Honda VTX 1300 S

Honda VTX 1300 S


Ein edler Tropfen

Mit Cruisern ist es wie mit edlen Weinen. Sind sie zu leicht, versacken sie im Nichtssagenden; sind sie zu schwer, gibt's Kopfweh. Doch wenn die Mischung stimmig ist, sind sie ein wahres Fest für die Sinne.

Merlot statt Bordeaux

Die «kleine VTX» ist keinesfalls nur ein seichter, weil kostengünstiger Abklatsch der VTX 1800. Nein, sie ist überaus stimmig, für mich am besten vergleichbar mit einem gleichfalls süffigen und qualitativ dem Bordeaux mindestens ebenbürtigen Merlot aus den sonnigen Anbaugebieten Kaliforniens - auch wenn sie ihre Wurzeln (wie ihre große Schwester VTX 1800) im amerikanischen Honda-Werk in Marysville/Ohio hat. Die VTX 1300 S ist im Vergleich zur VTX 1800 ein Wirbelwind. Zwar ist auch sie mit 311 Kilogramm Trockengewicht nicht gerade leicht, beeindruckt zudem wie die 1800er mit einem vollen Körper und geschmeidigem Abgang. Aber sie ist halt doch spritziger, fruchtiger und auch für nicht abgehärtete Genießer ohne größere Nebenwirkungen selbst in höherer Dosierung genossen eine wahre Gaumenfreude.

Honda VTX 1300 S 19

Das Erlebnis Honda VTX 1300 S beginnt schon beim Anblick. Das Honda Motorrad ist unglaublich aufgeräumt, das Auge streichelt über den rubinroten Lack. Die geschwungenen Kotflügel und der sanft gerundete Tank wirken wie ein weiches, fließendes Gewand, welches gekonnt die Rubensfigur einer Diva zu kaschieren weiß. Keine Kabelstränge, keine Schlauchanhäufungen, keine billigen Anbauteile stören das Gesamtbild. Dieses Bike wirkt wie aus einem Guss. Positive Nebeneffekte: Die riesigen Kotflügel schützen den Fahrer selbst bei strömendem Regen bestens gegen Schmutz und Wasserspritzer, und das Bike ist dank der großen, glatten Oberflächen schneller gereinigt als so mancher vollverschalte Supersportler. Aufgerissene, blutende Finger beim Abledern bleiben dem Besitzer einer VTX 1300 S erspart. Einzig die klassischen Drahtspeichenräder wollen mit Hingabe auf Hochglanz poliert werden. Da stört es auch nicht, dass viele chromblitzende Teile wie Seitendeckel, Motordeckel oder Lampengehäuse aus Kunststoff gefertigt sind. Immerhin ist zumindest der hintere Kotflügel aus echtem Blech geformt.

Bequem, aber nicht ohne Tadel

Beim Aufsitzen steigert sich der optische Genuss nochmals: Frei schweift der Blick über den riesigen Scheinwerfer hinweg nach vorne, der Fahrer kann sich selbst in den Blinkergehäusen beim Cruisen zusehen. Dabei ruht er selbst aufrecht auf einem breiten, straff gepolsterten und auch nach mehreren Stunden Fahrt überaus bequemen Sattel, die Beine ruhen auf für den Standard-Mitteleuropäer optimal platzierten Trittbrettern, die Hände greifen wie automatisch den zwar sehr breiten, aber dennoch angenehm gekröpften Lenker. Nur ganz kleingewachsene Menschen wie ich (1,69 m) müssen sich ziemlich nach vorne strecken, bekommen nach zwei, drei Stunden Fahrt leichte Verspannungsschmerzen im unangenehm nach vorne gebogenen Rücken.

Honda VTX 1300 S 17

Kritik verdienen die arg weit abstehenden, zudem nicht einstellbaren Hebel für Kupplung und Vorderbremse. Alle Schalter sind indes sehr gut angeordnet, der in besonders edlem Dunkelrot hinterleuchtete Tacho ist zwar außerhalb des direkten Blickfeldes auf dem Tank angesiedelt, aber wenigstens bei Tag wie bei Nacht, bei Sonne wie bei Regenwetter immer tadellos ablesbar. Leider gibt es weder eine Zeituhr noch eine Tankanzeige oder zumindest eine Benzinstands-Kontrollleuchte. Wie zu guter alter Väter Zeit geht einem bei drohender Ebbe im Spritfass einfach ohne Vorwarnung der Vortrieb aus, und man muss den Benzinhahn an der linken Tankseite auf «Reserve» drehen, ehe es wieder vorangeht.

Ach ja - zum Thema «Es geht voran»: Durchzugskraft, Laufruhe und Top-End-Power des Dreiventiler-V2-Viertakters dürften selbst anspruchsvollste Genießer zufrieden stellen.