NRW: Ruhrgebiet

NRW: Ruhrgebiet


Zwischen Kohle und Kultur Teil 1

Kohle und Stahl hatten das Ruhrgebiet mehr als 150 Jahre fest in der Hand - nun hat der Pott sein grau-rußiges Outfit abgelegt. Die alten Fördertürme und Hochöfen, wo die Malocher einst Kohle förderten und Stahl erschmolzen, sind heute zu Kulturstätten geworden. Auf einer Tour durchs Ruhrgebiet lässt sich das neue Gesicht des Reviers "erfahren".

Route der Industrie-Kultur

Wie sich die Zeiten doch ändern! Es ist noch nicht einmal zwei Jahrzehnte her, da zeigte sich das Ruhrgebiet noch rußig und grau. Das Bild der Region bestimmten rostrote Backsteinhallen, Fördertürme, Hochöfen und Schlote, aus denen unablässig Rauch in den Himmel aufstieg. Krupp, Thyssen, Hoesch und Ruhrkohle AG - diese Namen waren mit dem Ruhrgebiet fest verschweißt. Doch das war einmal; heute sind aus den einstigen Kathedralen der Arbeit Musentempel und Museen geworden.


Die Malocher sind aus den Werkshallen verschwunden, das dumpfe Dröhnen von Maschinen ist längst verstummt und wo einst Roheisen erschmolzen wurde, singen heute internationale Popgrößen oder spielen philharmonische Orchester klassische Musik. Dem Pott ging es in der letzten Zeit nicht besonders gut. Schwund der Schwerindustrie wie Kohle und Stahl waren die Symptome. Die Auswirkungen zeigten sich in Form hoher Arbeitslosigkeit. Die Politiker diagnostizierten Strukturwandel. Das Ruhrgebiet schwächelte. Seiner Identität beraubt war der Pott, einst das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, nun zu einem Sorgenkind geworden. Langsam jedoch bekrabbelt sich die Region wieder. 


Der Wandel vollzieht sich schon seit Jahren und das eher im Stillen. Sicherlich schmücken sich Landes- wie Lokalpolitiker gerne medienträchtig mit der Ansiedlung von Unternehmen, die neue Arbeitsplätze bringen, wie zum Beispiel das Centro in Oberhausen, zur Zeit Europas größte überdachte Konsummeile. Doch das ist nur ein Teil des Wandels. Der andere Teil findet sich in der Vergangenheit. Von der gigantischen Industrie, die dieser Region ihren Stempel aufdrückte und die Menschen prägte, sind nur noch Bruchstücke vorhanden. Von dem, was übriggeblieben ist, stehen viele Überbleibsel nun unter Denkmalschutz; die schönsten und interessantesten Gebäude wurden zu einer Tour zusammengestellt, die quer durch das Ruhrgebiet führt, genannt "Route der Industriekultur".


Unzählige Male bin ich schon mit meinem Motorrad durchs Revier gefahren und abgesehen vom Wetter gab es keine großen Veränderungen. Eigentlich hatte ich mir immer eingebildet, den Pott zu kennen, war ich doch selbst im Schatten von Fördertürmen aufgewachsen und hatte meine ersten handwerklichen Kenntnisse "unter Tage" erworben. Das gehörte in meiner Familie schon fast zur Tradition, haben doch, bis auf meinen Vater, alle männlichen Verwandten "auf´m Pütt" gearbeitet.


Natürlich führten auch die ersten Motorradtouren durch´s Revier. Syburg, Baldenysee und Kaiserberg - im Sommer gab es kaum einen Sonntag, an dem ich nicht eine Tour zu einem der großen Motorradtreffen gemacht habe. Das ist jedoch schon lange her. Wohl aus diesem Grund überkam mich ein Gefühl von Nostalgie, als ich mich mit anderen Freunden zu einer Tour durch den Pott verabredete. Es sollte eine Tour werden wie in alten Tagen - Sonntagmorgens auf´s "Moped" und dann ab.


Was liegt da näher als der Route der Industriekultur zu folgen. Dazu verabredete ich mich mit Peter. Wie ich war er im Ruhrgebiet aufgewachsen, jedoch nur am anderen Ende, im Westen, und der dort war sein "Revier".
Der Ort war klar - Treffpunkt Duisburg-Kaiserberg, Sonntag 10 Uhr". Der Parkplatz in Duisburg-Kaiserberg ist voll mit Motorrädern. Wie soll ich in dieser Ansammlung von Menschen und Racern, Cruisern, Tourern, Choppern und Enduros Peter finden? Während ich noch etwas ratlos auf dem Parkplatz stehe, tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Es ist Peter. "Tach, na wie iset?" heißt er mich willkommen "Muss und selbst?" erwidere ich. "Och, geht so!" Damit ist unsere Begrüßungszeremonie beendet. Peter hat noch einige "Kumpels mitgebracht und zusammen verlassen wir den Motorradtreffpunkt, der an diesem herrlichen Tag vor Chrom, Blech und Plastik fast überläuft.


Die erste Fahrt führt durch die Häuserschluchten von Duisburg, die auf Fremde wie ein Labyrinth wirken. In einigen Stadtteilen überragen immer noch Hochöfen die Wohnviertel. Es ist ein Anblick, der in absehbarer Zeit wohl zur Vergangenheit Duisburgs gehört. Wir stoppen an einem unscheinbaren Weg, noch wenige Meter und wir stehen am Rhein. Am anderen Rheinufer - liegt die alte Krupphütte und weiter links liegt Rheinhausen, der Ort, der Ende der 80er Jahre die Schlagzeilen der Republik beherrschte. Die Malocher kämpften mit ihren Familien um die Arbeitsplätze. Es war der letzte große Arbeiteraufstand im Ruhrgebiet. 160 Tage gingen die "Kruppianer" auf die Straße, blockierten Brücken, Straßen und das Tor zum Werk. Mehr als 15.000 Menschen bildeten eine Kette der Solidarität rund um die Hütte. Genützt hat die "AufRuhr" nichts - 1993 gingen die Hochöfen in Rheinhausen für immer aus.


Wieder folgen wir Peter durch die Häuserschluchten Duisburgs Richtung Ruhrort. Die Fahrt endet dieses Mal an einem blauen Kiosk. Pause! Die "Bude" wird von großen Platanen überragt und der farbige Anstrich ist eine wahre Wohltat für die Augen zwischen all den grauen Fassaden. Aus dem kleinen Verkaufsfenster lacht uns Hüseyin entgegen. Hüseyin ist Ende 50 und betreibt diesen Kiosk seit Jahren. Er ist stolz darauf, denn kürzlich kürte eine offizielle Jury diese Trinkhalle zu der Schönsten im ganzen Ruhrgebiet - sie wurde gleichzeitig offizieller Anlaufpunkt auf der Route der Industriekultur. Mehr als 15.000 dieser "Buden" gibt es im Ruhrgebiet, an denen man nicht nur "einkaufen" kann, sondern die häufig auch das "Kommunikationszentrum des Viertels" sind.