Schweiz: Reschenpass

Schweiz: Reschenpass


Wo sich die Grenzen Italiens, Österreichs und der Schweiz berühren...

...treffen Mittelalter und Neuzeit, Berge und Seen, Kulturen und Mentalitäten aufeinander. Es gilt, den Reschenpass mit all seinen reizvollen Nebenstrecken zu entdecken.

Auf Betriebstemperatur

Die unzähligen Heustadeln an den Wiesenhängen von Serfaus stehen Spalier, als wir unser morgendliches Warm-up beginnen. Die anspruchsvollen Kehren von der Tiroler Sonnenterrasse hinab ins obere Inntal bringen nicht nur die Motoren auf Betriebstemperatur, auch der Allerwerteste wird sanft, aber nachdrücklich, in die richtige Sitzposition gebracht. Nicht ein einziger, langweiliger Kilometer liegt hinter uns, als wir auf der B 315 Richtung Süden einschwenken und die Drosselklappen weit öffnen.

Kurventanz im Steuerparadies

An der Kajetansbrücke müssen wir uns entscheiden - links bergauf nach Nauders, oder rechts ins Schweizerische Unterengadin. Am Vorabend haben wir nicht mehr getankt, in den Benzinfässern zwischen unseren Knien setzt die Ebbe ein. Da kommt das zollfreie Niemandsland zwischen Österreich und Eidgenossenschaft gerade recht. Samnaun, das Paradies der preiswerten Tabakwaren, Spirituosen und Treibstoffe ist über zwei Zufahrten zu erreichen. Die erste über Vinadi ist sogar für Busse geeignet, sie führt durch gefährliche Kurven in unbeleuchteten, engen Tunneln und Galerien bergan. Wer hier mit dem letzten Tropfen Sprit unterwegs ist, pokert hoch, und wird erst mit Erreichen der Zapfsäulen entspannen können.
Zurück im Tal quetschen wir uns durch die steil aufragenden Bergflanken der Ötztaler Alpen und der Samnaungruppe Inn aufwärts bis zur Zollstation Martina. Die Grenzformalitäten beschränken sich auf ein knappes Nicken und schon beginnt der Kurventanz hinauf zur Norberthöhe. Die ersten Serpentinen schlängeln sich noch durch dichten Wald, erst unterhalb der Passhöhe sind weite Blicke in das Unterengadin möglich. Wenige Minuten später öffnet sich vor uns ein mit Blumenwiesen geschmücktes Hochtal, mittendrin liegt Nauders.

Italienische Aussichten

Nur vier schlappe Kilometer sind es noch bis Südtirol. Vor Jahren standen rund um die Grenzstation bunte Marktstände: Obst, Speck, Schinken, Würstl und Rotwein. Doch seit dem Schengener Abkommen, der Aufhebung von Kontrollen an den EU-Innengrenzen, hält niemand mehr an, um Reiseproviant zu kaufen. Das blaue Italia-Schild mit dem gelben Sternenkranz fliegt vorüber. Die Reschenpasshöhe bildet den Eingang ins Obervinschgau. Am nördlichen Ortsrand von Reschen verlassen wir den ausgelatschten Pfad der Transitstrecke. Die Badebucht von Pitz, beliebt bei Schwimmern und Surfern, liegt hinter uns, als wir am Rojenbach entlang hinauf nach Rojen und von dort aus weiter zum Gasthaus Schöneben streben.


Mit der Vorfreude auf einen original italienischen Cappuccino genießen wir die hervorragend ausgebaute Nebenstrecke durch den dunklen Wald, über uns die Dreitausender der Sesvennagruppe. Doch wenige Kilometer später lauert die große Enttäuschung - das Gasthaus auf fast 2.100 Metern Höhe bietet keine Aussicht auf die reizvolle Seenlandschaft und ist im Sommer geschlossen. Die Abfahrt hinunter nach St. Valentin hätte eine anständige Reinigung verdient: Der schlecht erhaltene, schmale Fahrweg ist übersät von Tannennadel und Zapfen, bei Nässe eine scheußliche Rutschpartie. Ein umgestürzter Baum blockierte die Straße, der Oberförster hat eine schmale Lücke für sein Dienstfahrzeug gesägt - er muss wohl Fiat Panda fahren!

Mussolinis Erbe

Zwischen Reschen- und Haidersee treffen wir in St. Valentin wieder auf die stark befahrene Hauptstraße hinunter nach Mals. Rechts von uns taucht ein weißer Kirchenbau auf. Hoch über dem Tal thront das Kloster Marienberg, Jahrhunderte lang geistiges und kulturelles Zentrum des Obervinschgaus. Über einen riesigen, eiszeitlichen Moränenschutkegel wedeln wir bergab. Der kräftige Reschenwind beugt nicht nur die Straßenbäume, auch uns Motorradfahrer schüttelt er heftig durch.


In den Kehren um das Kriegerdenkmal entdecken wir Mussolinis Erbe, die verfallenen Bunker des Alpenwalls, doch die strategisch wichtige Lage der nur 1.500 Meter hohen Scheitelhöhe ist längst Vergangenheit. Wir biegen wieder ab, diesmal durch das enge Laatsch Richtung Schweiz.
König Ortler mit seiner weißen Eismütze scheint zum Greifen nahe. Zusammen mit der Etsch, die am Reschenpass entspringt, durchqueren wir Italiens kleinste Stadt - Glurns. Der mittelalterliche Ort ist nicht nur stolz auf Südtirols einzige, vollständig erhaltene Stadtbefestigung, sondern auch auf die malerischen Gassen und blumengeschmückten Fassaden.


Das benachbarte Schluderns stellt den Wendepunkt unserer Tour dar. Am nördlichen Ortsrand von Mals ist die Auffahrt zum Planeiltal ausgeschildert. 15 % Steigung bringen uns rasch hoch übers Tal. Erst bummeln wir durch die Blumenwiesen bei Alsack, dann folgt eine romantische Walddurchfahrt bis Dörfl bei St. Valentin, wo uns der "Wohlgeruch" des örtlichen Misthaufens zurück in die Wirklichkeit holt.