansonsten beruhigt einen das Gefühl, jederzeit sekundenschnell darüber gebieten zu dürfen. So gesehen ist die Yamaha Road Star Warrior eigentlich ein wirklich liebenswerter Typ.

Text: Jörg Wissmann 
Fotos: Waldemar Da Rin