Fehmarn

Fehmarn


Insel zwischen Sund und Belt

Das Ostseeeiland ist mehr als nur ein Sprungbrett nach Skandinavien. Abseits ausgetretener Pfade sind stille Ecken und Winkel entlang der Vogelfluglinie zu erkunden. Höher gelegene Streckenabschnitte der Bundesstraße 202 bieten verlockende Ausblicke auf die Hohwachter Bucht, weiße Sandstrände laden ein zum Faulenzen oder Schwimmen.

Deutsche Ferienstraße Alpen-Ostsee

Auf dem Weg nach Oldenburg machen wir Rast an der Mühle von Farve. Alle paar Jahre wird auf den umliegenden Feldern Raps angebaut, dann steht die Dame im satten Gelb und reckt ihre Flügel dem Ostseewind entgegen. Leider ist sie nur noch als Ferienwohnung im Einsatz. Unsere Unterkunft erreichen wir nach einigen Kilometern - das Hotel Hoheluft in Oldenburg. Nur wenige Fahrminuten entfernt liegt die Europastraße 47, die "Deutsche Ferienstraße Alpen-Ostsee", sie tangiert Heiligenhafen und Großenbrode, hier beginnt die Brückenauffahrt. Auch wenn es die "echten" Insulaner anders sehen, seit der Fertigstellung der Fehmarnsundbrücke im Jahr 1963 ist Fehmarn wie mit einer gigantischen Nabelschnur mit dem Festland verbunden.

Bis zur Wiedervereinigung war die 185 Quadratkilometer große Scholle die einzige Ostseeinsel der Bundesrepublik Deutschland. 23 Meter über der Wasseroberfläche bietet die Brücke einen fantastischen Ausblick auf Ostholstein, die Insel und unzählige Segelboote. Kaum senkt sich die Abfahrt hinunter auf die flache Insel, setzen wir den Blinker und verlassen die verkehrsreiche Strecke über die Ausfahrt Avendorf.

Neuer Kurs: Die Inselhauptstadt Burg auf Fehmarn. Uriges Kopfsteinpflaster, alte Fachwerkhäuser und schmale Gassen prägen ein typisches Kleinstadtbild. Kräftig durchgeschüttelt erreichen wir den alten Fährhafen Burgstaaken, er wurde mit dem Bau der Brücke und der Entstehung des gigantischen Skandinavien-Fährterminals Puttgarden fast um seine Existenz gebracht. Früher wurde der ein Kilometer breite und bis zu neun Meter tiefe Sund mit Fähren überquert. Heute ist der Hafen ein beliebter Liegeplatz für Sportboote und Fischkutter. Das Lotsenhaus hat seine Bedeutung verloren und erinnert nur noch an vergangene Zeiten. Zum Trocknen ausgebreitete Netze verbreiten ihren eigenen Duft, Möwen kreischen, Kuttermotoren laufen warm, fertig zum Auslaufen - Hafenidylle.

Bei einem Pott Kaffee und dem obligatorischen Fischbrötchen ein schneller Blick auf die Generalkarte: Verfahren unmöglich - alle Wege führen nach Burg. Auf menschenleeren Straßen schwingen wir an windschiefen Bäumen und Knicks vorbei zum östlichsten Punkt des Eilandes - der Leuchtturm von Staberhuk. Als "Huk" bezeichnet der Fehmarner ins Meer ragende Landnasen, auf denen ein Leuchtfeuer steht. Einmal nicht aufgepasst und eine Lücke im Knick übersehen, ergreift der Wind urplötzlich seine Chance und drängt das Motorrad aus der Spur. Hier an der Ostsee geht immer eine steife Brise, hunderte von Windrädern sind über die ganze Insel verteilt und nutzen den ständigen Luftstrom zur Energiegewinnung.

Anschließend tasten wir uns an der Küstenlinie entlang nach Norden zum nächsten Leuchtfeuer - Marienleuchte. Der Raps steht Mitte Mai in Vollblüte, sein schwerer Duft findet den Weg in den Helm und betäubt die Sinne. Im Fährterminal Puttgarden herrscht reger Betrieb, eine Fähre nach der anderen öffnet ihr Riesenmaul für Kraftfahrzeuge aller Art auf dem Weg von und nach R¯dbyhavn auf der dänischen Insel Lolland. Freunde skandinavischer Gaumenkitzel sollten den Bordershop aufsuchen - für Faxe, Tuborg oder Carlsberg-Bier findet sich immer ein Plätzchen im Koffer. Der Name Vogelfluglinie stammt übrigens von den unzähligen Zugvogelschwärmen, die ebenfalls die kürzeste Strecke, Fehmarn-Belt, für ihre Ostseeüberquerung nutzen. Wer mehr über die gefiederten Durchreisenden erfahren möchte, sollte dem Vogelschutzgebiet Wallnau an der Inselwestküste einen Besuch abstatten.

Unsere Rundtour geht weiter. Am Strand von Gammendorf angekommen, macht ein Gedenkstein darauf aufmerksam, dass die sonst so friedliche Ostsee im Sommer 1932 das Segelschulschiff "Niobe" verschlang. Acht Kilometer vor der Küste brachte eine Gewitterbö das Schiff zum Kentern, 69 Menschen fanden den Tod. Seit dem heißt hier fast alles "Niobe" - das Restaurant, das Café, der Imbiss, der Campingplatz, eigentlich der gesamte Strandabschnitt. Wer auf die Rente scharf ist, kann sich aufs Altenteil verziehen, das gleichnamige, kleine Dorf findet sich auf dem Weg zum Leuchtturm Markelsdorfer Huk. Viele der Straßen Fehmarns führen als Sackgassen bis an den Strand. Wer Ruhe und Erholung sucht, findet immer ein einsames Fleckchen, um die Seele baumeln zu lassen, denn Fehmarn gehört zu den sonnenreichsten und zugleich regenärmsten Gebieten Deutschlands.

In Petersdorf ein schneller Blick auf die Straßenkarte, rechts halten - neuer Kurs: Flügge, mit dem letzten Seefahrtszeichen des heutigen Tages. Ist die östliche Hälfte des Eilandes durch die ständigen Winde rau und spröde, wechselt auf Westfehmarn die Landschaft ins Liebliche. Die Felder und Scheunen werden größer. Reiche Ernteerträge belohnten mit dem Titel "Kornkammer Schleswig-Holsteins". Mehr über Historie und Technik der vielen Mühlen Fehmarns kann man im Mühlen- und Landwirtschaftsmuseum Lemkenhafen erfahren.

Mit einer herzoglichen Verordnung aus dem Jahr 1617 wurde jeglicher Bodenverkauf an Adlige untersagt. So konnten keine Großgüter entstehen, die für Fehmarn typischen kleinen Bauerndörfer blieben erhalten. Aber nicht nur das Land brachte Lohn und Brot, auch das Meer schenkte Nahrung und Arbeit. Vor der Aalkate in Lemkenhafen stoppen wir die Motoren und betreten die Räucherei. Die umfangreiche Auswahl an frischem Räucherfisch lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Im Garten, wo früher Netze und Boote repariert wurden, laden jetzt rustikale Bänke und Tische zum Verweilen ein. Aal, Heilbutt und Makrele verwöhnen unsere Gaumen. Der Blick geht zum Horizont, im Dunst sind die kühn geschwungenen Bögen der Fehmarnsundbrücke zu erkennen.

Text & Fotos: Frank Sachau

Weitere Infos:

Hotel Hoheluft - Ob als Zwischenstopp auf dem Weg nach Skandinavien, als Ausgangspunkt für Fahrten ins Binnenland, oder die Tour an den Ostseestrand - die Brüder Blunk bieten neben komplett ausgestatteten Gästezimmern und ausgezeichneter Küche auch so manchen Ausflugstipp. Als Motorradfahrer wissen sie, was die Gäste erwarten. Schrauberecke, Trockenraum und sichere Stellplätze sind obligatorisch. DZ/Du/WC/Frühstück ab DM 95,--.

Hotel Hoheluft, Hoheluftstraße 32, 23758 Oldenburg in Holstein. Tel. 04361/2639, Fax /2629, E-Mail: Hotel.Hoheluft@t-online.de, Internet: www.hotel-hoheluft.de.

ADAC-Reiseführer "Schleswig-Holstein, Nordsee, Ostsee und Inseln". Handliches Format, ideal für den Tankrucksack. ISBN 3-87003-869-1. DM 19,80 - Die Generalkarte "Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen", Maßstab 1 : 200.000, Mairs Geografischer Verlag, ISBN 3-82972-020-3, DM 12,80.