Indien

Indien


Wo das Chaos regiert

Biker Szene Leser Bernd Teubner war auf Motorrad-Entdeckungsreise in Indien. Mehrere Monate dauerte seine Tour mit einer geliehenen Royal-Enfield durch das, für Mitteleuropäer so fremd anmutende Menschengewühl und Verkehrswirrwar. Seine ersten Eindrücke vom Subkontinent, die Beschaffung eines fahrbaren Untersatzes vor Ort und die ersten Tagesetappen schildert Bernd auf den folgenden Seiten.

Touristen sind immer schuld

Balu ist ein ca. 32 Jähriger Amerikaner der vor 8 Jahren nach Indien ausgewandert ist um dort seine Leidenschaft zum Beruf zu machen Er gründete den legendären Motorradclub „ Bullet Wallas“, welcher mit einigen Stützpunkten in ganz Indien vertreten ist. Des Weiteren besitzt er mehrere Enfield Läden in der Hauptstadt und ist zudem zweitgrößter Enfield Exporteur weltweit. Während der bärtige und entspannte Yankee mich sehr herzlich in seinem Hauptquartier im Mainzaar begrüßte und mir indischen Tee servierte, fingen wir an über mein Vorhaben zu plaudern. Ich erkundigte mich über Preise, Leistung und technische Daten der Maschinen. Skeptisch fragte ich auch nach Gefahren, die mich erwarten könnten. Balu beruhigte mich und machte mir klar, dass Indien relativ ungefährlich sei, sofern ich voraussichtig fahre und mich von Unfällen fern halte. Selbst das bloße Dabeistehen bei Unfällen birgt in diesem Land große Gefahren. Die ungeschriebene Faustregel „ Touristen sind immer schuld“ versteht sich von selbst und ein tobender indischer Mob ist mit Einsicht und Argumenten alles andere als zähmbar.

Karol Bagh - Motorcity

Balus Produktpalette war gut bestückt. Von komplett restaurierten Bullet Modellen über sehr gut erhaltene Originale in Chrome Optik bis hin zur legendären Diesel Enfield, war alles auf Lager. Bevor ich aber ein Geschäft einging, wollte ich noch die Konkurrenz prüfen um mir ein Bild über den Wert seines Angebotes zu machen. Mein Reiseführer verriet mir, dass im Stadtteil Karol Bagh noch weitere Enfield Händler ihre Lager aufschlugen. Ich schnappte mir also die nächst beste Rikscha und ließ mich schnurstracks in das besagte Viertel kutschieren. Karol Bagh war ein wahres Zweirad- El- Dorado. Dutzende Motorrad Shops reihten sich aneinander und das ganze Viertel wurde zu einer überdimensional großen Werkstatt umfunktioniert. Überall wurde geschraubt und verkauft und wieder geschraubt und wieder verkauft.

Der Rikschafahrer fuhr mich direkt zu seinem Lieblings-Motorradshop, also jenem, bei dem er schon früher gute Erfahrungen hinsichtlich der Provisionszahlungen sammelte. Der Shop hieß Joga Motors und die Herrschaft darüber hatte eine Frau. Als ich den Raum betrat, saß diese hinter ihrem Schreibtisch, schlürfte Tee und wühlte nebenbei tief in ihren Akten. Routiniert vom Anblick eines Touristen wühlte sie erstmal entspannt weiter, bis sie fand, was sie suchte.  Erst danach schenkte sie mir und meinem Anliegen ihre Aufmerksamkeit. Während unseres Gesprächs schweifte sie weiter ab, erzählte von Exportgeschäften und Touristen, die zu der Zeit mit ihren Bikes auf Achse waren. Außerdem war sie ganz stolz darauf, als einzige Frau in Indien in diesem Gewerbe tätig zu sein. Joga Motors hatte neben den Bullet Modellen auch die neueren Thunderbird´s von Enfield zur Auswahl. Nach kurzer Probefahrt und in der Hoffnung auf eine technisch robustere Maschine, entschied ich mich schließlich gegen das Angebot von Balu und einigte mich mit Mrs. Joga Motors auf eine silbernfarbene Enfield Thunderbird aus dem Jahre 2005. Ich beschloss außerdem die Maschine lediglich zu leihen, da mir ein Kauf für die Dauer von einigen Wochen zu unrentabel schien.

Thunderbird

Nach Klärung der üblichen Vertragsprozedur sollte schon am nächsten Morgen der Donnervogel zum Einsatz bereit stehen. Der erste Schritt in die Weiten Indiens war getan und der restliche Tag geprägt von gnadenloser Vorfreude auf das bevor stehende Abenteuer.
So machte ich mich also in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages erneut auf den Weg in das bereits vertraute Karol Bagh.
Ich klopfte an die Tür des dem Shop anliegendem Privathauses. Wie am Vortag besprochen, überreichte mir ein zuverlässiger Mitarbeiter Schlüssel, Helm sowie diverse Ersatzteile. Die Stadt früh morgens zu verlassen hatte den Vorteil, dass die Straßen noch einigermaßen passierbar waren. Gerade für mich als Indienanfänger war es ratsam die Stadt zu durchqueren, während sie noch im Halbschlaf lag, um mich auf das, was kommt, konzentriert einstellen zu können.

Ebenso bat ich einen Rikschafahrer meiner Orientierungslosigkeit Abhilfe zu schaffen und mich zum Mathura Highway Richtung Agra zu lotsen.
Die Maschine benötigte nur einen Kick um auf zujaulen. Ich schwang mich in den Sattel und die Lotsenjagd konnte beginnen. Der Inder in seiner grün gelben Rikscha mit Gasantrieb legte ein flottes Tempo vor. Wir durchquerten verschiedene Stadteile. Die meisten ziemlich dreckig und baufällig. Einige aber auch sauber geleckt und am Straßenrand mit englischem, kurz geschorenem Rasen verziert. Der Inder überholte links und rechts, bog ab ohne zu blinken, fuhr die Kurven beinahe auf Zwei Rädern. Anfangs hatte ich Mühe Schritt zu halten, fand aber mit jedem Fahrmanöver zunehmend Gefallen an der Verfolgungsjagd.Wir schlängelten uns einige Zeit durch den immer noch halbschlafenden Verkehr Delhis. Wir überholten links, wir überholten rechts, wir scherten uns nicht um Fahrbahnmarkierungen und schon gar nicht um Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die Hupe wurde dabei zum nützlichen Werkzeug, um den vorausfahrenden Fahrzeugen mitzuteilen, dass wir uns gerade auf der Überholspur befinden. Die Kreisverkehre machten die meisten Mühen mit dem Rikschafahrer auf Augenhöhe zu bleiben.

Er verließ diese ohne sich umzudrehen oder zu blinken. Es war dementsprechend schwer den Moment der spontanen Ausscherung zu erahnen und machte jede Fahrt im Kreisverkehr zu einem Glücksrad. Nach einiger Zeit erreichten wir schließlich eine Schnittstelle zum Mathura Highway. Wir hielten kurz an und ich gab dem Rennfahrer seine Entlohnung, während ein dutzend Inder sich um uns scharten um das Schauspiel zu beobachten. Von dieser Stelle - vom Mathura Highway aus - war es ein Kinderspiel die Stadt in der richtigen Richtung zu verlassen. Ich musste nur mein Motorrad gen Süden ausrichten und versuchen auf der Straße zu bleiben. Ich verließ langsam den inneren Stadtkern und kam in halb zerfallene Reihenhaussiedlungen. Am Straßenrand sammelten sich Berge von Plastikmüll und es roch ziemlich streng. Ich überquerte zwischenzeitlich einige Flüsse, in denen scheinbar mehr Müll als Wasser sein zu Hause fand.  Meine Lunge arbeitete ungewohnt schwer. Um diesem anstrengenden Gefühl zu entgehen, setzte ich alles daran die Stadt schnellst möglich zu verlassen. Nach 35 chaotischen Kilometern lichteten sich die Häuserreihen zunehmend und ich erreichte schließlich die Stadtgrenze.