Schweden: Götakanal

Schweden: Götakanal


Entlang des blauen Bandes

Wie ein blaues Band zieht sich der Götakanal von Göteborg am Kattegat bis hinauf zum Schärengebiet südlich von Stockholm. Auf seiner Route durch Südschweden streift das „Blaue Band“ auch die Heimat von Pipi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga.

Wilder Elch

Mit einer Vollbremsung bringt Anne ihr Motorrad zum Stehen. Während sie schon wild mit ihren Armen in der Luft herum fuchtelt, bin ich noch damit beschäftigt, die Freewind rechtzeitig zu stoppen. „Da, ein Elch“, ruft sie mir aufgeregt zu. Tatsächlich, gerade sehe ich noch, wie sich das Tier aufmacht, wieder im dichten Wald zu verschwinden. Dass wir uns glücklich schätzen können, überhaupt einen „wilden“ Elch zu Gesicht zu bekommen, erfahren wir kurze Zeit später beim Tankstopp. Da es sowieso regnet, haben wir Zeit, einen Plausch über Elche mit dem Tankwart zu halten. Ja, natürlich gibt es noch massenhaft Elche in den Wäldern Schwedens, versichert er uns. Normalerweise seien sie auch nicht scheu, doch würden sie meistens den Lärm der Straßen meiden.

Seltener Besuch

Gerade in den Sommermonaten, erzählt er uns, finden sich immer wieder Berichte in den Zeitungen über das Zusammentreffen von Elchen und Menschen. Eine offene Terrassentür genügt den Tieren schon als Einladung, es sich im Wohnzimmer gemütlich zu machen. Wenn der Elch aber auf dem rutschigen Parkett nicht zurecht kommt, wird der Besuch des vierbeinigen Gastes für die Betroffenen teuer. Der Tankwart hat einige Elch-Anekdoten parat und erzählt uns auch von der Jagd, welcher jeden Herbst circa 150.000 Elche zum Opfer fallen.

Der Regen hat inzwischen aufgehört und wir können unsere Fahrt nach Trollhättan fortsetzen. Seit Göteborg folgen wir der 45. Die Straße schmiegt sich an den Götaälv, der ein Teil des Götakanals ist. Dieser Kanal, der Göteborg mit Stockholm verbindet, wird „Das blaue Band Schwedens“ genannt. Allerdings haben wir vom Kanal noch nicht viel gesehen, denn zwischen Göteborg und dem Vänernsee versteckt sich der Götakanal meist hinter Industrieanlagen.

Größtes Bauwerk Schwedens

Seine einstige wirtschaftliche Bedeutung für das Land hat das größte Bauwerk Schwedens jedoch längst verloren. Anfang des vergangenen Jahrhunderts arbeiteten mehr als 58.000 Soldaten und Zwangsarbeiter - meistens nur mit einem Spaten ausgerüstet - 22 Jahre an diesem Projekt. Mehr als acht Millionen Kubikmeter Lehm und Erde wurden dabei bewegt. Mit Hilfe von 58 Schleusen wird ein Höhenunterschied von fast 91 Metern überwunden. Heute schippern nur noch Freizeitkapitäne und Passagierdampfer auf dieser Wasserstraße.

Der eigentliche Kanal hat nur eine Länge von knapp 87 Kilometern. Die gesamte Strecke von Göteborg nach Stockholm führt die Schiffe jedoch auf eine 520 Kilometer lange Reise, wobei natürliche Wasserwege - wie beispielsweise der Vänern- oder Vätternsee - ebenfalls durchfahren werden müssen. In Vänersborg ist für uns die Fahrt entlang des Götakanals erst einmal zu Ende, denn hier mündet die Wasserstraße in den Vänernsee. Mit 5.585 Quadratkilometern ist dieser See das größte Wasserreservoir Westeuropas. Über Lidköping und Mariestad machen wir uns auf nach Törebroda, um dort wieder auf den Götakanal zu stoßen.

Trolle, Elfen und Kobolde

Langsam wird es Zeit sich einen Schlafplatz zu suchen, doch dies ist Ende Mai nicht ganz unproblematisch. In Schweden haben um diese Zeit nur wenige Campingplätze schon geöffnet. Doch dem „Allemansrätten“ sei Dank - so können wir unser Zelt in der freien Natur aufschlagen. Wir übernachten an einem kleinen Rastplatz am Vikensee. Die Nähe zum nassen Element hat jedoch auch seine Nachteile. Innerhalb weniger Minuten haben uns die Mücken entdeckt und erscheinen in großer Zahl, um „mit uns“ zu Abend zu essen.

Gespannt warten wir auf den Sonnenuntergang, denn die Wälder von Västergötland gelten als die Heimat der Trolle und Kobolde, jenen sonnenscheuen Fabelwesen der nordischen Mythologie, welche die Menschen gerne in Angst und Schrecken versetzen. Doch in dieser Nacht verschonen sie uns - vielleicht liegt es daran, dass es im Sommer auch im Süden des Landes nicht mehr richtig dunkel wird und in Schweden ein jedes Kind weiß, dass ein vom Sonnenstrahl getroffener Troll sofort zu Stein erstarrt.

Ökologisches Gaukelspiel

Am nächsten Morgen machen wir uns auf in Richtung Karlsborg. In Västergötland scheinen die Wälder unendlich zu sein. Doch der Schein trügt. Hier wird Holzwirtschaft im großen Stil betrieben; riesige Baumbestände fallen der Kettensäge zum Opfer und werden zu Brettern oder zu Papier verarbeitet. Dabei, so haben wir den Eindruck, geht die Industrie geschickt vor. Die Kahlschläge reichen nie bis zu den Straßen - einige Baumreihen werden nicht gefällt und dienen so als Ökotapete.

Am Vätternsee

In Karlsborg treffen wir wieder auf den Götakanal, der hier in den Vätternsee mündet. Der Ort wird geprägt von der Festungsanlage, die Schwedens früherer König, Karl XIV. Johan, 1809 auf einer Halbinsel im Vättern bauen ließ. Fertiggestellt wurde sie 90 Jahre später - allerdings war die Festung mit ihren zwei Meter dicken und mehr als fünf Kilometer langen Mauern längst überholt. Ein Teil der Anlage wird heute noch vom Militär genutzt. Wir sehen uns das Slutvärnet an, das mit seinen 678 Metern das längste Wohngebäude Europas ist.

Auf unserem Weg an die Südspitze des Vätternsees wechselt der Himmel seine Farbe vom strahlendem blau in ein tristes grau und in Jönköping kommen wir völlig durchnässt an. Bei diesen trüben Aussichten verzichten wir auf eine weitere Erkundung der Landschaft. Die letzten 30 Kilometer bis Gränna fahren wir auf der Autobahn. Bei der feuchten Witterung bleibt das Zelt eingepackt. Um unsere Motorradsachen wieder trocknen zu bekommen, mieten wir uns für die kommende Nacht eine Hütte.