Indien - Himalaya Gharwal

Grenzerfahrungen

Die nächsten Tage führen uns nach Gangnani, Srinagar und schließlich Gaurikund. Dort angekommen bereiten wir uns vor auf die anstrengendste aber auch beeindruckendste Etappe unserer Reise, den 14 Kilometer-Marsch nach Kedarnath mit Überwindung von 1.600 Höhenmetern, für uns Flachländer eine Extremleistung. Doch das ganze sollte indisch beginnen. Als wir unsere Motorräder abstellen kommt ein Polizist wütend auf uns zugerannt und fängt wie wild an zu schreien. Parken sei hier verboten, wir sollten zum Parkplatz, was uns 150 Rupien pro Bike kosten würde. Juma kümmert sich um ihn und Günter schlägt vor inzwischen Essen zu gehen. Der Restaurantbesitzer lässt uns jedoch wissen, dass sein Laden geschlossen sei: „You are too late“. Enttäuscht scannen wir den Platz nach einer Alternative ab. Doch dann hören wir eine Stimme hinter uns, die uns zurückruft, das Restaurant sei nun doch geöffnet. Wer will dieses Land verstehen? Inzwischen scheint sich der Polizist auch beruhigt zu haben. Juma hat ihm 100 Rupien zugesteckt, was zur sofortigen Aufhebung des Parkverbots geführt hat.
Der Fußweg ist die ganze Strecke über gepflastert. Rainer zieht es vor, sich von einem der bereitstehenden Mulis hochtragen zu lassen. Wir mieten noch ein zweites für das Gepäck. Die ersten Kilometer liegen schnell hinter uns. Auf halbem Weg machen wir einen Tee-Stopp. Und dann wird es beschwerlich. Die Luft wird immer dünner. Jeder Schritt bedeutet eine Überwindung. Die letzten 500 Meter sind die schlimmsten. Warum tue ich mir das nur an? Dieser Gedanke kreist erbarmungslos durch unsere Köpfe. Dann ist es geschafft. Stolz macht sich breit in unserer Brust.


Es ist saukalt und das Hotel nicht beheizt. Im Empfangsbereich brennt in einer kleinen Tonschale ein offenes Feuer. Wir kauern uns um die winzige Flamme, um zumindest ein bisschen Wärme zu erhaschen. Jemand reist das Fenster auf, um uns vor dem Ersticken zu bewahren. Die eindringende eisige Luft überfordert endgültig die Kraft des Feuerchens. Wir verkriechen uns in unsere Zimmer, decken uns zu mit allem, dessen wir habhaft werden können und entfliehen der Kälte, indem wir uns dem Schlaf überlassen. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass wir bei Temperaturen von minus 5 Grad geschlafen haben. Da nützte es auch nichts, das Conny die Nacht mit Motorradjacke und Handschuhen verbracht hat, gefroren hat sie doch. Beim Frühstück will irgend jemand wissen, welches Datum wir haben. Wir bleiben ihm die Antwort schuldig. Wir haben jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Hier spielt Zeit keine Rolle. Welches Datum, welcher Wochentag, sind wir in Yamunotri, Gangotri oder etwa am Anfang und Ende allen Seins angelangt. Wen interessiert das schon. Wir spüren ein wenig von dem, was die Weisen der Vergangenheit als das bewegungslose Bewegende, als den Urgrund allen Seins bezeichnet haben.


Zurück in Gaurikund will uns der Hotelmanager statt der gebuchten und bezahlten Deluxe-Zimmer dunkle, muffige Kabuffs andrehen. Trotz allen Protests bleibt er uneinsichtig. „Sorry, I cannot help you!” Günter beschließt kurzerhand in ein anderes Hotel, wenige Kilometer vor Gaurikund, umzuziehen. Wir sind einverstanden und verbringen einen gemütlichen Abend mit Tee und Rum, den uns der Hotelbesitzer beim nahegelegenen Militärcamp halblegal besorgt hat.

Einmal und immer wieder

Der nächste Tag führt uns durch „Mini-Switzerland“ nach Joshimat und Auli, einem bekannten indischen Skigebiet. Wir machen einen Tagesausflug nach Badrinath, wo wir allerdings diesmal alle auf ein heiliges Bad in den heißen Quellen verzichten. Stattdessen bewundern wir die unzähligen Sadhus, Gurus und sonstigen eigenartigen Gestalten, die sich zu Hunderten in Badrinath tummeln und deren Rechte in Nehmerhaltung erstarrt zu sein scheint. Zu unserem Kummer hat sich seit Tagen die Sonne nur sporadisch blicken lassen und die Gipfel der Sechs- und Siebentausender verbargen sich hinter dichten Wolkenschleiern. Und so betrachteten wir es als ein besonderes Geschenk, als wir am Morgen unserer Abreise von Auli bei strahlend blauem Himmel erwachten und sich uns ein schier überwältigender Anblick bot. Ja, so haben wir uns den Himalaja vorgestellt, jetzt können wir getrost nach Hause fahren.


Auf der Rückreise besuchen wir noch Devaprayak, der Ort an dem die beiden Flüsse Bhagirathi und Alaknanda sich vereinen und als Ganges ihre Reise fortsetzen. In Haridwar schließlich verlässt der Ganges die Bergwelt und setzt seinen langen Weg in der Ebene fort, vorbei am heiligen Varanasi bis nach Kalkutta. Auch wir verlassen nun, tief beeindruckt die Welt der Götter, der hohen Gipfel und reißenden Flüsse. Dies war keine normale Motorradreise. Dies war ein Erlebnis, das noch lange nachwirkt. Und eines ist sicher, wir kommen wieder, auch Rainer, der sich nun endgültig an das scharfe indische Essen gewöhnt hat. Die Saat ist aufgegangen. Die Indiensucht hat uns gepackt.


Text & Fotos: Georg Ganter

Reiseziel:

Garhwal in Uttaranchal, einem der nördlichsten Staaten der indischen Republik
Dauer der Reise: 18 Tage
Beste Reisezeit: April/ Mai und September/Oktober
Gefahrene Kilometer: ca 2.000
Schwierigkeitsgrad: Mittel, jeder gute Straßenfahrer kann die Tour bewältigen


Veranstalter:

Wheel of India GmbH, Hauptstr. 20, D-29640 Schneverdingen

Tel: 05193 –519191

info@WheelOfIndia.de

www.WheelOfIndia.de
Preis: 1.998 Euro mit HP/DZ, ohne Flug