Russland: Sibirien

Russland: Sibirien


Suche nach der sibirischen Seele

Ein spontaner Ausflug sollte es werden, mit der neuen BMW R 1200 GS im Auftrag der Firma Wunderlich. Was lag also näher, als eine Rundfahrt durch den russischen Teil des Altai Gebirges in Sibirien?

Eine Rundfahrt im Altai Gebirge

Ein spontaner Ausflug sollte es werden, mit der neuen BMW R 1200 GS im Auftrag der Firma Wunderlich. Was lag also näher, als eine Rundfahrt durch den russischen Teil des Altai Gebirges in Sibirien?
Nach nur 9 Tagen Fahrt über Polen, Litauen, Lettland, Moskau, Kazan, Perm, Tyumen, Omsk und Novosibirsk erreiche ich nach gut 6.300km den Ausgangsort meiner Altai Tour: Barnaul. Mit gut 600.000 Einwohner eigentlich eine typisch russische Industriestadt, die sich aber doch einen weltstädtischen Flair aufgebaut hat. Sicher liegt es an der Nähe der Berge und den vielen Jungen Menschen, die sich dank der zahlreichen Universitäten in der Stadt aufhalten. Fast wie ein Schloß ist die Stadt über eine große breite Brücke zu erreichen, die sich über den Obb spannt. Im hektischen Stadtverkehr treffe ich mich mit Evgenij, einem Deutsch sprechenden Russen, der mich die nächste Woche mit einigen Freunden im Auto begleiten wird.

Toskana?

In der wärmenden Mittagssonne starten wir - ich auf dem Motorrad und meine russischen Freunde hinter mir in einem Lada Jeep. Wie immer macht der flexible russische Verkehr Spaß und ich gönne mir einige Ausflüge auf den geschotterten Randstreifen. In der Staubfahne verschwindet der Jeep aus meinem Blick. Dafür finden die Augen am Horizont zum ersten Mal seit einigen tausend Kilometern plötzlich wieder halt. Sanfte Hügelketten nehmen den Blick gefangen. Von der Abendsonne beleuchtet meint man, in ein Aquarellgemälde hinein zu fahren.

Wären die russischen Ortsschilder nicht, so könnte man meinen, mitten in der Toskana zu stecken. Als Sahnehäubchen wird die Straße zur Piste und die BMW wird vom souveränen Straßenmotorrad zum Spaßmobil. In den Fußrasten stehend ziehe ich den Gashahn auf und fliege fast durch die Serpentinen der geschotterten Pass-Straßen. Im Schritttempo geht es durch sibirische Dörfer. Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe, Hühner und Hunde laufen gemächlich über die Dorfstraße, Bäuerinnen verkaufen auf kleinen Hockern ihre Erzeugnisse, aus den Schornsteinen zieht Rauch, es riecht nach Holz, Birkenzweigen und Kuhmist.

Fauchender Benzinkocher

Spielende Kinder sehen mir mit großen Augen nach und erwidern lachend mein Winken. Als die Dämmerung einsetzt und die Piste längst zum Feldweg geworden ist kommen wir an eine abenteuerliche Holz-Hängebrücke - nach dieser letzten Hürde halten wir, schlagen die Zelte direkt am Fluss auf, schnell lodert ein wärmendes Feuer und die Fischsuppe kocht auf der Flamme des fauchenden Benzinkochers. Den empfindlich kalten Nächten folgen zum Glück wunderschöne, warme und sonnige Tage mit einem blauen Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe.

Durch eine atemberaubende Landschaft geht die Fahrt erst wieder über Piste, später dann über einen heftigen Feld- und Waldweg in Richtung Ust-Kan. Anstrengend, die BMW im 1. Gang mit schleifender Kupplung über die nassen Felsen und durch tiefe Schlammrinnen zu zirkeln, trotzdem meistert die voll beladene Maschine diese Aufgabe meisterhaft. Nach einer kleinen Wasserdurchfahrt und erlösender Fahrt über eine knochenharte Piste erreichen wir Ust-Kan. Die Jurten sind schon vorbereitet, aus dem Schornstein der Banja, der russischen Version der Sauna, zieht schon Rauch und nach einem schnellen Abendessen verschwinden wir dann auch bald in der Schwitzbude. Erfrischt in Körper und Seele lassen wir danach unter einem unglaublichen Sternenhimmel den Abend ausklingen - Jochen, nalewai - Jochen, schenk ein.

Nalewei - Schenk ein

Über einen steilen Felsweg geht es am nächsten Tag zu einem magischen Ort - ein reißender Gebirgsfluss bildet mitten in der Wildnis eines tiefen Canyons einen tiefen, türkisblauen See. Eigentlich war hier nur ein Mittagessen geplant, aber während wir warten, bis die Schaschlikspieße auf dem Feuer gar werden, beschließen wir spontan an diesem wunderschönen Ort zu bleiben. Zeit zur Motorradpflege, natürlich für ein Bad im eiskalten Wasser und in der Nachmittagssonne beschließen wir spontan, selbst eine Banja zu bauen. Schnell werden einige Bäume gefällt und mit vereinten Kräften starten wir unser Bauwerk mitten in der Wildnis. Im großen Feuer beginnen die Steine zu glühen und bald sitzen wir in unserer eigenen Banja, gießen Wasser auf die glühenden Steine und bearbeiten uns gegenseitig mit dem Wenik, einem Büschel aus frischen Birkenzweigen. Nach einem Bad im kalten Fluss sitzen wir noch lange am Feuer und natürlich heißt es wieder: Jochen, nalewai.

In der Ruhe liegt die Kraft

Über eine wahrlich perfekte Straße geht es Richtung Akdasch, ganz in der Nähe der mongolischen Grenze. In wunderschönen Kurven zieht sich die Straße den Bergen entlang, immer einem Fluß folgend. Der griffige Asphalt ist gespickt mit einigen Schottereinlagen, Kehren sind immer auf den Kuppen und wenn auf der Kuppe mal keine Kehre kommt, dann ist immer mit Kühen, Schafen oder Ziegen auf der Fahrbahn zu rechnen. Darauf zu bauen, dass die Tiere beim Auftauchen eines Fahrzeugs schnell das Weite suchen kann man hier vergessen - die Tiere haben die Ruhe, die diese Landschaft ausstrahlt, in sich aufgesogen und bewegen sich entsprechend langsam oder gar nicht. Ja, hier in dieser unglaublichen Natur, die ständig ihr Gesicht verändert, wird die innere Stimme lauter, kommt man sich selbst näher.

Von Akdasch fahren wir über Chemal, wo wir uns einen Tag Ruhe gönnen, zurück nach Barnaul. Ich habe sie gefunden und gespürt, die Sibirische Seele und meinen russischen Freunden habe ich fest versprochen: Ich komme wieder! Gerne auch mit Ihnen, denn im Sommer 2005 biete ich eine etwas ausgebaute Tour mit dem eigenen Motorrad im Altai Gebirge an - Kommt mit, auf die Suche nach der Sibirischen Seele, wenn ihr wollt...


Text & Fotos: Jochen Stather

www.joedakar.com