Schottland

Schottland


Europas wilder Westen

Nessie, Whisky, Wind und Regen sind die Begriffe, die jedem spontan zu Schottland einfallen. Doch diese Attribute werden dem Reich jenseits des Tweed allein nicht gerecht. Neben einer einmaligen Natur erwarten den Besuchern unzählige Mythen und Legenden, die sich um die Highlands ranken.

Andere Welt

Keine Frage, dass hier ist eine andere Welt. Auch Maggie, die Herbergsmutter von Tobha Mòr, bestätigt das. Die ältere Dame ist auf South Uist geboren, hat ihr ganzes Leben auf dem britischen Außenposten im Atlantik verbracht und möchte auch gar nicht woanders hin. Wohl deshalb empfindet sie das derzeitige Wetter auch nicht als schlecht. Der heftige Wind treibt immer wieder dunkle Wolken mit viel Regen über die Hebriden-Insel. Die meteorologischen Tatsachen haben einen bunten Haufen an Touristen in die kleine Jugendherberge gespült. Wanderer, Radfahrer, Familien, Dudelsackspieler und Motorradfahrer drängen sich in dem kleinen Aufenthaltsraum. Mehr als 20 Menschen auf nicht einmal 18 Quadratmeter.

Melancholische Harmonie

Wind, Wolken und Regen gehören zu den Äußeren Hebriden einfach dazu. Die Landschaft passt zu diesem Wetter. Es liegt eine Melancholie über diesen Inseln, die jeden Besucher unweigerlich in den Bann zieht. Einen so gemütlichen Abend, wie den in der Herberge von Tobha Mòr hat es an diesem Tag wohl nirgendwo anders auf der Welt gegeben. Es herrscht dichtes Gedränge in dem kleinen Raum. Über dem mit Kohle und Torf beheizten Ofen tropfen nasse Klamotten. In der Luft hängt ein undefinierbarer Duft, der sich aus Spaghettisoße, Hackfleisch, Bratkartoffeln, Kaffee und ein wenig Whiskey zusammensetzt. Durch das Gewirr der Stimmen dringt irgendwann die schrillen Töne eines Dudelsacks, perfekter kann ein Abend in Schottland kaum sein. Im ersten Moment kann sich ein Menschen mit modernen Bedürfnissen kaum vorstellen, was die Leute auf einer Insel wie South Uist hält. Keine Kneipen, Einkaufszentren, Kinos oder Theater. Gerade mal 300 Bewohner leben im größten Ort der Insel Lochboisdale. Der wöchentliche Kartenabend im Gemeindehaus oder die fahrenden Händler, die mit einem kompletten Kaufhaus im Gepäck in ihrem Auto auf den Hebriden umherkutschieren, sind die gesellschaftlichen Höhepunkte.

Es ist Abgeschiedenheit, das Gefühl weit draußen zu sein und fern von der restlichen Welt, die zumindest die älteren Menschen dort hält und jährlich viele Besucher auf die Inselwelt vor der Küste Schottlands lockt. Und die Hebriden sind ein Ort, wo noch Wunder geschehen. So sehen es auf jeden Fall die Bewohner der kleinen Insel Eriksay, am südlichsten Zipfel von South Uist. Vor mehr als 60 Jahren strandete ein Frachter in den flachen Gewässern zwischen den beiden Inseln. An Bord 20.000 Kisten Whisky, die bei dem Unglück über Bord gingen. Es hält sich bis heute das Gerücht, das einige Familien immer noch von diesem "Segen" zehren.

Mittelmeeridylle

Anke und mich zieht es weiter Richtung Norden. Drei Tage haben wir mit unseren Motorrädern die Single Tracks der Inseln South Uist, Benbecula, und North Uist unter die Räder genommen. Nun geht es per Fähre nach Harris. Die nördlichen Inseln Harris und Lewis sind ganz anders. Schroffe Hochebenen und bizarre Berge, die bis zu 700 Meter aus dem Meer ragen. Harris hat schon fast mediterranes Flair. Weiße Strände, türkisfarbenes Meer. Nur der Wind trübt die Mittelmeeridylle. Wir sind aber nicht böse drum. Ohne die steife Brise könnten wir es hier draußen kaum aushalten. Die Midges würden uns das Leben zu Hölle machen. Das einem so kleine Lebewesen so viele Probleme bereiten können, hätten wir uns nicht träumen lassen. Gerade mal 1,4 Millimeter beträgt die Flügelspannweite der kleinen Mücken. Eines von diesen Biestern würde man auch kaum bemerken, doch treten sie nie alleine in Erscheinung. Sie kommen immer zu Tausenden und können einen schon zum Wahnsinn treiben. In den Mooren und feuchten Wiesen Schottlands finden sie ideale Lebensbedingungen und vermehren sich prächtig. Nur Wind und Regen können diese Plagegeister im Zaum halten und davon gibt es im Reich der Clans genug.

Christliche Werte & Mythologie

Der Steinkreis von Callanish auf Lewis ist zweifellos eines der touristischen Magneten auf den äußeren Hebriden. In seiner Bedeutung wird diese 5.000 Jahre alte keltische Kultstätte nur noch von Stonehenges in Südengland übertroffen. Zur Sonnenwende sei hier der Teufel los, versichert die Bedienung in einem kleinen Café ganz in der Nähe des Kreises. Dann kämen Druiden, um ihre Zeremonien abzuhalten. Es bedarf keiner großen Phantasie diesen Steinen etwas mystisches abzugewinnen, schon gar nicht an einem Abend, wenn sich die letzten Sonnenstrahlen mit den dunklen Wolken am Himmel vermischen und die ganze Szenerie in ein dunkles Licht tauchen. Mystisch wird es auf den Äußeren Hebriden auch sonntags. Dann geht nichts mehr auf den Inseln, das öffentliche Leben kommt zum erliegen. Keine Fähren, keine Busse, die Geschäfte sind geschlossen, die ohne hin nicht sehr lebhaften Straßen sind dann wie ausgestorben. Der Sonntag gehört dem Herrn und vielleicht noch der Kirche. Wenn wir nicht ein Teil dieser sonntäglichen Auszeit werden wollen, bleibt uns nur noch eine Chance. In Kürze legt die für heute letzte Fähre von Stornoway nach Ullapool ab. Das nächste Schiff macht sich erst am Montag wieder auf in Richtung Festland. Da die Inselwelt der Hebriden sich gerade in der Umklammerung eines Tiefdruckgebietes befindet, fällt uns der Abschied nicht allzu schwer.

Zu Gast beim Highlander

Trübe und trist hängen die Wolken auf Meereshöhe. Nur langsam schiebt sich die Fähre durch diesen grauen Vorhang. Nicht einmal 100 Meter weit können wir sehen. Doch mit jeder Seemeile die wir Richtung Osten schippern wird diese Wand durchsichtiger. In Ullapool schaffen es sogar einige Sonnenstrahlen wieder bis auf die Erde. Das ist Schottland, an jeder Ecke ein anderes Wetter. Der zunehmend blaue Himmel verleitet uns zu einer "Expedition" in die Highlands. An der A 894 zweigen immer wieder kleine Single-Track-Roads ab. Meist umschlingen sie eine Halbinsel, um irgendwo wieder auf die A 894 zu stoßen. Die Straße nach Altandhu ist so eine Straße. Den ganzen Tag treiben wir die Motorräder durch das Reich des Highlanders. Drehen eine Schleife bis Lochinver und fahren zurück nach Ullapool. Nach den einsamen Kilometern durch die schottische Natur, wirkt der Ort auf uns hektisch. Kein Wunder, neben den zahlreichen Urlaubern drängen sich auch noch die Wochenendausflügler auf der Hafenpromenade.

Vielleicht hat diese Beliebtheit mit dem neuen Ruf von Ullapool zu tun? 30 C° wurden dort im Sommer gemessen. Sensationell! Durch diesen Hitzerekord schaffte es Ullapool sogar auf einige Titelseiten in der britischen Presse. Ob der Ort nun zum Mekka britischer wie schottischer Sonnenanbeter wird, bleibt jedoch abzuwarten. Für uns geht es weiter Richtung Süden. Die Insel Skye ist unser nächstes Ziel. Doch der Umweg über Appelcross, der muss einfach sein. Es ist nicht der Ort, der uns anzieht, sondern der Weg dorthin. Einige Passagen dieser Strecke brauchen den Vergleich mit einer Achterbahn nicht zu scheuen, zudem gibt einige sehenswerte Ausblicke auf die Insel Skye. Anke und ich geraten ins Shwärmen und verlieren die Zeit auf dieser Tour aus den Augen. An diesem Tag bleibt es bei den Blicken auf Skye. Wir schaffen es noch bis Dornie. Der Ort wäre wohl kaum eine Erwähnung wert, wenn es dort nicht das Eilean Donan Castle gäbe. Eigentlich keine ungewöhnliche Burg für schottische Verhältnisse. Doch der Film "Highlander" verhalf diesem schnörkellosen Bauwerk zu Weltruhm und den Bewohnern von Dornie zu einer Attraktion, die sich seitdem kräftig auszahlt.