Kawasaki W800 und Triumph Bonneville T100

Kawasaki W800 und Triumph Bonneville T100


Retroschick von den Inseln

Man weiß auch im Alter zu gefallen. Könnte auch für Kawasaki W800 und Triumph Bonneville T100 gelten, wenn die Teile nicht nagelneu wären. Aber auch so begeistern die vermeintlichen Oldtimer die Massen. Auch wenn den meisten durchaus bewusst ist dass es sich nicht um Fahrzeuge vergangener Epochen handelt, werden beide am Treff von den meisten bewundert.

Eindruck W800 und Bonneville T100

Der Retro-Gedanke wurde bei beiden Modellen konsequent umgesetzt. Sowohl Kawa als auch Triumph glänzen mit liebevollen Details und hervorragendem Finish. Die W800 entspricht weitgehend der aus früheren Tagen bekannte W650. Auffälligstes Merkmal: die Königswelle. Optisches Highlight: der Tank. Die Lackierung, die Kniepads und die aufgeschraubten Embleme – einfach top! Auch die Schalter und Bedienelemente sind wie anno dazumal. Eher Schieberegler als Schalter. Dazu passt auch die nostalgische Sitzposition. Aufrecht mit entspanntem Kniewinkel auf der bequemen aber auf langen Strecken etwas zu weichen Sitzbank. Knieschluss gab es früher keinen, dafür stoßen sich Langbeinige auch an keiner Einbuchtung im Tank selbige an. Auch die Bonneville T100 orientiert sich an ihren Ahnen, speziell was das optische Layout des Motors betrifft. So versteckt das Triumph Motorrad die Einspritzung hinter einer Attrappe die wiederum aussieht wie ein Vergaser. Urig wirkt auch die flache und gerade Sitzbank. Sieht auch gut aus, ist aber nicht wirklich bequem da hart und ohne Halt für den Allerwertesten. Bei den Schaltern wird es dann modern, was immerhin die Bedienung erleichtert. Beide Retrobikes haben kleine Digitaldisplays in den ansonsten klassischen Rundinstrumenten. Ein verschmerzbarer Tribut an die Moderne. Und was kostet der Spaß? Für die W800 sind 8.190 Euro fällig, Triumph verlangt 8.990 Euro für die Bonneville T100.

Motoren Kawasaki und Triumph

Beginnen wir mit der Bonnie. Hier ist ein mittlerweile alter Bekannter im Einsatz. Der Reihentwin ist in ähnlicher Form ja auch in der Bonneville SE und dem Scrambler verbaut. Mit seinen 865 Kubik schwingt er sich zu 68 PS Spitzenleistung auf. Das Drehmoment von 69 NM liegt bei 5.800 Umdrehungen an. Klingt nicht wirklich berauschend, reicht aber völlig aus. Der Zweier gefällt mit spontaner Gasannahme und flottem Ansprechverhalten. Die im letzten Herbst getestete SE wirkte deutlich weniger agil. Wie gesagt, kann man der T100 nicht vorwerfen. Die hängt in allen Drehzahlbereichen ordentlich am Gas und setzt alle Gasbefehle sofort in Vorwärtsdrang um. Dabei gefällt die Bonneville auch mit schönem Twinsound. Auch hier lässt sie die Schwester hinter sich.  Im direkten Vergleich tut sich die W800 etwas schwer. Die Eckdaten lassen es schon erahnen. Trotz 773 Kubik belässt es Kawasaki bei 47 PS.

Kawasaki W800 08

Etwas Besserung im Vergleich zur W650 verspricht das Dank des größeren Hubraums gestiegene Drehmoment von 60 NM bei niedrigen 2.500 Umdrehungen. Aber: abschreiben sollte man die Kawasaki deshalb noch lange nicht. Die W800 mag zwar eine überschaubare Anzahl von Pferden im Stall haben, dafür stehen die gut im Futter und allzeit bereit. Überrascht stellt man nach einiger Zeit fest mit welch niedrigem Drehzahlniveau man mit der Kawa unterwegs ist. Dies spricht zum einen für eine gute Getriebeabstufung und zum anderen für einen guten Drehmomentverlauf. Zwar ist man mit der W800 gut unterwegs und alles andere als ein Verkehrshindernis, mit dem spontanen Vorwärtsdrang der Triumph kann sie nur mit Mühe mithalten. Insgesamt wären wir um weitere 10 Pferde froh.

Fahreindruck

Klassische Optik bei modernen Fahreigenschaften. Geht das? Ja. Zumindest im Rahmen der Möglichkeiten. Auf der W800 sitzt es sich etwas höher. Dank schmaler Taille kein Problem, die Füße finden stabilen Kontakt zum Boden. In Bewegung gefällt das Kawasaki Motorrad mit stabilem Geradeauslauf und wuseligem Handling. Die großen Räder (19 Zoll vorne, 18 hinten) sorgen für die Stabilität, die schmalen Reifen (100/90 vorne, 130/80 hinten) für das Handling. Flink geht es um die Ecken, auf Anhieb fühlt man sich auf der Kawa sehr wohl. Einmal in Schwung, nehmen die Fußrasten dann relativ schnell Kontakt zur Fahrbahn auf. Damit passt man die Fahrweise dann doch an das komfortable Fahrwerk an. Dieses könnte etwas mehr Straffheit durchaus vertragen. Speziell die Federbeine sind zu schwach gedämpft und wippen bei flotter Fahrt ordentlich nach. Auch die Bremsen fügen sich ins Gesamtbild ein. Die Verzögerung geht durchaus in Ordnung, allerdings wirken die Stopper stumpf und verlangen recht hohe Bedienkräfte. Was soll’s! Die W800 macht unterwegs einen Heidenspaß, auch wenn es hie und da mal wackelt, bleibt sie stets sehr gut beherrschbar. Mit einem Supersportler kann jeder um die Ecke fegen. Mit der Kawa fühlt es sich aber irgendwie intensiver an.

Kawasaki W800 22

Gleiches gilt für die Britin. Aber die kann alles ein wenig besser als die Kawasaki. Der Motor hängt besser am Gas und hat schlichtweg mehr Leistung. Das Fahrwerk ist straffer wodurch sich die Bonneville schon fast sportlich bewegen lässt. Aber auch bei ihr setzen die Fußrasten der Schräglage recht schnell Grenzen. Dank schmaler Bereifung auf moderner Radgröße von 17 Zoll vorne und hinten ist auch die T100 wieselflink. Spielerisch fällt sie von einer Schräglage in die andere und zieht dank straffer Abstimmung auch auf langgezogenen schnellen Kurven stabil ihre Bahn. Da werden tatsächlich sportliche Ambitionen geweckt. Von den Bremsen kann man dies allerdings nicht unbedingt behaupten. Hier hätten wir bei flotter Fahrt gerne etwas mehr Biss gehabt, oder auch einfach nur eine zweite Scheibe. Die Bremsen der Triumph sind nicht etwa schlechter als die der W800, aber die bessere Performance verlangt hier halt ebenfalls nach mehr Leistung.