Frankreich: Westalpen

Frankreich: Westalpen


French Connection

Gefangen genommen vom Charme des Städtchens Barcelonette, fasziniert von der Route des Grandes Alpes und benommen vom Höhenrausch der Westalpen. Fazit: Zum Durcheilen viel zu schade.

Durch die Französichen Hochalpen nach Nizza

Bei Martigny endet die schnurgerade Straße durch's Schweizer Wallis. Gottseidank. Anja und ich wollen uns hemmungslos dem Kurvenkoller und dem Höhenrausch der Westalpen hingeben. Sind die Touristen am Großen Sankt Bernhard auf der Suche nach den letzten echten Bernhardinern, wandern unsere Blicke zum Himmel, denn die Passhöhe gilt als Wetterscheide und heute sieht es bleigrau bis zappenduster aus.

Wir verlassen die Eidgenossenschaft. Die Etappe durchs italienische Aostatal bis zur Abzweigung Montblanc-Tunnel ist Europastraße und dementsprechend mit Lastern und Wohnmobilen überfüllt. Am Colle del Piccolo San Bernardo, dem kleinen Bruder, werden jetzt, Mitte September, die ersten Souvenirshops winterfest vernagelt, kein Grenzer will unsere Ausweise sehen. Auf den Pässen ist es ruhig geworden, seitdem die Hauptverkehrsadern durch gigantische Tunnel, unabhängig von Wetter und Jahreszeit, unter den Alpengipfeln hindurch führen.

Wer den schönsten Weg an die Côte d'Azur sucht, wählt garantiert die Route des Grandes Alpes! Bei Bourg-St. Maurice treffen wir auf die berühmt-berüchtigte Strecke gen Süden. Mittlerweile haben wir unsere Reifenflanken angewärmt und ausgiebig an der Kurventechnik gefeilt. Die endlosen Kehren hinauf zum zweithöchsten Transitpass der Alpen, dem Col de l'Iseran, trösten über Bausünden und kahle Skigebiete um Val d'Isere hinweg. Die benachbarten Berggipfel sind schneebedeckt, ein saukalter Wind treibt uns in die mollig warme Gaststube der Passhütte, Zeit für einen heißen Tee.

Die folgenden Kilometer bis St. Michel gehören in die Kategorie "entspanntes Bummeln" auf verkehrsarmen Straßen. Auf dem Weg dorthin sei der Besuch der kleinen, aber feinen Kapelle St. Sébastian im Örtchen Lanslevillard empfohlen. Das Gotteshaus beherbergt gut erhaltene Wandmalereien aus dem Mittelalter. Der Col du Télégraphe gilt als Vorspiel auf dem Weg zum Galibier, der sich als rauer Geselle entpuppt und nur bei gutem Wetter unter die Reifen kommen sollte.

Gute 600 Meter tiefer rollen wir später über die Kreuzung am Lautaretpass Richtung Süden, nicht ohne vorher einen Blick auf die Bergmassen des Pelvoux-Massivs geworfen zu haben. Beim Stopp kurz vor Briançon wird die Michelin-Karte konsultiert und die Strecke durch das Tal der Durance abgesteckt. Am Stadtrand von Embrun, das schon zu Römerzeiten Hauptstadt der Provinz Alpes Maritimae war, liegt einer der größten Stauseen der Alpen, der Lac de Serre Poncon - so lang wie sein Name: 20 Kilometer. Diese riesige Wasserfläche zu umrunden oder ein Stück zu begleiten gestaltet sich als äußerst abwechslungsreich. Die kurvige Straße läuft mal direkt am See entlang, um dann plötzlich auf Höhe zu gehen und den einen oder anderen Panoramablick zu bieten.

Wir verlassen die Region "Hautes-Alpes", uns öffnen sich die "Alpes-de-Haute-Provence". Entlang der Ubaye geht es bis nach Barcelonette, dem Zentrum des Tales. Die Ortsdurchfahrt ist gut ausgeschildert, das von Freunden empfohlene Hotel Azteca schnell gefunden. Nach dem Einchecken erkunden wir auf Schusters Rappen die nähere Umgebung. Obwohl voll und ganz provenzalisch, scheint Mexiko hier eine große Rolle zu spielen. "Mexikaner-Häuser" prägen das Stadtbild, seit Auswanderer nach Unruhen in Mittelamerika um 1910 in ihre Heimat zurück kehrten.

Am nächsten Morgen starten wir in aller Herrgottsfrühe die Maschinen. Befreit vom umfangreichen Gepäck, wedeln wir leichtfüßig auf der gut ausgebauten Bergstrecke über den Col de Vars hinunter nach Guillestre. Sehenswert ist die alte Festungsanlage Mont-Dauphin, geplant von dem berühmten Baumeister Vauban. Er hat im 17. Jahrhundert halb Frankreich uneinnehmbar gemacht und verstand es hervorragend, Militärbauten mit einer Portion Eleganz zu verbinden. Durch mehrere Tunnel und die Combe du Queyras führt die Trasse hinauf Richtung Col d'Izoard. Unterhalb der Passhöhe müssen wir eine durch Erosion entstandene Mondlandschaft durchqueren. Der Name dieser überdimensionierten Geröllhalde prangt auf einem verwitterten Holzschild am Rande der Straße: Casse Déserte. Der Col d'Izoard ist ein typischer Bikertreff. In Kauderwelsch, mit Händen und Füßen wird über den bisherigen Tourverlauf berichtet, Zubehör und verwegene Umbauten werden begutachtet, anschließend noch das obligatorische Passfoto und weiter geht's.