BMW R 1200 GS

BMW R 1200 GS


Die Revolution der Emotion

Mitte der 90er-Jahre fiel bei BMW Motorrad ein Grundsatzentscheid: mehr Emotionalität muss her. Erste Vorboten: die F 650 CS Scarver und die freche R 1150 R Rockster. Doch erst die komplett neue R 1200 GS zeigt, wie konsequent BMW den Imagewandel vorantreibt

Vor 25 Jahren revolutionierte BMW die Motorradwelt und begründete mit der R 80 G/S das Segment der Reiseenduro. Eine Geländemaschine mit hubraumstarkem Zweizylinder-Boxermotor, Einarmschwinge und Kardanantrieb – das war 1980 eine Sensation. Heute findet sich im Modellsegment fast jedes Herstellers eine große Reiseenduro. Diese sind teilweise leichter, stärker, komfortabler und auch geländetauglicher als die GS. Dennoch ist die 1999 vorgestellte R 1150 GS aufgrund ihrer Ausgewogenheit seit Jahren der beliebteste Stollentourer Europas und führt die deutsche Zulassungs-Hitliste an.Revolutionäre Kombination

Und obwohl die GS auch 2003 noch zahlreiche Vergleichstests in den europäischen Motorrad-Zeitungen für sich entscheiden konnte, läuten die Bayern nun mit der neuen R 1200 GS erneut eine Revolution ein. Sie verleihen dem erfolgreichen Crossover-Konzept der GS durch Leichtbau und gehobene Sportlichkeit mehr Emotion und knackige Frische. „Wir wollen, dass BMW durch eine Schärfung des Profils jedes Modells künftig in jedem Segment die stimmigste Gesamtlösung anbietet“, erklärt Dr. Herbert Diess, Präsident von BMW Motorrad. Schärferes Profil heißt im Fall der neuen R 1200 GS: mehr Dynamik über Land, mehr Komfort auf der Autobahn und mehr Härte fürs Gelände. Damit ist die Kampfansage klar formuliert. Die neue GS soll so sportlich sein wie eine KTM 950 Adventure, dabei so alltagsgerecht und komfortabel wie eine Honda XL 1000 V Varadero und so spaßig-lustvoll wie eine Triumph Tiger, mit 109 PS immerhin die stärkste Reiseenduro auf dem Markt.

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30 kg leichter

Neben mehr Power brauchte die BMW GS vor allem eine Diät! Mit 225 kg (vollgetankt) wiegt die neue BMW R 1200 GS enorme 30 kg weniger als bisher. Satte 16 kg wurden durch konsequenten Leichtbau an Fahrwerk, Sitzbank, Verkleidung etc. gespart. Wichtigstes Bauteil: der neue Gitterrohrrahmen. Der ist ebenso wie die Telelever-Vorderradführung leichter und steifer, erlaubt daher eine idealere Konzentration der Massen nahe am Gesamtschwerpunkt des Motorrades. Optisch wird der Leichtbau durch das „durchsichtige“ Rahmenheck ebenso symbolisiert wie durch die nun deutlich schlankere Taille, den ebenfalls schmaleren Tank und die extrem filigranen Räder. Dass trotz des Leichtbaus nicht am Material gespart wurde und BMW bei der neuen GS durchaus Wert auf anmutige Haptik legt, beweisen am deutlichsten die aus echtem Aluminiumblech gefertigten, mit einem geprägten Schriftzug versehenen, seitlichen Tankabdeckungen. Dass diese im täglichen Einsatz irgendwann ihre matte Oberfläche einbüßen und stattdessen speckig-poliert glänzen werden, ist gewollt. „Die einsatzbedingte Patina, welche diese Teile im Laufe der Zeit erhalten werden, ist Ausdruck von Leidenschaft und Symbol für den Abenteuergeist dieses Motorrades“, erklärt die Designmannschaft von BMW.

Fast so viel Gewicht wie am Fahrwerk, nämlich 14 kg, wurden am Antriebsstrang der neuen BMW R 1200 GS abgefeilt, davon drei Kilogramm am Motor. Dieser leistet nun exakt 100 PS (oder 98 PS in der versicherungsgünstigeren Version), wobei dies noch nicht die maximal mögliche Leistungsausbeute darstellt. „Bis zu 125 PS liegen problemlos drin“, erklärte ein Insider während der Weltpräsentation in Südafrika hinter vorgehaltener Hand. Die aufgrund der Massenreduktion geringeren Schwungmassen machen den stärksten BMW-Boxer aller Zeiten zudem drehfreudiger denn je. Beeindruckend frei und sehr geschmeidig dreht der Boxer nun locker bis zur 8.000 U/min-Grenze hoch, ist dabei aber keinesfalls weniger drehmomentstark als bisher. Und: das BMW-typische Kippmoment um die Längsachse, welches die rotierende Kurbelwelle des längs eingebauten Boxermotors bei jedem Lastwechsel produziert, ist bei der neuen GS kaum mehr spürbar! Ebenfalls gut gemacht: eine Klopfregelung - Weltneuheit im Motorradbau - sorgt dafür, dass die R 1200 GS bei Reisen in ferne Gefilde keine Verdauungsstörungen wegen schlechtem Benzin bekommt.

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Vibrationen ade

Wichtigstes Novum im neuen Boxermotor aber ist die überaus intelligent platzierte Ausgleichswelle (Weltneuheit Nr. 2). Dank ihr läuft der neue 1170-ccm-Motor fast vibrationsfrei. Die ekligen Vibrationen, welche das 1150er-Triebwerk bei höheren Drehzahlen durchschüttelten, sind passé. Und noch ein ewiger Kritikpunkt wurde endlich ausgeräumt. Das komplett neue 6-Gang-Getriebe arbeitet dank Schrägverzahnung und Muffenschaltung endlich wesentlich leiser und zudem spürbar exakter. Kein Knallen mehr beim Einlegen des ersten Ganges, kein Krachen beim schnellen Runterschalten, kein Hakeln bei ambitioniertem Hochschalten ist mehr zu hören. Alle Gänge rasten sicher, die Bedienkräfte sind gering. In seiner Gesamtheit ist der neue BMW-Boxermotor also ein rundum gelungener Kraftbolzen. Er zieht schon ab 1.500 U/min herrlich bärig an, drückt mit steigender Drehzahl kräftig vorwärts. Bei etwa 5.000 U/min gönnt er sich dann eine kleine, im Normalbetrieb nicht störende, Atempause. Danach zündet er die zweite, sehr beeindruckende Leistungsstufe, welche erst bei etwa 8.000 U/min im Drehzahlbegrenzer endet. Dass das Triebwerk trotz der gesteigerten Leistung noch etwas weniger Sprit verbraucht als das bekannt sparsame Vorgänger-Modell, sei anerkennend erwähnt. Denn so konnte der Tank, bei gleicher Reichweite, etwas kleiner ausfallen – was wiederum Gewicht spart!

Ebenso pfiffig wie das Triebwerk wurde auch das komplette Fahrwerk überarbeitet. Bestes Beispiel für das viele Hirnschmalz, das die Ingenieure in die neue GS investierten, ist die ausgeklügelte Geometrie der Paralever-Kardanschwinge. Diese ist nämlich so gezeichnet, dass sie ohne den normalerweise üblichen Längenausgleich für die Kardanwelle auskommt. Dadurch wurde die gesamte Paralever-Einheit wesentlich leichter, was wiederum das Ansprechverhalten der Federung verbessert. Zudem mindert die Schwinge dank der neuen Geometrie das Kardanmoment noch effektiver, ihre oben liegende Schubstange verbessert die Bodenfreiheit für harten Geländeeinsatz spürbar. Die große Öffnung der massiv dimensionierten Hinterradnabe ist übrigens weit mehr als nur ein optischer Gag, der Leichtbau optisch erkennbar machen soll. Durch die konische Form der Öffnung strömt ständig ein Luftstrom durch die sich drehende Nabe, was die Kühlung des Hinterradgetriebes wesentlich verbessert. In Letzteres integriert wurde der Abnehmer für die Raddrehzahl, der das ABS-System mit Daten versorgt. Und weil Bremse und Bremssattel nun schwingenfest verbaut sind, kann die gesamte Bremseinheit beim Radwechsel ab sofort am Motorrad verbleiben. 

Mehr aktiver Fahrspaß

Der Pilot der neuen GS erfährt die Konsequenz des Leichtbaus sofort. Das Handling ist absolut spielerisch, das Kurvenverhalten vollkommen neutral, die Schräglagenfreiheit befindet sich auf Supersport-Niveau. Kurzum: die neue BMW R 1200 GS wetzt um Kurven, dass es eine wahre Freude ist. Dazu gibt’s bekannte GS-Qualitäten wie den engen Wendekreis oder das samtig-weiche Fahrgefühl auf schlechten Straßen. Irgendwie schafft es die neue GS, dass sie, trotz spürbar mehr Schärfe, unglaublich leicht zu fahren ist, mehr Sicherheit und Vertrauen ausströmt, als jemals zuvor. Kaum ein anderes Motorrad gibt dem Piloten ein so gutes Gefühl, dass er alles jederzeit sicher unter Kontrolle hat. Und trotz der gehobenen Sportlichkeit stimmen alle BMW-typischen Komfortwerte. Der Windschutz ist topp, Sitzkomfort und Ergonomie ebenfalls. Weil das Motorrad schmaler baut, konnten die Fußrasten zugunsten eines bequemeren Kniewinkels tiefer platziert werden, ohne dass Schräglagenfreiheit geopfert werden musste. Die schlanke Taille ermöglicht es nun auch kleinen Menschen, sicher den Boden zu erreichen. Drei unterschiedlich hohe Sitzbänke, jede zweifach in Höhe und Neigungswinkel einstellbar, lassen jeden Fahrer seine optimale Sitzposition austüfteln. Zu Komfort und überragenden Straßeneigenschaften gesellen sich für eine so große Reiseenduro frappierend gute Offroad-Eigenschaften. Die R 1200 GS scheut weder grobes Gelände noch schnelle Schotter-Passagen. Auf einer breiten Naturstraße lagen bei der ersten Testfahrt bis zu 190 km/h Tachoanzeige an, ohne dass sich der nicht sonderlich Offroad begeisterte Autor irgendwie unwohl gefühlt hätte.

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Vorsatz gelungen?

Das wohlige Vertrauen, der schlichtweg riesige Fahrspaß und die fast grenzenlose Alltagstauglichkeit der neuen GS sind in ihrer Gesamtheit die „Revolution des schärferen Profils“, welches BMW anstrebte. Während die Konkurrenz entweder auf Reisetauglichkeit, hohe Motorleistung oder extreme Geländetauglichkeit zielt, bietet die neue GS ein noch attraktiveres Gesamtpaket als bisher. Sie ist pfeilschnell auf der Landstraße, nehmerfreudig genug im Gelände, ultra handlich in der Stadt und sehr komfortabel auf langen Strecken. Sie ist dank ihrer einstellbaren Sitzbank mit 81 cm minimaler Sitzhöhe sowie ihrer gelungenen Sitzergonomie auch für kleine Menschen geeignet und mit einem Basispreis von 11.500 Euro nur wenig teurer als ihre Vorgängerin. Optionen wie Speichenräder, Alarmanlage, Griffheizung, Navi-System mit Touchscreen, Gepäcksystem, - Weltneuheit Nr. 3 - in der Breite einstellbaren Koffern machen sie zudem perfekt individualisierbar. 

Text: Jörg Wissmann


Fotos: Max Kirchbauer
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