Schweiz: Wallis / Tessin

Schweiz: Wallis / Tessin


Jedes Walliser Stichtal ist eine eigene kleine Welt

Die Rhone, Frankreichs zweitlängster und wasserreichster Strom, entspringt im Schweizer Kanton Wallis am Rhonegletscher. Eingezwängt von Berner und Walliser Alpen haben die Wassermassen auf ihrem Weg vom Gletscher zum Genfer See ein facettenreiches Tal geschaffen, das zum Durcheilen viel zu schade ist. Unzählige Seitenarme bieten reizvolle Gelegenheiten zum Motorradwandern.

Imponierende Eiszunge

Als im Jahre 1835 das Hotel Glacier du Rhone eröffnet wurde, reichte der Rhonegletscher bis an den Ortsrand von Gletsch, und niemand ahnte etwas von Ozonlöchern, Umweltverschmutzung und Erderwärmung. Rund zwei Kilometer hat sich die Eiszunge bis heute zurückgezogen. Die besten Blicke auf den noch immer imponierenden Rest bieten Passfahrten über die Grimsel- und Furkastraße, zwei Meisterwerke eidgenössischer Straßenbaukunst. Den Gletscher anfassen können Motorradalpinisten bei einem Stopp am uralten Hotel Belvedere, rund 150 Meter unterhalb der Furkascheitelhöhe. Die junge, reißende Rhone hat sich im Lauf der Jahrtausende durch das Gestein gefräst. Das anschließende Hochtal wechselt wie der Fluss seinen Namen: Das Oberwallis zwischen Gletsch und Brig heißt Goms, die Rhone Rotten. Im kleinen Nest Ulrichen verlassen wir die Kantonsstraße 19 und streben durch das Ägenetal auf anspruchsvoller Strecke hinauf zum Nufenenpass, der Kantonsgrenze Wallis / Tessin.

Gletscher zum Anfassen

Am zugefrorenen Bergsee entdecken wir einen Grenzstein mit dem Walliser Wappen - 13 Sterne auf rot-weißem Grund symbolisieren die 13 Bezirke des Landes. Zurück im Tal, macht die 36 Kilometer lange Etappe bis Brig richtig Spaß. Die schneebedeckten Berge scheinen zum Greifen nahe, die Wiesen warten auf den ersten Schnitt und in jedem Dorf finden wir uralte, von Wind und Wetter gegerbte Getreidespeicher. Die stehen auf hölzernen Stelzen mit runden Steinplatten, von farbenfrohen Flechten und Moosen überzogen - ein sicherer Schutz vor Mäusen und Ratten. Anders als der Naturbursche Nufenen kommt der Simplonpass daher. Runde, schnelle Kurven und Lawinengalerien verleihen ihm wintersicheren Autobahncharakter. Der Übergang mit dem von Napoleon gegründeten Hospiz wurde schon viel früher von den Römern genutzt und stellt die kürzeste Verbindung nach Oberitalien dar.

Auf der Fahrt talwärts bieten sich prachtvolle Alpenpanoramen bis zu den vergletscherten Drei- und Viertausendern der Berner Alpen. Die nächste Gelegenheit, der Rhone den Rücken zu zeigen erweist sich als Flop. Bei Visp schlagen wir einen Haken nach Süden in das Vispental und biegen in Stalden in das von beeindruckenden Gletschern umschlossene Saastal ab, wo die Straße vor einem hässlichen Parkhaus in Saas Fee endet - Weiterfahrt verboten. Die Reise ins benachbarte Mattertal schenken wir uns, denn die Strecke von Täsch nach Zermatt an den Fuß des Matterhorns darf nur in Elektroautos befahren werden. Zurück in Stalden, wählen wir als lohnenswertes Alternativprogramm das schmale Teerband hinauf nach Törbel und tasten uns am Berghang über Bürchen und Ergisch bis nach Turtmann entlang, wo wir wieder auf die Kantonsstraße 9 stoßen. Der bleiben wir aber nicht lange treu, denn schon taucht die Abfahrt nach Leukerbad auf.

Bei den Mönchen

Oberhalb des Rhonetals erreichen wir Leuk und tauchen anschließend in die verträumte Welt der Weinberge ein. Am späten Nachmittag erreichen wir die Rotwein-Metropole Salgesch. Als Gemeindewappen trägt das 1200-Seelen-Dorf das Kreuz der Johanniter. Die Glaubensbrüder ließen sich im 13. Jahrhundert im Ort nieder, um im Sinne des Ordens eine Herberge für Pilger und Reisende zu errichten - hier steht heute das Hotel Arkanum. Rund 400 Jahre blieben die Johanniter in Salgesch, wohl auch des guten Weines wegen. Wir finden noch Zeit, dem Walliser Reb- und Weinmuseum einen Besuch abzustatten - ein Glas Roter ist im Eintrittspreis inbegriffen. Auf den Geschmack gekommen, lädt uns der Hotelwirt auf eine Führung durch die benachbarte Kreuzritter-Kellerei ein. Die Dame des Hauses, Cathrin Cina, versteht es perfekt, uns in die Geheimnisse von Wein, Reben und Kellergewölben einzuweihen. Zurück im Hotel erwarten uns unzählige Röstivariationen zum Abendessen. Kein Wunder, denn Salgesch liegt am Röstigraben. Die Raspille, ein unscheinbarer Gebirgsbach am westlichen Ortsrand, trennt das deutschsprachige Oberwallis vom Unterwallis, dessen Bewohner die französische Sprache und Küche bevorzugen.