Yamaha TDM 900 Jahrgang 2002 - Blick zurück

Yamaha TDM 900 Jahrgang 2002 - Blick zurück


Wenn die Basis stimmt

Ein Jahrzehnt lang waren 850 cm3 genug. Die völlig neue Generation des japanischen Allround-Stars darf nun mit 900 cm3 ins neue Jahrzehnt touren.

Alles begann 1991. Damals stellten die Yamaha-Abgesandten im Kurvenparadies Fuerteventura die TDM 850 dem fahrenden Volke vor. Jetzt, genau ein Jahrzehnt später, steht die gesamte europäische Presse in den Startlöchern, um die völlig neue Yamaha TDM 900 erneut auf den Straßen der spanischen Kurveninsel auszuprobieren. Eine Entdeckung gleich auf den ersten Metern: Der Zweizylinder – von Yamaha immer noch beharrlich Parallel-Twin genannt – ist wie schon der 850-cm3-Kollege der letzten Generation gar kein waschechter Parallel-Twin. Weil nämlich sein Hubzapfenversatz 270° statt 360° beträgt. Schaden nimmt er deshalb nicht. 

Er gewinnt vielmehr an Charakter durch die spürbaren Lebensäußerungen – der unregelmäßigen Zündfolge wegen –, die der als Nähmaschine gehänselte echte Parallel-Twin bis 1995 vermissen ließ. Die 897 cm3, ein Plus von 49 cm3, ermöglicht durch einen von 89,5 auf 92,0 mm vergrößerten Hub, lassen sich, wie ein mitgereister sehr emotionaler Journalist mit faszinierendem Gesichtsausdruck bemerkte, „schön weich ans Gas nehmen”. Auch ich kann mich dieses Eindrucks nicht erwehren. Ursache dafür ist neben den erleichterten, neu konstruierten mechanischen Innereien des Twins die auf dem FJR-System basierende Einspritzanlage mit variablem Lufteinlasskanal. Sie lässt die deutlichen Lastwechsel des Vergasermodells nicht mehr zu. Je nach Betriebsbedingung öffnet und schließt die zentrale Steuereinheit den Lufteinlasskanal und vermischt so für optimierte Verbrennung immer die richtige Luftmenge mit Treibstoff. Nur wer den Gasgriff spontan zurückschnalzen lässt, wird vom starken Bremsmoment des Motors etwas aus der Ruhe gebracht. Für genussvolle Unruhe, sprich: Vorwärtsdrang sorgen 86,2 PS bei 7500 Touren und 88,8 Nm bei 6000/min.

Yamaha TDM 900 09

Dank aufwändiger Gemischaufbereitung, Sekundärluftsystem und komplett aus Edelstahl gefertigter Abgasanlage mit zwei Dreiwege-Katalysatoren schont das Triebwerk die Umwelt gemäß EU-2-Norm. Und es erfreut des Fahrers Ohr mit wunderbarem, von leichten, angenehmen Vibrationen untermaltem, kehligem Gesang. Zurückhaltend gibt sich der 900er-Zweizylinder bei Fahrten mit Konstantgas, und er lässt dabei wieder die Reisetugenden der Vorgänger in den Vordergrund treten. Dazu trägt die neue, jetzt mit sechs Gängen bewehrte Schaltbox nicht unerheblich bei. Die Nummern eins bis fünf bieten mit engeren Getriebeabstufungen immer den perfekten Anschluss. Der neu hinzugefügte sechste Gang senkt das Drehzahlniveau und damit den bei Reisetempo zu erwartenden Verbrauch.

Die Sitzposition, die der künftige TDM-Eigner einnehmen darf, ermöglicht eine für lange Etappen sehr kommode, weil entspannte Körperhaltung. Da aber die von Bäumen nicht gerade üppig besiedelte Insel im Atlantik mehr Kurven als lange Geraden bietet, habe ich mich lieber in die vorderradbezogene, eher sportlich ausgerichtete Sitzposition begeben. Der Motor kann gar nicht anders, denn er sitzt jetzt aufrechter und weiter vorn im Rahmen, was eine nahezu perfekte Gewichtsverteilung von 49,2% auf dem Vorder- und 50,2% auf dem Hinterrad mit sich bringt.

Yamaha TDM 900 06

Keine Kosten und Mühen scheute Yamaha, um dem gelungenen Zweizylinder ein ebenso  stabiles wie leichtes Chassis zu spendieren. Das bisherige Stahlskelett musste einem leichteren Aluminium-Rahmen mit angeschraubtem Heck weichen, an dessen unterem Ende eine aus Aluminium-Kastenprofilen gefertigte Schwinge wohnt, was die ungefederten Massen verringert. Am neuen Federbein – komplett einstellbar, um es jedem recht zu machen – stützt sich die Schwinge über eine Umlenkung ab, welche die Progression beim Einfedern erhöht. 

An der Gabel mit 43-mm-Standrohren entfällt gegenüber dem Federbein die Druckstufeneinstellung, was in Verbindung mit der schwachen Progression der Gabelfedern beim abrupten Abbremsen ein zu tiefes Eintauchen zulässt. Beim artgerechten Kurvensurfen auf der Drehmomentwelle des 900er-Motors arbeiten die Federelemente dennoch hervorragend zusammen.

Yamaha TDM 900 07

Richtig beeindruckend ist der Gang, den die TDM dank der mit reichlich Grip gesegneten Sohlen der Sorte Dunlop D 220 STJ am Leibe hat. Jedem Richtungsbefehl über den gut zur Hand liegenden Lenker folgt die Yamaha spontan, ohne in Hektik zu verfallen. 

Einen entscheidenden Beitrag dazu leisten die neuen, leichteren Dreispeichenfelgen, die breitere Reifen in den Dimensionen 120/70 ZR 18 vorn (vorher 110/80 ZR 18) und 160/60 ZR 17 (vorher 150/70 ZR 17) hinten schultern. Aufgrund dieser geringeren ungefederten wie rotierenden Massen fällt auch das Aufstellmoment beim Verzögern in Schräg­lage erfreulich bescheiden aus. Bremsleistung und Ansprechverhalten der vom Supersportler R1 entlehnten Vorderradbremse sind wegen der progressiv ausgerichteten Wirkung gewöhnungsbedürftig, lassen in ihrer Wirksamkeit aber keine Wünsche offen. 

In leichtem Gelände wie auf Sand- und Schotterpisten beweist der Allrounder sein Offroad-Talent. Trotz Straßenbereifung lässt er sich auf lockerem Untergrund ausgesprochen munter dirigieren. Im Hinblick auf Ausflüge in die Botanik bevorzugt Yamaha nach wie vor zur Kraftübertragung eine Kette. Sie nimmt vor allem kleine Steinchen nicht so übel wie ein Zahnriemen. Der jedoch könnte die einzige Schwachstelle, so man denn eine finden will, der TDM ausmerzen: Unter 3500/min zerrt der 270°-Twin heftig wie ein Wachhund an der Kette. Erst darüber lässt er sich ruckfrei bis in den roten Bereich treiben, der bei 8000/min beginnt. Gerade bei niedrigen Drehzahlen, im langen sechsten Gang, würde der tolerantere Zahnriemen diese Schläge glattbügeln. Andererseits möchte ich für meinen Teil auf Trips über Schotterpisten nicht verzichten und kann daher mit der Kette gut leben. Ein großer Teil der Tourenfahrergilde dürfte das wohl auch so sehen.

Yamaha TDM 900 02

Von Grund auf neu ist auch die äußere Hülle der TDM 900, wobei der traditionelle Stil erhalten blieb. Man muss schon genau hinsehen, um die aggressivere Note des neuen Modells zu erkennen. Eine modifizierte Rückleuchte, der vordere Doppelscheinwerfer mit aktueller Multireflektortechnik, ein Cockpit mit Multifunktionsanzeige und zentral platziertem Drehzahlmesser sind weitere Indizien dafür, dass das Neu-Design der Japanerin mit viel Feingefühl erfolgte. 

Kaum ein anderes Motorrad vereint so viele verschiedene Typen in einer Silhouette: ein Quäntchen Enduro, ein Schuss Naked Bike, eine Prise Tourer –  so sieht das Erfolgsrezept seit zehn Jahren aus. Bezahlt wird aber nur ein Modell, und zwar mit 19069,- DM, wobei die Farben „Reddish Yellow Cocktail”, schlichtes „Silver” und mystisches „Very Dark Blue Metallic” zur Wahl stehen.

Dass Yamaha an den bewährten Tugenden des Allrounders auch beim neuen Modell festhielt, liegt am Markterfolg dieses Typs innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. 65000 verkaufte Einheiten – so heißt das bei den Zahlendrehern – in Europa seit 1991 machen den Twin aus Fernost zu einer sicheren Bank für den Hersteller. Die Vielseitigkeit der TDM und der ausgeprägte Charakter des starken Twins haben dieses Modell in aller Ruhe reifen lassen. Aber das klappt nur, wenn die Basis stimmt.