Italien: Trentino/Alpen

Italien: Trentino/Alpen


Erlebnisreiches, natürlich faszinierendes Trentino

Natur- und Landschaftsschutz im Trentino - Wir streifen auf einer Soft-Tour durch alle Landesebenen.

Soft-Tour: Mendelpass, Lago di Capriolo, Valle di Peio

Kehrenüberwuchert. So könnte man die Straßenführung über den Mendelpass beschreiben. Gifts, Geschenkartikel, Reisemitbringsel - damit beinahe komplett überwuchert ist auch das Städtchen am obersten Passpunkt. Aber das haben ja Touristenhochburgen so an sich. Aus dem üblichen Nippes-Rahmen fällt hier ein Laden, der auf einem großen Platz vor dem altehrwürdigen Gebäude allerlei Kuriositäten aus diversen Metallen anbietet. Eine komplette Ritterrüstung ist sogar dabei. Und erst die aufgestellten Kräder aus der Annodazumal-Zeit, gerne im Fachjargon auch "Perle des Monats" genannt. Da zeigt das Metall mal in seiner ganzen rauen Wirklichkeit, was unedles Altern bedeutet: Rost. Jede Menge. Von dem sind wir zum Glück noch nicht befallen.

Auf der Handelsroute

Also geht's in hurtiger Fahrt weiter, rüber zur SS 43 d. Heute möchte ich die Strecke zwischen dem Mendelpass und dem Passo del Tonale zurücklegen, eine uralte Handelsroute, um die 100 Kilometer lang. Der Kurs wird mich durch das Val di Sole und das Val Vermiglio führen, vorbei an einem der 300 Seen, die das Trentino zum "kleinen italienischen Finnland" machen. Doch noch bevor der Lago di Giustina in Sichtweite kommt, genieße ich die gemäßigte Abfahrt ins Tal. Für ein Foto von diesem Panorama mit dem imposanten Blick auf die majestätische Brenta-Gruppe halte ich kurz vor Sanzeno an einer der duftenden Apfelplantagen an. Noch während ich die Kameraeinstellung ausprobiere, erscheint neben mir der zugehörige Obstbauer mit seinem Sohn im Gefolge.

Freundlich interessiert möchte er wissen, ob mir die Berge und die Landschaft seiner Heimat gefallen. Und während er mir die Namen der einzelnen Massive dort am Horizont voll Stolz aufsagt, reicht er mir ein paar saftige gelbe Pflaumen. Zuckersüß. Als hätte er geahnt, dass ich gerne von den Früchten genascht hätte. "Die Äpfel sind erst am 20. September reif," erzählt er mir mit beinahe ernstem Tonfall. "Der Sommer war sehr trocken, da musste viel gewässert werden," erläutert er in gebrochenem, aber gut verständlichen Deutsch - und ganz ohne großes Wehklagen. Zum Abschluss drückt er mir noch zwei von den fruchtfleischigen Dingern in den Motorradhandschuh, dann verabschiedet er sich mit großer Höflichkeit und wendet sich wieder seinen Bäumen zu.

Im Reiserhythmus

Die schweren Düfte der fruchtbaren Tallandschaft begleiten mich bis runter zum Santa-Giustina-See, den ich in seiner vollen Bandbreite erleben darf, weil ich bei Caredo rüber zur SS 43 und noch weiter nördlich auf die SS 42 wechsle. Dabei hätte ich die Burg bei Cles in Augenschein nehmen können, die sich heute in Privatbesitz der Barone von Cles befindet. Urkunden belegen ihre Existenz von 1144, die sich schon damals im Eigentum der Herren von Cles befand. Im Inneren soll es Säle mit wertvollen Fresken und eleganten Kassettendecken geben. Aber das Wetter wäre jetzt viel zu schön, um diese Aussagen zu überprüfen.


Stattdessen treffe ich auf zwei Zweitakt-Fahrer, hinter deren blauer Rauchfahne ich meinen Rhythmus auf der langgezogenen Talstraße einpendele. Die werden ja wohl eventuelle Geschwindigkeits-Aposteln kennen und einzuschätzen wissen. So lärmen wir in Vertrauen auf wohlgesinnte Gesetzeshüter an Caldes und Malé vorbei, die Gelegenheiten zu Burg- und Museumsbesichtigungen geboten hätten. In Malé informiert das Heimatmuseum "Museo della Civiltà Solandra" über die Kultur des Val di Sole anhand von Nachbildungen, Lehrveranstaltungen und verschiedenen Publikationen über das Leben und Wirken der Bevölkerung in diesem malerischen Tal.


Meine jungspundigen Reiseführer verlassen mich just als sich bei Mezzana in einer langgezogenen Kurve ein ansprechendes Restaurant zum Pausieren anbietet, vor dem bereits einige Maschinen der schnelleren Machart auf dem weißen Kies parken. Im Laufe dieser gemütlichen Rastzeit füllen immer mehr Ankömmlinge die unter Bäumen frisch eingedeckten Tische. Der Speisezettel ist typisch italienischer Koloratur und bietet mir ein leckeres Nudelgericht zum Kaloriensammeln.
Jede Menge zweirädrige Reisemobile reißt´s auch an mir vorbei, offensichtlich handelt es sich um eine gern genommene Verbindung zwischen Ost und West.

Ruhestätte für Reisende

Nicht weit von dieser fantastischen Stätte der Erholung wartet der Ort Pellizzano auf mich. Den Zugang zu diesem romantisch verwunschenen Städtchen finde ich über eine Brücke, die mich erst einmal zum Fische-Beobachter werden lässt. Das hektische Gewässer gurgelt und plätschert unter Füßen und Rädern hindurch, reißt den Blick mit sich durchs Tal. Langsam rolle ich durch eine enge Gasse, den hoch erhobenen Kirchturm als Ziel. Direkt neben dem Portal stelle ich die Maschine ab, werde dabei von einem Greis beobachtet, der die Mittagsruhe auf seinem Holzschemel an die schattige Hauswand gelehnt genießt. Niemand kann von ihm unbeobachtet den kleinen Dorfplatz betreten, der vor der Kirche Santa Maria einen romantischen Platz der Begegnung bildet.


Die heilige Stätte daselbst ist verziert mit Fresken von den Baschenis. In verwitterten Farben präsentieren sich die Wandmalereien aus uralten Zeiten. Fast ist es mir peinlich, die selige Ruhe mit dem Lärm des Einzylinders zu stören. Dennoch rolle ich noch weiter durch das gemütliche Örtchen, bis ich feststelle, dass einige Fahrzeuge von Einheimischen der Umgebung an mir vorbei alle dieselbe Richtung einschlagen: Den Berg hinterm Dorf hinauf, mit dem Hinweis zu einem See. Das macht neugierig. Da muss es doch eine Attraktion geben.
Also hinterher. Ein schmales Sträßchen mit brüchigem Asphalt windet sich im stetigen Hin und Her den Hang hinauf - ein stürmischer Gebirgsbach stürzt sich hingegen an mir vorbei in die Tiefe. Zwischen den Bäumen öffnet sich immer mal wieder kurz der Blick hinüber zu weit entfernten Felsmassiven, die sich mit ihren weißen Spitzen in den blauen Himmel bohren. Die Auffahrt ist eng gestrickt und entgegenkommende Fahrzeuge behindern etwas den Fahrrhythmus. Das ist anstrengend und lässt mich fragen, ob sich die Mühe wohl lohnt. Der Wald lichtet sich zu einem stark besuchten Parkplatz, auf dem ich mein fast kochendes Reiteisen abstelle. Für Motorräder ist das hier kostenlos.


Dann klettere ich noch ein paar Meter den Berg hinauf, ohne wirklich zu wissen, was der steile Anstieg bieten wird. Doch nach einer Wegbiegung weiß ich es: Ein malerischer Bergsee schmiegt sich hier zwischen Felsen und hohen Bäumen. Die glitzernde Wasseroberfläche spiegelt Baumwipfel und den strahlenden Himmel wider. Am weitläufigen Uferstreifen tummeln sich Groß und Klein bei Spiel und Sport. Oder dösen einfach in der Sonne. Ein nahes Ausflugslokal ergänzt die Speisen im mitgebrachten Picknickkorb um ein Vielfaches.