Indien - Himalaya Gharwal

Indien - Himalaya Gharwal


Biken, wo die Götter wohnen

Was Lourdes, Canterbury oder Santiago de Compostela für den Christen, sind Yamunotri, Gangotri, Kedarnath und Badrinath für den Hindu. Seit Jahrhunderten pilgern in den Sommermonaten Tausende Hindus aus allen Ecken der Welt in den vorderen Himalaja, um ihren Göttern näher zu sein und so vielleicht einen Schritt weiter in Richtung Moksha, dem Ende des leidvollen Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt, zu gelangen.

In den Tiefen des Himalaja

Auch wir folgen dem vorgeschriebenen Yatra-Pfad von West nach Ost. Doch geht es uns weniger um Tod und Wiedergeburt. Wir sind aufgebrochen, ein Abenteuer der besonderen Art zu erleben. Auf klassischen Royal Enfield Bikes, wahrhaft vorzeitlichen Ungetümen, werden wir gut zwei Wochen in die Tiefen des Himalaja vordringen. Wir, das sind Conny, zum ersten Mal auf indischem Boden und einziges weibliches Mitglied unserer Expedition, Winnie, der schon einige Jahrzehnte Meditation auf dem Buckel trägt und sich das Ganze vor Ort ansehen will, Udo, der eigentlich nach Vietnam wollte - beide haben schon Bikererfahrung in Südindien gesammelt - Rainer, der im vergangenen Jahr mit dem Motorrad in Rajasthan war und nach seiner Erfahrung mit dem für ihn viel zu scharfen Essen, nie mehr nach Indien wollte und nun doch wieder hier ist und Georg, der schon einige Kilometer Indien unter die Räder gebracht hat. Hierher gelockt hat uns Günter, Gründer der Wheel of India GmbH, dem ausschließlich auf Motorradreisen in Indien spezialisierten Reiseveranstalter, mit dem Versprechen eines unvergesslichen Erlebnisses. Wir werden sehen.

Kopfüber ins indische Getümmel

Wir treffen uns in Delhi und eine nervenaufreibende Fahrt mit dem firmeneigenen Toyota Qualis bringt uns nach Rishikesh, wo die Bikes auf uns warten. Günter lässt uns gar nicht erst Zeit, uns langwierig auf das neue Leben einzustellen. Er gibt uns einen Stoß und wir finden uns wieder mitten in Indien. Zum Mittagessen besuchen wir ein Restaurant, in welches sich niemand von uns alleine gewagt hätte. An den Tischen um uns herum sitzen urige Gestalten, die mit den Fingern in ihrem Essen manschen und den mit einer Hand kunstvoll zu Kugeln geformten Reis mit Gemüse in den Mund schieben. Wir gucken uns ungläubig an. Doch Günter beruhigt uns, wir dürfen mit Löffeln essen. Was der Kellner dann auftischt, spottet jeder Beschreibung. Drei oder vier verschiedene Gemüse, eine spezielle indische Käse-Köstlichkeit in Tomatencreme, Basmatireis, verschiedene Fladenbrote, Yoghurt, Mixed Pickles... Wir können es kaum glauben und putzen alles bis auf den letzten Rest weg. Doch damit nicht genug. Ein paar Schritte weiter gibt es zum Nachtisch eine weitere indische Spezialität, Lassi mit Rosenwasser. Nur gut, dass wir nicht gezögert, und uns gleich kulinarisch an das wirkliche Indien gewagt haben.


Abends besuchen wir die Triveni Ghats am Ganges. Eine unüberschaubare bunte Masse Menschen hat sich versammelt zu einem Ritual, das alle unsere Vorstellungen übertrifft. Gut ein Dutzend Brahmanen Priester steht am Ufer und schwenkt riesige Feuerfackeln über dem Fluss. Übergroße Lautsprecher lassen religiöse Gesänge und Mantras über den Köpfen der Gläubigen schweben. Wie in Trance stimmt die Menge ein. Glocken und Trommeln erklingen. Wir setzen uns schweigend auf einen Steinhaufen, völlig überwältigt von diesem Schauspiel. Zurück im Hotel meint Conny, eigentlich könnte sie jetzt schon wieder nach Hause fahren, dieser eine Tag bot schon fast Erlebnis genug für einen ganzen Urlaub. Doch es liegen noch etliche Tage vor uns und am nächsten Morgen dürfen wir endlich die Bikes besteigen. Wir alle sind erfahrene Motorradfahrer und so hat keiner ein Problem mit Schaltung rechts und Fußbremse links. Auch das Ankicken macht nach einigen einführenden Worten und Tipps von Günter keine Schwierigkeiten.

Himalaya mit Hindernissen

Gleich hinter Rishikesh geht es in die Berge. Wir haben Gelegenheit, die unterschiedlichen Qualitäten indischer Straßen kennenzulernen. Teils super ausgebaut, mit glatter Asphaltdecke, dann aber ein Meer von Schlaglöchern, so groß und tief, dass das ganze Bike darin verschwinden könnte. Nach ein paar Kilometern die erste Panne, Conny hat sich einen Nagel in den Hinterreifen gefahren. Für Juma und Sonu, unser Serviceteam, kein Problem. Im Begleitfahrzeug wartet ein fertig montiertes Ersatzrad auf seinen Einsatz und nach zehn Minuten rollen wir wieder. Erstes Ziel ist die alte britische Hillstation Mussoorie. Wir wohnen hochherrschaftlich in einem seit über 150 Jahren in Familienbesitz befindlichen Chateau und dinnieren fürstlich, während die Hausherrin Geschichten aus der wechselvollen Vergangenheit ihres Heims erzählt.
Am nächsten Tag heißt das Ziel: Yamunotri. Im Quellgebiet des Yamuna, nach dem Ganges der heiligste Fluss Nordindiens kommen wir zunächst zügig voran. Doch je mehr wir ins Innere des Himalaja vordringen, desto öfter werden wir Zeugen der ungebändigten Gewalten, die hier herrschen. Immer wieder wird unsere Fahrt durch Erdrutsche verzögert und manches mal müssen wir warten, bis die Räumfahrzeuge die Straße wieder frei gemacht haben. Kurz vor Yamunotri gerät das Fahren mehr zum Reiten und ist nur noch im Stehen schmerzfrei zu bewältigen.


Die Nacht verbringen wir in einer einfachen aber sauberen Pilgerherberge in Janki Chatti. Welch ein Kontrast zu unserem gestrigen Palast. Doch wir schlafen gut und machen uns sehr früh am nächsten Morgen zu einer vierstündigen Wanderung nach Yamunotri auf. Eine befahrbare Straße gibt es hier nicht mehr. Am Ziel erwartet uns ein phantastischer Blick auf die umliegenden Berggipfel. Der Ort ist der Göttin Yamuna und ihrem Zwillingsbruder Yama, dem Gott des Todes gewidmet. Wer in den heißen Quellen, die hier aus dem Berg sprudeln, ein Bad nimmt, so heißt es, dem wird zwar nicht ewiges Leben aber immerhin ein schmerzfreier Tod versprochen. Winnie will es wissen und stürzt sich als einziger von uns in die dampfenden Fluten.

Motorradparadies

Die Fahrt führt zunächst wieder zurück über eine anstrengende Rüttelstrecke, vorbei an Hanuman Chatti, das wir kurzerhand in Kartoffelhausen umtaufen, da der ganze Ortskern meterhoch mit Kartoffeln bedeckt ist. Wir überqueren den Yamuna bei Guptakashi und erleben nun Motorradfahren von seiner schönsten Seite. Kurve auf Kurve, fast ohne eine einzige Gerade dazwischen, winden wir uns immer höher hinauf. Die Straße ist schmal und in gutem Zustand. Verkehr? Fehlanzeige. Jede halbe Stunde begegnet uns vielleicht ein einzelner Jeep mit Pilgern. Ansonsten gehört die Straße uns. Wir fahren mal durch dichte, dschungelartige Wälder, dann vorbei an endlosen Terrassenfeldern, die noch mit Ochse und Holzpflug bestellt werden. Zur einen Seite geht es Hunderte Meter hinab in tiefe, enge, schwindelerregende Schluchten, auf deren Grund ein wilder Bergbach braust, zur anderen strebt der Berg dem Himmel entgegen und läst uns ahnen, welche Höhen wir noch zu überwinden haben. Am Abend, mit Einbruch der Dämmerung, erreichen wir ziemlich erschöpft und überfließend von den vielen Eindrücken unser Hotel in Uttarkashi.


Der nächste Morgen beginnt mit einigen Reparaturen an den Bikes. Wir stellen fest, dass die Bremsleitung an Connies Bike am Vorderrad geschleift und darunter einigermaßen gelitten hat. An einem anderen Bike muss der Vergaser gereinigt und eingestellt werden. Schon gestern war an Rainers Maschine die Rückholfeder für den Kickhebel gebrochen. Es dauert einige Zeit, bis alles wieder im Lot ist, wobei Udo, Schrauber aus Leidenschaft, gerne mit Hand anlegt. So spannend es ist, mit einem technologisch vorzeitlichen Bike zu fahren, so nervenaufreibend ist die Wartung und Instandhaltung. Günter weiß davon ein leidvolles Lied zu singen. Dennoch kann man sich kein besseres Gefährt für eine Reise durch Indien vorstellen.