Niedersachsen: Nordseeküste

Niedersachsen: Nordseeküste


Auf Kaperfahrt

Das Land zwischen Elbemündung und niederländischer Grenze ist zwar flach wie ein Brett, aber keineswegs langweilig. Verzichtet der Motorradreisende auf Augenklappe, Entermesser und Totenkopfflagge, ist er in jedem Hafen willkommen.

Störtebekerstraße

Feuchte Kälte sucht ihren Weg durch meine Motorradklamotten. Schuld daran sind die dicken Nebelbänke, die träge durch die Marschlandschaft ziehen. Der glutrote Ball der aufgehenden Sonne zeichnet sich scharf in den Schwaden ab; Kühe stehen bis zum Bauch in grauer Watte. Stoisch wische ich alle paar Kilometer die beschlagenen Rückspiegel frei, dann liegt plötzlich die Fähre Glückstadt - Wischhafen vor mir. Kaum hat der Seitenständer meiner GS die schwankenden Planken berührt, lässt der Schiffsdiesel alles vibrieren, wir legen ab, und für vier Euro darf ich 30 Minuten lang die Fahrt quer über den Elbestrom genießen. Die Sonne hat mittlerweile den Kampf mit dem Nebel gewonnen und das schwarze Leder spendet wohlige Wärme.

Stürzt den Becher

Mit einem sanften Bums erreiche ich Niedersachsen und biege Richtung Freiburg an der Elbe ab. Der Obstmarschenweg, wie die Störtebekerstraße hier noch heißt, macht seinem Namen alle Ehre - riesige Plantagen liefern schmackhafte Vitaminspender, zahlreiche Direktvermarkter laden zum Einkauf auf ihre Höfe ein. Pappeln und Birken säumen die Alleen hinter dem Deich der mächtigen Nordsee, wo Klaus Störtebeker Ende des 14. Jahrhunderts zwischen Elbmündung und Dollart sein Unwesen trieb. Der um 1370 geborene Seeräuber und Anführer der Vitalienbrüder und Likedeeler hat seinen Namen aufgrund zahlreicher Zechgelage - "stürzt den Becher" - erhalten. Ich muss heute noch weit fahren, um ein frisch gezapftes, friesisch herbes Jever Pilsener zu bekommen. Rechts vom Gasgriff werden mich den ganzen Tag lang mächtige Wälle begleiten, die das flache und fruchtbare Land vor den Wogen des Wattenmeeres schützen. Vor dem Deich geht der Blick bis zum Horizont, "achtern Diek" warten reizvolle Nebenstrecken.

Windmühlen und Schwarzbunte

Cuxhaven befindet sich im Ausnahmezustand, ein Großseglertreffen und viele Polizisten hindern mich am Besuch des Amerikahafens. Da kommt die stressfreie Nebenstrecke über Nordholz gerade recht. In der Heimat der schwarzbunten Kühe und flauschigen Schafe sind die hoch aufragenden Windmühlen schon von weitem zu erkennen. Nirgendwo ist der Himmel weiter als über der niedersächsischen Nordseeküste. Wissbegierig besuche ich in Dorum das Museum für Deichbaukunde und im benachbarten Wremen das Museum für Wattfischerei. Eine willkommene Pause bietet danach der Ankerplatz am ausgestellten Fischkutter "Koralle". Die Weser trennt Bremerhaven von Nordenham - zwanzig Minuten benötigt die Fähre hinüber zum Ostufer der beschaulichen Halbinsel Butjadingen. Eine kleine Unterbrechung im entspannten Dahingleiten bietet der kleine Hafen von Fedderwardersiel. Vor über 150 Jahren wurden von hier aus einlaufende Schiffe in Richtung Bremerhaven und Bremen auf zollpflichtige Waren und Schmuggelgut untersucht.

Kuscheln am Jadebusen

Eine Tasse Kaffee und ein Stück Friesentorte später nehme ich mit dem Jadebusen Kontakt auf. Die bei Varel ins Meer mündende Jade hat im Zusammenspiel mit Ebbe und Flut einen natürlichen Binnenhafen geschaffen, dessen Bedeutung schon zu Kaisers Zeiten von der Kriegsmarine erkannt wurde. Wilhelmshaven ist heute der wichtigste Stützpunkt der Bundesmarine. Am Stadtrand, wo die A 29 beginnt, nehme ich Reißaus und schlage mich in die Büsche nach Hooksiel. Nicht, weil ich auf der dortigen Trabrennbahn mein Wettglück erproben möchte, sondern weil Weite und Abgeschiedenheit meine Beifahrer sein sollen. Übrigens, die Endung -siel verdient sich jedes noch so kleine Kaff, Hauptsache es hat eine durch Schleusentore geschützte Verbindung zur Nordsee. Und dort, in weniger als zehn Kilometern Entfernung, liegen wie Perlen auf einer Schnur die ostfriesischen Inseln parallel zur Küstenlinie. Mit einem Trick habe ich mir als Schüler die Reihenfolge merken können. "Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?". Die jeweiligen Anfangsbuchstaben ergeben die Lage von Ost nach West: Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum. Auf der abwechslungsreichen Etappe nach Norddeich lasse ich die GS tanzen, der Vorwärtsdrang wird nur durch die engen Ortsdurchfahrten gebremst. In Norden angekommen, mache ich einen Abstecher ins Binnenland, nach Marienhafe, wo Klaus Störtebeker einst gern gesehener Gast war. Kein Wunder, denn sein Schwiegervater war der mächtige Friesenhäuptling Keno ten Broke.