Ostfriesland

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Ein Wochenende hinterm Deich

Immer nach Norden und dann geradeaus - so hieß es früher in der Doornkaat-Werbung. Und weil sich das Rezept relativ einfach anhört, wollen wir es ausprobieren. Also rauf auf den Bock und immer die Mittagssonne im Rücken halten!

Sommerdeich

Je nach Gusto erreicht man Deutschlands friesischste Ecke über die A31 oder das Dreieck Ahlhorner Heide der A1. Und der Spruch stimmt! Wer von Aurich oder Leer über Norden und dann geradeaus fährt, kommt an der Riesen-Doornkaatflasche vorbei, schließlich nach Norddeich, dem Fährhafen zur Insel Norderney. Wir wollen aber lieber die ostfriesische Küste unsicher machen und entscheiden uns daher für den Campingplatz Nordsee, etwas westlich des Hafens direkt hinterm Deich. Auf dem Gelände der früheren Seefunkstelle Norddeich-Radio existiert seit ihrer Stillegung 1983 eine hochmoderne Anlage, die von Campern aller Nationen wegen ihrer hervorragenden Ausstattung geschätzt wird. Hier wollen wir für die nächsten zwei Tage unsere Zelte aufschlagen. Von der ehemaligen "Funkenpuste", die auch der platzeigenen Restauration ihren Namen gab, kann man wunderbare Tagestouren unternehmen.

 

Die Küstenstraße zieht sich in östlicher Richtung immer hinterm Deich entlang der Nordseebäder bis Wilhelmshaven. Das malerische Sträßchen windet sich, der Küstenkontur folgend, durch eine von Wiesen und Feldern geprägte Landschaft. Fast eben, gerade mal durch ein Deichbauwerk auf ein paar Meter Höhenunterschied emporgehoben fällt unser Blick überwiegend auf grasende Kühe. In Neßmersiel weidet eine Herde Schafe auf dem Sommerdeich. Diese lebenden Rasenmäher, im Volksjargon auch schon mal "Pulloverschweine" genannt, findet man hier zuhauf. Erstaunlicherweise ist die Küstenstraße selbst während der Sommersaison innerhalb der Woche recht spärlich befahren. Uns soll`s recht sein, trüben doch kaum Wohnmobile oder Wohnwagengespanne den Fahrspaß. Den Blick landeinwärts gerichtet sehen wir immer wieder diese riesigen Windkrafträder. Allerorten entstehen hier mit staatlicher Förderung sogenannte Windparks, die an die friesische Tradition der Windmühlen anzuknüpfen scheinen. Einträchtig stehen hier alt und neu in unmittelbarer Nachbarschaft, wie die hervorragend restaurierte Mühle in Carolinensiel eindrucksvoll beweist. Hunderte ihrer modernen Schwestern bevölkern mittlerweile die ostfriesische Landschaft, um Strom zu spenden und dieser strukturschwachen Region zumindest einige Arbeitsplätze zu sichern. Haupt-Einnahmequelle der Menschen hierzulande ist heute der Fremdenverkehr.

 

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß der Gast hier König ist. Auf unserer Route über Bensersiel sehen wir an fast jedem Haus einen Hinweis auf eine Ferienwohnung, aber beinahe genauso oft auch das Zusatzschild "Belegt". Wer also während der Ferienmonate hier unterkommen will, tut gut daran zu reservieren. Tipp am Rande: Warum nicht eine Wochenend-Motorrad tour im relativ ruhigen Frühjahr nutzen, um das nächste Urlaubs-Quartier auszusuchen und an Ort und Stelle zu buchen? Wir erreichen Ostfrieslands Vorzeige-Hafen Neuharlingersiel. Genauso malerisch, wie sich der Binnenländer einen Fischereihafen vorstellt umrahmen alte Fachwerkhäuser das enge Hafenbecken mit den alten Kuttern. Von Touristen übervölkert, der Fischmarkt direkt an der Mole. Nur wenig ist hier geblieben von der Beschaulichkeit der Friesen, Verkaufsstände und Büdchen an allen Ecken. Wer allerdings gern fangfrischen Fisch ißt, der ist hier goldrichtig. Spätestens im Imbiß der Fischerei-Genossenschaft am östlichen Ortsausgang läuft dem Genießer das Wasser im Mund zusammen. Weiter auf unserer Route Richtung Wilhelmshaven lockt uns ein Schild in Richtung Harlesiel. Sollten die Altvorderen hier etwa bei der Auswahl des Ortsnamens ein "y" vergessen haben? Weit gefehlt! Allerdings kommen wir uns nach der Vorbeifahrt an einer der ortstypischen Hubbrücken doch ein wenig vor wie in Amerika: Ein wunderschöner Raddampfer, allerdings eher mit europäischen Abmaßen, liegt träge in der Sonne und wartet auf die Fahrgäste der nächsten Rundfahrt. Da wir allerdings unsere eigene Rundfahrt fortsetzen wollen, geht's weiter nach Horumersiel.

 

Durch den Ort erreichen wir die Deichstraße direkt am Yachthafen. Eine Bronzetafel am Siel gibt über die Wasserstände bei Ebbe und Flut ebenso Auskunft wie über den Höchststand während der Jahrhundertflut 1962, als Hamburg und die gesamte Küstenregion in den Fluten versank. Die Siele, die den meisten Küstenorten ihren Namen gaben, haben verschiedene Aufgaben zu erfüllen: Während der normalen Gezeiten sollen sie quasi als Staustufe einen gleichmäßigen Wasserstand der Binnengewässer sichern, bei Sturmflut werden sie geschlossen damit eine Überflutung des Binnenlandes verhindert wird. Von der Deichkrone können wir in der Ferne im Wattenmeer liegend die Wilhelmshavener Ölinsel sehen, über die fast alle Deutschland auf dem Seewege erreichenden Ölladungen gelöscht werden. Faszinierend anzusehen, wenn so ein Riesentanker hier auf Reede liegt. Der Deichstraße folgend erreichen wir über Hooksiel den Stadtrand von WHV. Nachdem wir uns zwischendurch im Windkraft-Forschungszentrum schlau gemacht haben, wollen wir uns noch das Marinemuseum und das Seewasseraquarium ansehen. Zwar sind beide Sehenswürdigkeiten direkt benachbart, die Fahrt dorthin beinhaltet jedoch fast eine Stadtrundfahrt. Am äußersten Ende, schon fast an Land´s End gelegen nutzen wir die Gelegenheit, den Blick über den Jadebusen schweifen zu lassen.

 

Dahinter kommt nur noch der Zaun der Marinebasis, Zutritt und fotografieren streng verboten. Also nehmen wir den Weg zurück entlang des Hafenbeckens mit dem malerischen Segelschulschiff, das hier gerade vor Anker liegt. Der Nachmittag geht zur Neige. Für den schnellen Rücksturz zur Camping-Erde wählen wir nunmehr die B210 über Jever, Wittmund und Aurich. Parallel zur Küstenstraße ermöglicht sie als Hauptmarginale Ost-West ein flotteres Fortkommen. Wer allerdings noch Zeit genug hat, sollte statt den Ortsumgehungen zu folgen lieber durch die malerischen Innenstädte der besagten Orte fahren. Vorbei am alten Brauhaus zu Jever zum Beispiel, das wegen seiner vielgerühmten Gastronomie zum Rasten einlädt. Wir ziehen es allerdings wegen der fortgeschrittenen Stunde vor, durch die unendlichen Weiten der norddeutschen Tiefebene auf dem kürzesten Weg wieder unser Textil-Domizil zu erreichen. Der Tageszähler zeigt 220 km an, als wir mit einem gepflegten Bierchen den schönen Tag in der Funkenpuste ausklingen lassen. Morgen geht´s heim in die Hektik der Arbeitswoche. Leider!

 

Text und Fotos: Wingleader

 

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Rund um den Jadebusen - von Jever nach Jever