Yamaha XVS 1300 A Midnight Star

Yamaha XVS 1300 A Midnight Star


Neue Mitte am Sternenhimmel

Yamahas XVS 1300 Midnight Star ist ein Sandwich-Kind, in preislicher wie technischer Hinsicht – oben thront die große 1900er Midnight Star, darunter lockt die günstige 1100er Dragstar

Der Blue Ridge Parkway zählt zu den spektakulärsten Motorradrouten im Osten Amerikas schlechthin. Doch momentan befindet sich der üblicherweise makellose Asphalt nicht im besten Zustand: überzogen von feuchtem Laub, das die bunten Bäume North Carolinas schon vor diesem herbstlich dunstigen Morgen abgeworfen haben, vermittelt das Geläuf nicht den allerbesten Grip. Ungeachtet dieser Umstände macht der Ausritt mit Yamahas neuem Cruiser-Stern XVS 1300 A Midnight Star richtig Spaß. In den kurvigen Abschnitten überzeugt sein stabiles Bremsvermögen bei bemerkenswerter Manövrierbarkeit, auf den schnurgeraden Sektionen trägt der neue und erstmals flüssigkeitsgekühlte Motor mit passendem Vortrieb und klar geäußertem Vau-Feeling seinen Teil zum Fahrspaß bei. Manche Modelle mögen hier motorisch präsenter sein, andere agiler, doch aus dem tiefen Sattel der 1300er betrachtet bietet die Midnight Star einen vollauf gelungenen Kompromiss.

Mittelgewichts-Cruiser

Wobei dies sicherlich nicht das Wort wäre, mit dem Yamaha Motorrad sein jüngstes Mitglied der Mittelgewichts-Cruiser charakterisieren würde. Doch allein die Motorisierung spricht dafür: Der neue Star-Motor füllt die Lücke zwischen den beiden bisherigen Yamaha-Vaus , dem 1063er Drag Star 75-Grad-Vierventiler mit 63 PS und dem dicken 1853er 48 Grad-Stoßstangen-Achtventiler der XV 1900 mit seinen 90 PS. Wie der Große vertraut er auf eine Kraftstoffeinspritzung und Zahnriemenantrieb zum Hinterrad statt Vergaser und Kardan bei der 1100er. Im Gegensatz zu diesen beiden ist der 73 PS starke neue Motor flüssigkeitsgekühlt, doch die Yamaha-Ingenieure gaben sich alle Mühe, ihn halbwegs authentisch zu halten – mit feinen Kühlrippen, unsichtbar verlegten Leitungen und einem zwischen die Rahmenrohre eingebetteten Flüssigkeitskühler.

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schwieriges Manöver

Trotzdem enttäuscht die Optik; anstatt dem attraktiven Art Deco-Stil der 1900er treu zu bleiben, hat der Neuling mehr von der Midnight-Seite als von den Drag-Genen der Star-Reihe geerbt. Mit den fetten Trittbrettern, mächtigen Stahl-Kotflügeln und dicker Gabel ähnelt sie eher einem Chopper-Schwergewicht als einem aktiven Mittelgewicht. Und so fühlt sie sich zumindest bei langsamem Tempo auch an. Ungeachtet des niedrigen Schwerpunkts machen ihre fetten 16-Zoll-Räder das Manövrieren schwierig, und voll eingeschlagen berühren die etwas weiter als bei der Drag Star nach hinten ragenden Lenkerenden die Knie. Dabei liegt die Fahrwerksgeometrie zwischen den beiden Sternen-Geschwistern mit einem Radstand von 1690 mm (die 1900er misst 1715, die Drag Star 1645 mm). Doch einmal auf den gewundenen Hauptstraßen angekommen, stellt sich ein sorgenfreies Dahingleiten mit sicherem Fahrgefühl ein, der stabilitätsorientierten Geometrie können auch die widrigen Bedingungen nichts anhaben.

Dampf aus der Mitte

Noch besser als das Fahrwerk haben die Ingenieure den neuen, flüssigkeitsgekühlten Vau-Motor hinbekommen. Untermalt von einem erstaunlich kräftigen Sound aus dem Einzelschalldämpfer schiebt der 1300er mit ordentlichem Drehmoment aus dem Stand heraus an. Sauber und ohne Verzögerung reagiert die Einspritzung dabei auf Gasbefehle. Im mittleren Drehzahlbereich steht genug Dampf zur Verfügung, um unangestrengt und locker sämtliche Überholmanöver zu absolvieren. Wie beim Harley-Motor arbeiten die beiden Pleuel auf einen Hubzapfen, je eine Ausgleichswelle vor und hinter der Kurbelwelle sollen das Pulsieren fördern und gleichzeitig unangenehme Vibrationen minimieren. Mit Erfolg: Die Midnight Star vermittelt genug „Good Vibrations“, um das Gefühl eines stets präsenten großen Vau-Zwo zu vermitteln; lästig, nervig oder unkomfortabel wirkt das Schütteln jedoch nie. Einziger echter Kritikpunkt ist die schwergängige Kupplung, die nach wenigen Stadtkilometern den Unterarm malträtiert.

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Komfortables Dahingleiten

Mittlerweile sind die Straßen abgetrocknet und es geht ambitionierter zur Sache. Schon bald schraddeln die Trittbretter fröhlich über den Asphalt, doch die Bodenfreiheit dürfte für den normalen Einsatzzweck vollauf genügen. Wie auch der Komfort, den die breiten Fußablagen und der gut gepolsterte Sitz bieten. Schön, dass man sich mit dem unteren Rücken gegen den gesteppten hinteren Teil abstützen kann. Trotz der mit 110 mm hinten nicht gerade üppig dimensionierten Federwege lässt es sich komfortabel Dahingleiten, denn das passend abgestimmte Federbein versieht hier einen guten Job.

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Ordentliche Twin-Dosis

In punkto Verarbeitungsqualität gibt es keine Klagen, allerdings erreicht die Midnight Star nicht das feine Maß der XV 1900. Doch dafür braucht die 1300er nach der Erstinspektion nur alle 12.000 Kilometer in die Werkstatt, was eine gute Voraussetzung für einen Long Distance Tourer darstellt. Unterm Strich kombiniert die XVS 1300 ausgewachsenen Big Cruiser-Stil mit geringem Gewicht unter Zugabe einer ordentlichen Dosis klassischen V-Twin-Charakters. Dass dies zu einem Mittelklasse-Preis gereicht wird, macht aus der in Schwarz, Rot und Silber erhältlichen Midnight Star einen durchaus brauchbaren Kompromiss – auch wenn Yamaha das nicht gerne hören mag.

Text: Thilo Kozik

Fotos: Yamaha