Deutschlandreise: Schwarzwald

Deutschlandreise: Schwarzwald


Eine Donaureise

Das also ist der Anfang von Europas zweitmächtigstem Strom, der Donau. Was man oben reinschüttet, muss unten wieder raus. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, mein "Gute-Nacht-Bier" wieder loszuwerden. Noch könnte ich einfach in die ohnehin nasse Wiese pinkeln. Oder an die große Birke da hinten. Nein - ich kann es einfach nicht lassen. Ein prüfender Rundumblick: Niemand da.

Eine nasse Wiese im Schwarzwald

Unsere Maschinen stehen verwaist am Waldrand und Gabi schaut gerade weg. Die Versuchung ist zu groß - jetzt oder nie: In hohem Bogen lasse ich es direkt in die Quelle der Donau plätschern. Für mich ist das keine Freveltat. Denn schon als Primarschüler habe ich davon geträumt, einmal mein kleines Geschäft auf eine fast 3.000 Kilometer lange Reise zu schicken. Wohl darum habe ich damals meine Lehrer andauernd mit der Frage gelöchert, wie lange mein Pipi donauabwärts unterwegs sein würde, um schließlich ins Schwarze Meer zu verschwinden. Darauf habe ich bis heute keine anständige Antwort bekommen. So ist das Leben.


Im Geographieunterricht habe ich nur lernen dürfen, dass die Donau mit ihren 2.850 Kilometer Länge nach der Wolga der mächtigste Strom Europas ist. Und dass die Donau - übrigens der größte Fluss Deutschlands - genau hier entspringt, wo ich jetzt - 32 Jahre später - mein Bierchen dem natürlichen Kreislauf der Natur zurückgebe: In einer wilden und einsamen Gegend des Schwarzwaldes oberhalb von Furtwangen. Da fällt mir ein, sogar im Geschichtsunterricht war die Donau kurz ein Thema: Von steinzeitlichen Höhlenmalereien war die Rede, und dass die Römer hier die reichen Städte der Kelten zerstörten. Sie selbst brachten Tempel und Thermen an den Fluss. Stellten Statuen auf und errichteten noch heute sichtbare Kastelle, Wallanlagen und Gräben. Diese Grenzbefestigungen waren Teil des über 600 Kilometer langen Limes. Der reichte vom Rhein bis an die Ufer der Donau. Ein römisches Tor aus schweren Quadern steht noch heute in Regensburg: Porta Praetoria. Später setzten Alemannen, Schwaben, Bayern, Fürsten, Kaiser und Könige über den Strom, folgten seinem Lauf. Bischöfe bauten gewaltige Dome in Regensburg und Passau, die Bürger von Ulm errichteten gar ein gotisches Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Steinzeitmenschen, Kelten und Römer, Fürsten, Kaiser und Könige. Alle haben zu allen Zeiten ihre Spuren an den Ufern der Donau hinterlassen. Warum also nicht auch ich?

Hose zu und los

Fast fertig. Alles ist schon wieder aufgeräumt und keiner hat was gesehen. Nur ein paar lustig tanzende Schaumbläschen auf der Wasseroberfläche verraten meine Tat. Die machen sich nun unwiderruflich auf ihre fast 3.000 Kilometer lange Reise Richtung Schwarzes Meer, schaukeln lustig im glucksenden Bächlein von dannen. Bis Ulm genießt die Donau eine unbeschwerte Jugend und man würde kaum vermuten, dass sich aus ihr im weiteren Verlauf der zweitmächtigste Strom Europas entwickelt. Jetzt noch den Reißverschluss. - Noch nie war ich am Geburtsort der Donau. Und das obwohl ich jahrelang an den Ufern dieses Flusses gelebt habe. Weit gereist bin ich schon - einmal sogar quer durch Afrika. Doch die eigene Heimat kenne ich kaum. Darum werde ich mir morgen einen Kindheitstraum verwirklichen und meinem "Donau-Pipi" hinterher reisen. Zwar nicht bis ans Schwarze Meer, aber wenigstens bis an die österreichische Grenze nachPassau.

Geheime Verfolgungsjagd

Nach dem Frühstück beginnt meine geheime, rund 700 Kilometer lange "Pipi-Verfolgungsjagd" entlang der "Deutschen Donau". Auch unsere Fahrzeugwahl passt zur verrückten Tour: Das Yamaha-Raptor-Quad und der Touratech-BMW-Umbau sorgen bei jedem Stopp für ausreichend Gesprächsstoff mit den Einheimischen. Die erste Tagesetappe führt uns bis Ulm. Im leichten Kurvenschwung lassen wir die Höhen des Schwarzwaldes hinter uns. Doch nur 40 Kilometer später kühlen die Motoren schon wieder tickend auf einem Waldparkplatz ab. Hier, kurz vor Tuttlingen, verschwindet an zwei Stellen der größte Teil der Donau einfach von der Oberfläche: Bei Immendingen und bei Fridingen ist nur noch ein kleines Rinnsal zu sehen, wo kurz vorher noch paddelnde Schlauchboote und Kanubesatzungen die Ufer unsicher machten. Das Wasser versinkt, fließt in einem ständig sich erweiternden Höhlensystem südwärts und tritt nach durchschnittlich 60 Stunden in dem zwölf Kilometer entfernten Aachtopf, Deutschlands größter Quelle, mit 10.000 Liter pro Sekunde zutage. Somit kommt ein Teil meines entledigten Bieres über die Aachquelle auch in den Rhein und damit in die Nordsee. Die Natur ist halt für manche Überraschung gut.

Der größere Teil meines kleinen Geschäftes aber tritt bei Tuttlingen einfach wieder an die Oberfläche und setzt seine lange Reise fort, als ob nichts gewesen wäre: Quer durch Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien und die Ukraine. Wer will angesichts solcher Perspektiven noch in ein langweiliges Pissoir pinkeln? Ich nicht! Doch das Schwarze Meer ist weit, und wozu in die Ferne schweifen? Zahlreiche Schlösser, Burgen und hohe Kalkfelsen mit wildromantischen Zinnen säumen das Baby-Flüsschen genau hier, am Albdurchbruch nahe der stillen Abtei Beuron. Beuron hat übrigens Beziehungen zur Schweiz, wurde bereits 861 im Besitzverzeichnis der Abtei St. Gallen erwähnt. Vorbei an romantischen Mühlen und malerischen Talwinkeln schmiegt sich das Sträßchen weiter entlang der jungfräulichen Donau, die sich mühsam durch ihr enges Tal windet, bis nach Sigmaringen. Dessen Geschichte wurde maßgeblich durch die Grafen zu Hohenzollern geprägt. Ab 1534 war Sigmaringen die Residenzstadt der schwäbisch-katholischen Linie der Preußenkönige. Die wohl größte private Waffensammlung Europas wartet in einem der Ausstellungsräume des prachtvollen Schlosses. Für militante Pazifisten bietet sich natürlich alternativ die Möglichkeit, in der schwäbischen Altstadt einfach "a gmiatlichs Tässle Kaffee" zu trinken. Bei Ehingen verlassen wir das Wasser kurz und begeben uns ins Tal der Ur-Donau. In weiten Kurven führt uns das Asphaltband nach Blaubeuren, mitten in die Schwäbische Alb hinein und mit dem Flüsschen Blau wieder heraus in die Stadt des hohen Münsterturms, nach Ulm.

In Ulm und um Ulm und um Ulm herum

Nicht nur wegen dieses Zungenbrechers ist Ulm in ganz Deutschland bekannt geworden: Im Juni 1377 legen die Ulmer nämlich den Grundstein für ein Bauwerk mit wahrhaft gigantischen Ausmaßen: Die aufstrebende Stadt an der Donau mit ihren etwa 10.000 Einwohnern baut eine gigantische Kathedrale mit Platz für über 20.000 Menschen. Finanziert wird das Bauwerk durch Spenden der Bürger. Erst 513 Jahre später, im Jahre 1890, wird das Ulmer Münster, mit dem Ausbau des Hauptturms zum höchsten Kirchturm der Welt, vollendet. Böse Zungen behaupten gar, die schlauen Schwaben hätten mit der Fertigstellung des 161,5 Meter hohen Gotteshauses solange gewartet, bis die Türme des Kölner Doms schon standen. Einfach nur um noch eins oben drauf zu setzen. Hoch hinaus wollte auch ein Ulmer Bürger: Albrecht Ludwig Berblinger, bekannt als "Der Schneider von Ulm". Der konstruierte in den Jahren 1810 bis 1811, also lange vor den Gebrüdern Wright, einen Apparat, der ihm die Möglichkeit geben sollte, wie ein Vogel durch die Luft zu gleiten. Am 31. Mai 1811 versuchte Berblinger - in Anwesenheit des Königs - über die Donau zu fliegen. Es misslang, da über der kalten Donau die Thermik fehlt. Berblinger wurde zum Gespött der Bürger. Erst 1986 wurde mit dem nachgebauten Original-Flugapparat Erstaunliches bewiesen: Berblingers Fluggerät konnte wirklich fliegen.

Ein anderer Ulmer veränderte die Welt erfolgreicher: Albert Einstein. "Ob grad, ob schief - 's ist alles relativ." In diesem Zweizeiler haben die Ulmer die Lehre des großen Physikers vielleicht nicht vollständig, jedoch kurz und verständlich zusammengefasst. Einstein hatte von seinen 76 Lebensjahren zwar gerade mal 15 Monate in Ulm gelebt - dennoch sind die Ulmer stolz darauf, dass das weltbekannte Genie in ihrer Stadt geboren ist. Und auch Einstein selbst hat sich positiv über seinen Geburtsort geäußert: "Auch der Geburtsstadt verdanken wir einen Teil unseres Wesens. So gedenke ich Ulm in Dankbarkeit, da es edle künstlerische Tradition mit schlichter und gesunder Wesensart verbindet." So beschrieb Einstein kurz nach seinem 50. Geburtstag sein Verhältnis zu Ulm. Ulm hat dem Besucher jedoch nicht nur Historisches zu bieten, sondern pulsiert mit quirligem Nachtleben. Der Stadt wird immerhin nachgesagt, sie habe die höchste Kneipendichte des Bundeslandes Baden-Württemberg. Insbesondere am Rathausbrunnen treffen sich die Nachtschwärmer und Schönen. Auch wir besuchen einen der zahlreichen Disco-Clubs. So kommt es, dass in Ulm auch der Durchlauf meines nächtlichen Cuba-Libre-Konsums in die Donau plätschert. Doppelt genäht, hält eben besser.