Polen: Beskiden

Polen: Beskiden


Ruf der Wildnis

Die Beskiden zählen zu den einsamsten Regionen Europas. In den dichten Laubwäldern an der Grenze zwischen Polen, Slowakei und der Ukraine leben heute noch Wölfe und Bären. Andreas Hülsmann ist dem Ruf der Wildnis gefolgt.

Fliegender Feuerwehrmann

Ich weiß nicht, ob ich Piotr beneiden soll oder nicht. Zusammen sitzen wir im Schatten eines Baumes und suchen Schutz vor der Hitze. Piotr´s Job besteht überwiegend aus Warten - er wartet darauf, dass es brennt. Die derzeitige Wetterlage im Süden Polens könnte seinem Müßiggang bald ein Ende bereiten. Seit fast zwei Wochen hat sich ein Hochdruckgebiet über dieser Region festgesetzt und das Thermometer bis an die 40 Grad Celsius Marke hochgetrieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Pilot mit seiner alten Antonow 2 in die Luft steigen muss, um einen Waldbrand zu löschen, steigt von Tag zu Tag. Doch im Moment herrscht Ruhe und Ludwig und ich sind für Piotr ein willkommener Zeitvertreib.

Im gebrochenen Englisch erzählt er von seinen Erlebnissen in der Luft. In Afrika und in Asien war er schon mit der Antonow 2. Selbst bis nach Australien habe ihn so eine Maschine getragen. Nicht ganz ungefährlich, wie Piotr sagt, denn die Antonow hat nur einen Motor und große Teile der Flugroute führen über Wasser. Doch die gute alte "Tante Anna", wie die Antonow 2 liebevoll genannt wird, muss wohl ein sehr zuverlässiges Flugzeug sein. Jedenfalls, so behauptetet der fliegende Feuerwehrmann, sei es sicherer, mit der Maschine in die Luft zu gehen, als mit Motorrädern auf polnischen Straßen zu fahren.

Flucht von der Straße

Langsam wird es Zeit, dass wir uns wieder auf den Weg machen, denn bis zum Abend wollen wir in den Beskiden sein. Jenen dicht bewaldeten, menschenleeren Bergkämmen im äußersten Südosten von Polen, wo sich Bären und Wölfe heute noch gute Nacht sagen. Ludwig und ich tauchen wieder ein in den hektischen Verkehr. Das Land ist im Umbruch und der, so hat es den Anschein, findet in erster Linie auf der Straße statt. Lkw verstopfen die Hauptrouten des Landes. Die zähfließende Blechlawine macht ein rasches Fortkommen nahezu unmöglich. Das haben wir schon auf den ersten Kilometern gemerkt und sind auf Nebenstraßen ausgewichen. Diese "Flucht" verschafft uns zwar keinen zeitlichen Vorteil, doch lässt es sich auf den kleinen Wegen wesentlich entspannter reisen. Nur der Zustand der Straße sorgt dann und wann für einige unruhige Momente im Fahrwerk. Ein paar dieser kleinen Sträßchen brauchen den Vergleich mit Offroad-Pisten nicht zu scheuen. Tiefe Löcher klaffen im Asphalt.

Einsame Wälder

In Zory hat die Rüttelei ein Ende. Die 93 ist eine gut ausgebaute Straße, die zweispurig direkt in den Süden führt. Doch schon nach wenigen Kilometern hat dieser "Fahrspaß" ein Ende. Kurz vor Wisla wird die Autobahn wieder zur Holperpiste. Aber Ludwig und ich sind zufrieden - nach der dreitägigen Anreise haben wir unser Ziel, die Beskiden, erreicht. Doch ich bin entsetzt. Von der gepriesenen Einsamkeit der beskidischen Laubwälder ist nichts zu spüren. Wisla gehört zu den bekanntesten Wintersportgebieten in Oberschlesien. Zwar ist jetzt Sommer, doch das tut der Attraktivität des Ortes bei den polnischen Urlaubern keinen Abbruch. Wir nehmen die kleine Straße nach Szczyrk, einer weiteren Hochburg des alpinen Skisports. Es wird langsam Zeit, ein Quartier für die Nacht zu suchen. Ludwig und ich hoffen darauf, dass es in Szczyrk ein wenig ruhiger zugeht. Doch zunächst überqueren wir die Weichsel. Hier, im Quellgebiet, ist der längste Fluss Polens noch ein kleines Rinnsal.

Von den schlesischen Beskiden tritt er seinen mehr als 1000 Kilometer langen Weg durch das Land zur Ostsee an. Doch zunächst wartet noch ein fahrerischer Leckerbissen auf uns. Nach der 1200 Kilometer recht kurvenarmen Anfahrt windet sich die Straße über den Salmopolska-Pass, der auf 934 Meter ansteigt. Genüsslich schunkeln wir durch die Kurven. Doch in Szczyrk wartet auf uns dasselbe Bild wie in Wisla. Wir sehen uns erst gar nicht nach einem Quartier um, sondern genießen noch das letzte Tageslicht an unserem ersten Tag in den Beskiden. Doch Vorsicht ist in den Abendstunden auf den kleinen Landstraßen geboten. Viele Bauern sind mit ihren Fuhrwerken auf dem Weg nach Hause. Die beladenen Gespanne sind nicht beleuchtet und sorgen dann und wann für eine ordentlichen Adrenalinstoß. Erst in der Dunkelheit finden wir eine kleine Pension. Unsere Sachen sind schnell in dem kleinen Zimmer verstaut. Wenige Minuten später sitzen auch wir vor dem Haus, um den lauen Abend zu genießen.

Touristenziele

Der nächste Morgen beginnt sofort mit einem fahrerischen Highlight. Kurz hinter Zawoja, wo wir die Nacht verbracht haben, schwingt sich der Krowiarki Pass auf 986 Meter die Berge hinauf. Die Straße ist für eine Nebenstrecke in einem erstaunlich guten Zustand und so können wir die Kurven auch ohne Crosseinlagen genießen. Unser erstes Ziel an diesem Tag ist Chocholów, ein kleines Dorf, in welchem überwiegend Holzhäuser stehen, die im Stil der regionalen Architektur gebaut wurden. Die Häuser mit ihren kleinen Vorgärten und den Schindeldächern sind zu einer Attraktion in der Region geworden. Und die Bewohner haben sich schnell darauf eingestellt. Viele von ihnen bieten Schnitzereien aus Holz an oder haben an ihrem Haus noch einen Souvenirladen angebaut. Gegen Nachmittag machen wir uns auf nach Zakopane. Dieser Ort ist das Wintersportzentrum in Polen. Doch auch im Sommer pilgern Tausende von Urlaubern durch die Straßen. Zakopane stellt Wisla und Szczyrk absolut in den Schatten. In der Stadt drängen sich die Souvenirläden, Restaurants und Hotels und buhlen mit bunten Schildern um Kundschaft. Außer diesen Geschäften scheint es in Zakopane nichts anderes zu geben. Eingeschlossen in einer Blechlawine quälen wir uns durch den langgestreckten Ort. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis wir wieder einen autofreien Blick auf die Straße haben.