Indien: Südindien

Indien: Südindien


Mit Enfields durch Indien

Kaum in Indien gelandet verschlingt mich die Hitze. Die Straßen sind ebenso so bunt wie überfüllt und an allem und jedem bleiben mei-ne europäischen Augen hängen. Der erste Ein-druck ist überwältigend – die Grenze der Auf-nahmefähigkeit schnell überschritten. Und hier soll ich Motorradfahren? Zwei Wochen auf Royal Enfields durch Südindien lautet die The-orie des Urlaubs. Acht Leute, sieben Bikes.

Auf indischen Motorrädern durch das verrückteste Land der Welt.

Enfield ist mir nur von den Messe-ständen bekannt, an denen ich doch immer vorbei laufe, weil irgendwo was Spektakuläreres mit 100 PS mehr steht. Ein Oldtimer-Motorrad wie jedes andere, denke ich noch. Doch „unsere“ Enfields, wie wir sie seit der Inbesitznahme nennen, sind eigentlich gar keine Oldtimer. Trotzdem ist die Enfield Bullet wohl die technisch älteste Maschine mit 2000er Baujahr, die ich je gefahren habe. Aber in Indien gehen die Uhren eben anders, und deswegen ist die Bullet genau das richtige Bike, um in den nächsten zwei Wochen das westliche Südindien zu erkun-den.


Nicht nur ich, alle Teilnehmer sind von den Enfields begeistert. Jeder konnte sich das passende Bike aus Machismo, Electra, Bullet 350 und Bullet 500 raussuchen und auch wenn beim ein oder anderen die Beine etwas eingeklappt werden mussten – nichts was ein zusam-mengefaltetes Handtuch nicht hätte lösen können – konnten die Enfields mit ihren 14 PS dank ihrer Robustheit überzeugen. Schönes Fahrgefühl und guter Sound (nicht original) ist die einhellige Meinung nach einer Einführungsrunde rund um den Badeort Varkala. Wir scheuchen die Enfields sogar am Strand entlang und bekommen einen ersten Vorgeschmack auf den indischen Straßenverkehr.

Chaos mit System

Wesentliche Merkmale an die man vor Fahrtantritt denken sollte sind der Linksverkehr in Indien und die Rechtsschaltung an der Enfield. Wichtiger ist jedoch zu verinnerlichen, dass indische Fahrschulen die Bedienung des Fahrzeuges lehren, keine Verkehrsregeln. Die soll es zwar in irgendeiner Palmblattbibliothek geben, aber Verlass ist nur darauf, das niemand sie kennt. So sind das Abenteuer in Indien nicht etwa Linksverkehr und Rechtsschaltung, die immerhin europäischer etwa Linksverkehr und Rechtsschal-tung, die immerhin europäischer Norm entsprechen, vielmehr die metertiefen Schlaglöcher, garniert mit faustgroßem Geröll und unberechenbaren Inder auf ihren 100ccm-Japanern bilden das fahrerische Abenteuer. Auf der Straße herrscht ein vermeintliches Chaos. Doch dieses Chaos hat System. Es wird gere-gelt durch Hupen, Handzeichen, das Recht des Stärkeren (Busse sind qua-si unbremsbar) und Vorfahrt hat, wer fährt. Uns ist klar, wir können uns als ausländische Motorradfah-rer schon mal ganz hinten anstellen, aber allein mit Höflichkeit und Rücksichtnahme hätten wir nie er-folgreich eine Kreuzung überquert. Das „horn“ ist dabei wichtigstes Funktionsteil am Fahrzeug, denn der typische Inder sieht die Gefahr nicht.

Nicht nur weil er nicht so weit im Voraus denkt, er guckt auch gar nicht erst. Demnach ist die beste Kurve eine uneinsichtige, denn dann sieht man die Gefahr ja nicht. Nur durch lautstarkes Hupen kann der Inder auf die eigene Person aufmerksam gemacht werden. Was zur Folge hat, das jedes Zusammentreffen von Fahrzeugen von einem Hupkonzert begleitet wird. Eine für europäische Ohren gewöhnungsbedürftige An-gelegenheit.
Aber die Inder lieben es eben laut. Auch die Tempelfeste die wir auf unserer Reise besuchen gehen anstatt mit christlich andächtiger Ruhe mit „Pauken und Trompeten“ von statten – hat der Tempel genug Geld werden die Instrumente auch mal durch eine Stereoanlage und mindestens zehn Lautsprecherbo-xen ersetzt. Also nicht erschrecken, wenn vom Straßenrand plötzlich Gebetsverse erschallen.

Überland

Der erste Teil der Reise führt vom Cape Comoron, dem südlichsten Punkt Indiens über den Highway nach Madurai. Der Highway verschluckt unseren ersten fahrerischen Schock, „Augen zu und durch“ heißt die Devise. Langsam entwickelt sich der richtige Kampfgeist und ein beherzter Dreh am Gas ist allemal besser als hinter den stin-kenden Lastern zu fahren. Wir sind schneller als der indische Verkehr unterwegs, wo 80km/h üblich sind, unsere Enfields schaffen 100km/h und wir schaffen die Tagesetappen von rund 200 Kilometer bequem bis zum Nachmittag.
Madurai ist die Hauptstadt Tamil Nadus. Nun sind die Städte Indiens bei all der faszinierenden Ausstrahlung nicht gerade das Paris des fernen Ostens. Unter die Schwaden von Weihrauch- und Räucherstäbchengerüchen, die durch die Straßen ziehen, mischt sich der Mief des Mülls in den Rinnsteinen und der stechende Geruch von Kloake. Das erwartete Elendszenario aus meinem Kopf bleibt aus, aber ganze Familien die auf der Straße leben, Bettler, Behinderte und verwesende Kadaver zeichnen das Straßenbild ebenso wie die farbenfrohen handgemalten Werbeschilder, die rasanten gelben Motor-Rikschas (tuk-tuks), die unzähligen kleinen Buden und in Sari gewandete Frauen.


Wir genießen die abendlichen Spaziergänge nach den anstrengenden Fahrten um so mehr. Das Besichtigen von Tempel gehört genauso dazu wie das Essen in indischen Restaurants. Schnell haben sich die Indisch-, Halb-indisch- und Bolognese-Esser herauskristallisiert – die scharfe und fettige indische Küche, die angeblich am besten schmeckt, wenn man sie mit den Fingern isst – verträgt sich nicht mit jedem Magen.