Frankreich: Südfrankreich

Frankreich: Südfrankreich


Canal du midi

Lebendige Zeitgeschichte zum "Erfahren" und "Begreifen" - Unterwegs auf den Spuren eines genialen Mannes, dem "Macher" des Canal du Midi.

Frankreich vom Feinsten

Das Languedoc, jener Landstrich zwischen den Montagne Noire im Norden und den Pyrenäen im Süden, hat einem Mann und seinem Traum viel zu verdanken. Pierre-Paul Riquet, geboren im Jahr 1604, war wie besessen von dem Gedanken, Atlantik und Mittelmeer durch einen Kanal zu verbinden.
Als Spinner und Phantasten ausgelacht, waren schon viele Baumeister an den zu erwartenden Kosten und Problemen gescheitert. Riquet schaffte es, bis zu Colbert, dem Finanzminister König Ludwigs XIV. vorzudringen und Gehör zu finden, galt es doch, das wirtschaftlich am Boden liegende Südfrankreich zu fördern. Pläne wurden erstellt, Verträge geschlossen , dann folgte der erste Spatenstich 1666. Die Eröffnung seines genialen Meisterwerks am 15. Mai 1681 durfte Riquet nicht mehr erleben. Er verstarb sieben Monate vorher, völlig verarmt, weil er seine letzten Mittel in das Projekt gesteckt hatte.


Seit der Einweihung des Kanals sind mehr als 300 Jahre vergangen. Esel und Lastkähne transportierten damals die Haupterzeugnisse der Corbiéres - Schafwolle und Wein, denn Straßen waren Mangelware. Heute dient der völlig intakte Wasserweg nur noch den Touristen. "Hobbykapitäne" ohne Bootsführerschein dürfen mit Hausbooten, den so genannten "Pénichettes", auf dem Canal du Midi fahren - allerdings nicht schneller als sechs Stundenkilometer. Will der Motorradfahrer dem Kanalverlauf folgen, sind die Generalkarte und etwas Spürsinn nötig. Auf dem 240 Kilometer langen Weg von Toulouse nach Sète, wo die Schifffahrtsstraße ins Mittelmeer mündet, sind mehr als 60 Schleusen, 130 Brücken und 55 Aquädukte zu passieren. Einen großen Teil dieser Kunstbauten kann man abseits der Hauptstraße finden. Beim Bau sind etliche tausend Platanen am Ufer gepflanzt worden, zum Schutz vor Verdunstung und zur Befestigung der Böschung - ein herrlicher Ort zum Rasten.

Querfeldein

Kies knirscht unter den Sohlen unserer Endurostiefel, als wir uns auf den Weg zur Garage machen. Rolf, der Chef des "Maison Las Clauzes", ist entgegen seiner sonstigen Gewohnheit mal früh aufgestanden, um mit uns in die Montagne Noire zu fahren - der letzte Ausläufer des Zentralmassivs, in dem Riquet zahlreiche Quellen entdeckt hatte, die die Wasserversorgung des "Canal des Deux Mers" während der Trockenperiode sichern sollten. Wir überqueren den Lauf der Aude und folgen der Hauptstraße bis Homps. Hinter Minerve tauschen wir Asphalt gegen Piste. Die Freude über die wunderschöne Landschaft währt nicht sehr lange. Mit heftigem Getöse prasseln unzählige Steine gegen den Motorschutz. Eine Staubfahne folgt unserer kleinen Gruppe. Die Fotoausrüstung wird sich wohl in tausend Einzelteile zerlegen. Ich wiederhole ständig Rolfs Rat - Lenker lockerlassen, die Fuhre sucht sich selbst den Weg! Wir stehen in den Rasten, durchqueren Knie hohes Gras und folgen unserem "Tourguide" - Rolf kennt die Gegend wie seine Westentasche.

Bin heilfroh, bei St. Pons endlich wieder festen Boden unter den Rädern zu haben. Ein 360 Grad-Panorama verspricht uns der Blick auf die Generalkarte. Hinter dem Kürzel N.D. de Tredos verbirgt sich ein uralter Kirchenbau, umgeben von schattigen Obstbäumen. Eine quietschende, aber funktionsfähige Pumpe schenkt uns eine willkommene Erfrischung. Die anschließende Etappe Olargues - Col de Fontfroide - Fraisse - Anglès - Mazamet bringt endlosen Kurvenspass, gepaart mit Ausblicken ins Land, und Fahrten durch unglaublich dunkle Wälder. Jede Regenwolke scheint sich hier zu erleichtern.


Die D 118 führt in Richtung Carcassonne, doch wir machen einen kleinen Umweg, folgen dem Lauf des Orbiel nach Lastours, um den vier Festungstürmen aus der Katharerzeit (Biker Szene 8/99) einen Besuch abzustatten. Der Legende nach ließ Simon de Montfort, Befehlshaber aller Kreuzritter, zehn Männer aus dem Ort Bram gefangen nehmen. Neun von ihnen wurden aufs Äußerste misshandelt, der zehnte, mit den Geschundenen im Schlepptau, hatte die Botschaft zu überbringen, den Verteidigern von Lastours würde es ebenso ergehen, sollten sie nicht aufgeben.

Entlang der Ande

Carcassonne wollte sich anfangs nicht an der Finanzierung des Kanals beteiligen, erst Jahre später, getrieben durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Kanalanrainer, wurden Mittel bereit gestellt. Heute ist die Festung, die ein wenig wie Disneyworld anmutet, ein beliebtes Ausflugsziel. Wir stellen unsere Motorräder auf einem bewachten Parkplatz direkt an der mächtigen Stadtmauer ab und schlendern durch die engen Gassen. Kurze Zeit später treiben wir die Bikes durch verschlafene Nester den Kanal entlang gen Osten. Das breite Tal der Aude ist Heimat riesiger Rotweinanbauflächen - schmackhafte, ehrliche Landweine, im Anschluss an eine zünftige Motorradtour genossen, lebt es sich wie Gott in Frankreich.

In Trèbes klappen wir die Seitenständer zur Pause aus, es lockt die Dreifach-Schleuse zum Besuch, damals eine von vielen technischen Meisterleistungen. Die Kapitäne und ihre Mitreisenden müssen auch heute noch beim Schleusen kräftig mit anpacken. Vom schmalen Gehalt als Schleusenwärter kann man heute nicht mehr leben, häufig werden Honig, Obst, Gemüse und selbst gemachte Marmelade zum Kauf angeboten. Sehenswert ist die Schleuse von Puichéric - der Wärter vertreibt seine Zeit mit skurrilen Holzschnitzereien, die auf dem Gelände ausgestellt sind. Gute zwanzig Kilometer entfernt liegt die Hafenanlage von Le Somail. Die Gebäude und die Brücke über den Kanal sind seit mehr als zweihundert Jahren unverändert geblieben. Einen ganzen Tag brauchte das Postboot für den Weg von der Mittelmeerküste hierher.

Gegen Abend verließen die Passagiere das Boot, um in der angrenzenden Herberge zu übernachten. Der Motorradreisende von heute kehrt ein im "Maison Las Clauzes" bei Rosi und Rolf im kleinen Ort Moux an der D111 zwischen Lézignan und Capendu. Tolle Gastfreundschaft, angenehme Atmosphäre und gepflegtes Ambiente machen die Tage im Biker-Gasthof zum reinen Vergnügen.


Text & Fotos: Frank Sachau


INFO


Thema: Katharer

Minerve: Juli 1210 - nach mehrwöchiger Belagerung durch die Truppen des Simon de Montfort fällt die Stadt in die Hände der Kreuzritter. Sehr schöner Blick auf den Ort von der ausgeschilderten Panoramastraße.


Lastours: Die Türme mit den Namen Cabaret, Tour Regine, Fleur-Espine und Quertinheux liegen auf einem Gebirgskamm. Die Anlage ist bewirtschaftet, dort findet man reichhaltige Literatur, Bildbände und Postkarten mit Motiven der Corbières.


Limoux: In Limoux, D 118, am Ortsausgang Richtung Quillan findet man das Catharama. Eine Diaschau in Überblendtechnik, in deutscher Sprache. Ganzjährig geöffnet.


Unbedingt anschauen: Carcassonne, die besterhaltene, meistbesuchte Festung Europas. Mehrere Museen und Ausstellungen zum Thema. Besonders empfehlenswert: Die Fotoausstellung von Gérard Sioen mit dem Titel: "Vivre le Pays Cathare" - Impressionen aus dem Land der Katharer.



Straßenkarte

Michelin Midi-Pyrénées Nr. 235 Maßstab 1.200000, unbedingt in Frankreich kaufen, dort viel billiger!


Reiseführer

Michelin, Pyrenäen, Roussillon, Gorges du Tarn, DM 25,00 o Merian live! Languedoc - Roussillon, Verlag Gräfe und Unzer, DM 12,80


Anreise

Sehr bequem mit dem Autoreisezug der DB. Verladebahnhof ist Narbonne, nur 30 Minuten von Moux entfernt.
Infos über das Servicetelefon 0180/5241224 oder via Internet unter www.dbautozug.de

Übernachtungs-Tipp
Masion Las Clauzes - Rosi Tschöke und Rolf Kleeberg
F-11700 Moux Tel & Fax 0033 - (0)468439237

Das alte Anwesen inmitten der Weinberge ist ganz auf die Bedürfnisse von Zweiradfahrern eingerichtet und bietet für jeden etwas: Zeltplatz, Doppelzimmer oder die "Honey-Moon-Suite". Rosi und Rolf kredenzen süffige Weine und hervorragendes Essen. Garage, Waschplatz, Schrauberecke und Leihmotorräder.

- Trial-Lehrgänge mit dem französischen Ex-Champion
- Enduro-Wander-Wochen
- Biker-Weihnachten
- Anmeldung unbedingt erforderlich !!!