Harley-Davidson Dyna Wide Glide

Harley-Davidson Dyna Wide Glide


Zurück in die Zukunft

Die neue Harley-Davidson Dyna Wide Glide. Moment mal, neu? Gibt oder gab es die nicht schon? Überhaupt, Glide ist ja ein beliebter Name bei den Kollegen von Harley-Davidson. Aber zurück zur Wide Glide. Ja es gab schon einmal eine Harley-Davidson Dyna Wide Glide. Genau vor 30 Jahren ist es her, da erblickte die erste Wide Glide das Licht der Welt: dickes Hinterrad, vorne ein schwachbrüstiger 21 Zöller und ein Tropfentank in Flammendesign. Damals ein echter Burner. Die aktuelle Wide Glide kommt ähnlich daher. Brennt aber auch mit dem Flammendesign nicht so wie der Burner aus den 80ern.

Was damals noch radikales Design bedeutet, ist heute lediglich die Erweiterung der Baureihe. Die Harley-Davidson Dyna Wide Glide ist auch ohne den Namen zu kennen klar als Mitglied der Dyna-Familie zu erkennen. Lange Gabel, schmaler 21-Zoll-Vorderreifen, kleiner Scheinwerfer und 2 klassische Federbein am Heck. Die Wide Glide verfeinert das Konzept aber durch allerlei hochwertige Anbauteile. Viele Teile sind in Schwarz gehalten, was einen schönen Kontrast zu den Chromteilen ergibt. Dies geht schon bei den Felgen los. Die Felgen sind Schwarz, die Drahtspeichen verchromt. Gleiches beim Lenker. Der Dragstyle Lenker ist verchromt, die Riser sind Schwarz. Auch der Scheinwerfer setzt dies fort. Grundsätzlich Schwarz, aber mit einem verchromten Scheinwerferring. Die Spiegel sind auch Schwarz, ebenso wie die kleine Sissybar hinter dem Beifahrer. Die Sitzbank der Wide Glide teilt sich in Fahrersessel und Sitzbrötchen für den Sozius. Die Teilung ist nicht nur optischer Natur. Während der Fahrer sehr bequem sitzt, ist der Beifahrer auf dem schmalen Platz alles andere als gut untergebracht. Alles zusammen ergibt klassisches Chopperdesign. Nimmt man das Soziusbrötchen und die Sissybar ab, wirkt die Harley-Davidson Wide Glide noch flacher und länger. Der Mindestpreis der Wide Glide liegt bei 14.795 Euro. Die Testmaschine mit Flammenlackierung schlägt mit 15.505 Euro zu Buche.

   

Der Motor

Wie bei (fast) allen Harley-Davidson ist auch bei der Dyna Wide Glide der Twin-Cam-96 Motor verbaut. Also der bekannte luftgekühlte V2 mit 1.584 ccm. In der Dyna Wide Glide leistet der Motor 78 PS bei 5.250 U/Min und bringt es auf 126 NM Drehmoment bei moderaten 3.500 U/Min. Letztendlich alles wie gehabt. Obwohl die Wide Glide eine eher zierliche Erscheinung ist, bringt sie mit voll getankt 310 kg doch etliche Kilos auf die Waage. Ob die einsame Bremsscheibe dem Gewicht wirklich gewachsen ist, darf bezweifelt werden. Auch der Federwege versprechen keinen Sänftenkomfort. Hinten stehen gerade einmal 79 mm zur Verfügung. Vorne sind es immer 127 mm.

Harley-Davidson Dyna Wide Glide 07

Sitzposition

Die Sitzposition ist genauso wie man sie erhofft und erwartet. Die Wide Glide enttäuscht nicht und lässt den Fahrer 680 mm über der Fahrbahn platznehmen. Das Sitzkissen ist angenehm weich gepolstert ohne sich auf längerer Fahrt platt zu sitzen. Leider betätigte sich der Sitz unserer Testmaschine als Wasserspeicher. Nach Standzeit im Regen gab der Sattel die Feuchtigkeit an den Hintern des Fahrers zurück. Der Lenker sieht nicht nur unverschämt gut aus, sondern liegt auch noch richtig gut in der Hand. Die flache Anordnung ergibt eine bequeme Armhaltung. Die Fußrasten liegen natürlich recht weit vorne, aber genau dort wollen wir sie auch haben.

Harley-Davidson Dyna Wide Glide 05

Ausstattung etc.

Auch die Harley-Davidson Wide Glide hat den serienmäßigen „Entstresser“. Setzt man sich auf die Wide Glide, fällt schon ein Großteil der Alltagsorgen ab. Und nach kurzer Fahrtzeit vergisst man auch den Rest der Sorgen. Aber vor der Fahrt steht der Motorstart. Und der kann einen bei Harley schon mal erschrecken. Mit einem heftigen Schlag nimmt der V2 seine Arbeit auf. Im Stand schüttelt er sich noch ordentlich im Rahmen. Alle Anbauteile schwingen im Takt, störend sind die Wackeleien aber keinesfalls. Kupplung, erste Gang und los geht’s. Einmal in Bewegung legt der große V2 erstaunlich gute Manieren an den Tag. Seidenweich ist zwar anders, aber sanfte Vibrationen gehören einfach dazu. Noch besser ist die Leistungsentfaltung der Harley-Davidson. Die Wide Glide hängt richtig gut am Gas. Jeder Dreh am Gasgriff wird sofort in Vorwärtsdrang umgesetzt. Das Beste ist aber natürlich der Durchzug. Im großen Gang durch die Umwelt „gliden“ und bei Bedarf mit der rechten Hand das Drehmoment abrufen. Der Schub aus dem Drehzahlkeller zieht nicht nur die Wide Glide nach vorne sondern auch die Mundwinkel des Fahrers nach oben. Beim Beschleunigen passt auch der Sound. Harley trickst hier und öffnet abhängig von der Stellung des Gasgriffs eine Resonanzklappe im Auspuff. Schon legt der Sound zu. Bei Konstantfahrt und im Stand ist die Klappe zu – und der Affe soundmäßig tot.

Harley-Davidson Dyna Wide Glide 06

Das Fahrwerk

Das Fahrwerk der Harley-Davidson Dyna Wide Glide gehört zur gemütlichen Sorte. Die Wide Glide ist sehr komfortabel abgestimmt, was jeden sportlichen Ansatz im Keim erstickt. Vor allem hinten ist die Wide Glide schnell überfordert. Hier ist die Harley einfach unterdämpft und schwingt nach jeder Unebenheit nach. Bringt der Fahrer dann noch wie im Falle des Testers auch ein paar Kilo mehr als üblich mit, gehen die Federbeine schon mal auf den Block. Ähnliches gilt für die Gabel, auch wenn diese nicht durchschlägt. Aber auch hier ist die Dämpfung deutlich zu lasch. Da hilft nur eines: wenn es holprig wird, runter vom Gas. Womit wir auch schon bei den Bremsen sind. Die Vorderbremse der Wide Glide verlangt für nennenswerte Verzögerung hohe Handkräfte. In jedem Fall muss die Fußbremse unterstützen. Selbst dann ist die Bremsleistung bestenfalls ausreichend. ABS ist leider nicht lieferbar, wir wären ja im ersten Schritt schon mit einer 2. Bremsscheibe vorne zufrieden. Gegen Aufpreis ist diese natürlich erhältlich. Bei allem Verständnis für Traditionen, hier sollte Harley-Davidson mal Nägel mit Köpfen machen und alle Motorräder serienmäßig mit Doppelscheibe ausrüsten.