Russland

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Warum ausgerechnet Kaliningrad?

Die Antwort lag eigentlich auf der Hand. Wir wollten mal was anderes machen als immer wieder die Alpen, den Schwarzwald oder Südeuropa zu bereisen. Als wir von Freunden gefragt wurden, ob wir Interesse hätten, sie bei ihrer Russland-Tour zu begleiten, brauchten wir nicht lange zu überlegen. Kaliningrad ist nicht zu weit weg, ist aber dennoch nur den wenigsten bekannt. Also stand das Reiseziel ziemlich schnell fest.

Fünf Männer und eine Frau

Vor dem eigentlichen Start mussten aber erst mal die russischen Behörden zufrieden gestellt werden. Das heißt, ein Visum musste her. Wir sind den einfachsten und sichersten Weg gegangen und haben die Agentur „Schnieder Reisen“ in Hamburg mit den ganzen administrativen Dingen beauftragt. Von dort aus wurden auch die Hotels in Polen und Kaliningrad gebucht. Sicherheitshalber nur Unterkünfte mit einer Parkplatzbewachung rund um die Uhr. Vatertag verfrachteten wir erst einmal unsere Motorräder auf einen Anhänger, um ihnen und uns die ersten 600 Kilometer stures Autobahnfahren vom Bergischen Land bis nach Sachsen-Anhalt zu ersparen. Abends bei den Freunden, die wir über das Internetforum http://www.motorrad-zeit.de/ kennen, in Zörnigall (das liegt bei Wittenberg/Lutherstadt) angekommen, wurde bei einem zünftigen Grillabend die weitere Tour besprochen. Das war für einige der Reiseteilnehmer zudem die erste Gelegenheit, sich kennen zu lernen. Unsere Gruppe war nicht nur personell eher bunt gemischt – fünf Männer und eine Frau im Alter zwischen 23 und 57 Jahren – auch die Motorräder konnten unterschiedlicher kaum sein: Suzuki GSX 750, Honda CB 750, BMW K 1200 S, Suzuki Bandit GSF 600, Kawasaki Zephyr 750 und eine Yamaha Fazer FZS 600. Sicher war uns allen klar, dass das nicht die geeignetsten Motorräder für osteuropäische Straßen sein würden, aber wer kauft sich nur für eine Urlaubsreise gleich eine Enduro? Natürlich waren wir alle nicht nur auf die Reise selbst sehr gespannt, sondern auch darauf, wie die Gruppe harmonieren würde.

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Tag 1: Polen

Freitagmorgen starteten wir um 7 Uhr früh, um die erste Etappe nach Polen möglichst schnell hinter uns zu bringen. Unser Weg führte uns von Zörnigall über die B2 nach Michendorf, dort auf die A10 die wir in Hellersdorf wieder verließen. Von dort aus befuhren wir die B1 bis zur polnischen Grenze in Küstrin. Hätten wir geahnt, was in den nächsten Tagen auf uns zukommt, hätten wir diese guten Straßenverhältnisse besser zu würdigen gewusst. Der Grenzübergang nach Polen gestaltete sich völlig problemlos, nach zirka einer halben Stunde Wartezeit hatten wir es geschafft. Jetzt hieß es erst einmal die Moppeds mit dem deutlich billigeren Sprit zu befüllen. Für Benzin mit 95 Oktan zahlte man rund 1 Euro pro Liter. An der Tankstelle wurden wir aber auch eindringlich vor der polnischen Polizei gewarnt, die es, so sagte man uns, besonders auf Geschwindigkeitsübertretungen abgesehen hätte. Und die werden in Polen richtig teuer! Die weitere Strecke bis zu unserem ersten Etappenziel „Marienburg“ führte uns über Gorzow, Strzelze Krajenskie, Watcz, Jastrowie, Cztuchow, Chojnice, Czersk und Starogard Gdanski. Anfangs waren die Straßen noch so gut, dass wir sie gerne mit unseren Hausstrecken getauscht hätten! Meistens ging es zwar geradeaus, doch wir genossen die weite Landschaft und die mit hellblau und rosa blühenden wilden Flieder eingerahmten Landstraßen. Je weiter wir uns von der Grenze entfernten, umso mehr Aufmerksamkeit der Anwohner erhielt unsere, für das dortige Straßenbild völlig untypische, Gruppe. Kinder winkten hinter uns her, Autofahrer hupten und grüßten, wenn sie uns auf unseren Motorrädern sahen.

Etappenziel erreicht

Interessant und gewöhnungsbedürftig war die Fahrweise der polnischen Autofahrer. Auf einer, nach den eingezeichneten Markierungen, 4-spurigen Landstraße fahren locker auch mal 6 Autos nebeneinander her. Alles ist möglich, jeder passt sich an und es funktioniert. Ungefähr bei Cztuchow wurde die Straße schlechter, immer häufiger ersetzte Kopfsteinpflaster den gewohnten Asphalt. In dieser Gegend mussten wir auch lernen, dass auf dem Seitenständer geparkte Motorräder auch während einer Pause gefährdet sind. Nach nur 2 Minuten Standzeit versank die BMW – bei nur 10° Außentemperatur, gut fünf Zentimeter im Asphalt, der an dieser Stelle aus reinem Bitumen bestand. Ein paar Augenblicke später, hätte sie sicherlich eine unerwünschte Seitenlage eingenommen. Da fragten wir uns natürlich, was passiert hier, wenn es mal wärmer ist ? Auf Grund der immer schlechter werdenden Straßenverhältnisse und unserer, den Tempolimits angepassten Geschwindigkeit, waren wir erst am späten Nachmittag, nach rund 560 gefahrenen Kilometern, in unserem Zielhotel Dadal in Malbork angekommen. Für eine Besichtigung der berühmten Marienburg war es viel zu spät geworden. Daher genossen wir den Abend bei einem guten und preiswerten Essen in unserem Hotel und freuten uns darüber, dass das erste Etappenziel geschafft war und unsere Gruppe fahrtechnisch und menschlich so gut harmonierte. Seit diesem Abend können wir auch dem gängigen Vorurteil, dass ein Motorrad in Polen geklaut wird, sobald es abgestellt ist, etwas entgegenhalten. Während des Abendessens suchte einer unserer „youngster“ hektisch nach seinem Moppedschlüssel. Wie sich herausstellte, steckte dieser seit mittlerweile drei Stunden im Motorrad und alles war noch da. Sicherlich wurde dieser positive Effekt durch die Tatsache, dass der Parkplatz bewacht war begünstigt, aber unser Wachmann hielt, wie wir am nächsten Morgen bei der Abfahrt feststellen konnten, auch gerne mal ein Nickerchen zwischendurch.

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Tag 2: Die Marienburg

Nachdem unser Gepäck wieder verzurrt war, machten wir uns am Samstagmorgen erst einmal auf den Weg, die weltbekannte Marienburg zu besichtigen. Sie ist die größte Backsteinburg Europas, für deren Bau etwa 10 Millionen Backsteine verwendet wurden. Auch flächenmäßig ist sie eine der größten Burgen überhaupt, vergleichbar mit dem Moskauer Kreml oder dem Prager Hradschin. Was Monumentalität und Einheitlichkeit der Architektur angeht, sind aber alle Vergleiche hinfällig: Die Marienburg ist einmalig. Eine Mischung aus weltlicher Residenz und Kloster für die Ritterbrüder. Ganz aktuell war aber die Begeisterung der polnischen Jugendlichen beim Anblick unserer Motorräder. Viele wollten gerne einmal Probesitzen, um sich dann von ihren Freunden auf einem Zweirad bewundern und fotografieren zu lassen. Eine Freude, die wir ihnen natürlich gerne machten! Uns blieb leider nur Zeit, die Burg von außen zu betrachten, eine Führung dauerte uns, den russischen Grenzübertritt vor Augen, zu lang. Wer diese Besichtigung machen möchte, muss einen zusätzlichen Tag in Malbork einplanen. Uns zog es erst einmal ans Haff, nach Frombork, dem ehemaligen Frauenburg. Der Komplex der von Wehrmauern umgebenen Kathedrale ist ein touristischer Höhepunkt des Ermlands. Allerdings kann ihr Inneres mit dem imposanten Äußeren der Kirche nicht recht mithalten. Umso interessanter ist aber die Besteigung des Radziejowski-Turms, in dessen Inneren ein Foucaultsches Pendel schwingt, das nach den Berechnungen von Kopernikus die Erdumdrehung empirisch beweist. Vom obersten Punkt des Turmes bot sich uns nach dem Aufstieg ein beeindruckendes Panorama über das Städtchen Fromburk und das Haff bis hin zur Frischen Nehrung, wo wir, dank des guten Wetters, schon Königsberg ausmachen konnten.

Russische Grenze

Was so nah schien, war aber dank russischer Bürokratie noch Stunden entfernt. Der Grenzübergang in Braniewo nach Kaliningrad entwickelte sich zu einer Schnitzeljagd der besonderen Art. Wir wähnten uns, dank der von der Agentur Schnieder erhaltenen und bereits ausgefüllten Formulare sowie eines gültigen Visum, gut vorbereitet. Wie befürchtet, mussten wir vor dem eigentlichen Betreten des Grenzgebietes erst einmal rund eine Stunde warten, bis wir die erste Schranke passieren konnten. Wir gaben, noch frohen Mutes, unsere Pässe samt der bereits ausgefüllten Ein- und Ausreiseformulare beim ersten russischen Zöllner ab. Es dauerte nicht allzu lange bis diese Unterlagen einem russischen „General“ übergeben wurden. Der zählte die Formulare wieder und wieder durch, addierte die Gesamtzahl der Papiere aber nur auf 11 statt der benötigten 12 Vordrucke. Es dauerte einige Zeit bis er bemerkte, dass eines der Doppel-Formulare lediglich nicht durchgeschnitten war. Nun – so schien es jedenfalls - brauchte er einen weiteren Anlass uns die Einreise nach Kaliningrad zu erschweren. Ohne jede Begründung mussten wir die Motorräder zur Seite stellen und einer von uns sechs hatte „Genosse General“ in eine der vielen Baracken zu folgen. Nach schier endloser Wartezeit kamen beide wieder zurück. „DRUCKSCHRIFT“ bellte uns der Grenzer wieder und wieder an, zerriss die von uns sorgfältig (und in Druckschrift) ausgefüllten Formulare und übergab uns neue, die wir nach Vorlage auszufüllen hatten. Zufrieden damit, seine Machtposition dargestellt zu haben, wurde „Genosse General“ schon ein wenig freundlicher. „Ausfüllen in Druckschrift, sonst heute Abend kein Wodka“, erklärte er in leidlich gutem Deutsch und verschwand.

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Druckschrift, sonst kein Wodka

Gut denn, wir füllten die Formulare also ein zweites Mal aus, gaben sie am nächsten Kontrollhäuschen ab und erhielten Pässe sowie die benötigten Ausreiseformulare, die unbedingt in dem im Visumsantrag angegebenen Hotel abgestempelt werden müssen, umgehend zurück. „Prima, das war’s“, dachten wir und wollten schon starten – aber – zu früh gefreut. Jetzt mussten wir erst einmal zum zweiten Grenzhäuschen. „Versicherung!“ Eine auffordernde Handbewegung bedeutete uns, die Versicherungsunterlagen vorzulegen. Leider wurden unsere grünen Versicherungskarten hier jedoch nicht akzeptiert. „Russische Versicherung!“ hieß es dann. Die hatten wir natürlich nicht, konnten sie aber problemlos „am Haus mit die rote Dach“ erwerben. Vorher mussten wir aber zur Bank „Haus mit die blaue Dach“ um Rubel umzutauschen. Dann durften wir den hübschen, hellblauen russischen Versicherungsschein für den Gegenwert von 19 Euro entgegennehmen. „Zollpapier ausfüllen“, hieß der nächste Auftrag. Die Formulare lagen, tatsächlich auch in Deutsch, in einer Kiste mitten im Zollbereich. Also, eins herausnehmen, ausfüllen und dabei feststellen, dass wir unsere eigenen Motorräder, da wir sie vorübergehend nach Russland einführten, verzollen mussten. Als nächsten Punkt der Schnitzeljagd also mit den Fahrzeugpapieren und dem Zollformular in das „andere Haus mit die rote Dach“ und beide Unterlagen kopieren lassen (20 Rubel), dann zur Bank (da waren wir doch schon mal) und 120 Rubel für die Verzollung bezahlen. Mit diesem Verzollungsbeleg in die nächste Baracke. Dort gab es wieder eine „Kasse“ an der wir jedoch diesmal nichts bezahlen mussten, sondern nur ein rosa Formular als Verzollungspapier erhielten. Hoffnungsvolle Frage von uns „Jetzt fertig ?“ Leider nein, noch einmal zurück zum zweiten Schalter unserer Rundreise. Dort wieder alle Papiere abgeben. Endloses Getippe des Zöllners in einen Computer, dann noch die Frage nach der Farbe des Motorrads und – wir glaubten es schon gar nicht mehr – tatsächlich fertig. Nach nur 3 1/2 Stunden Formulare ausfüllen, 772 Rubel an drei Kassen bezahlen, und 12 Unterschriften (wofür auch immer) leisten, konnten wir das Grenzgebiet verlassen.

Explosionsartig erhöhte Verkehrsdichte

Unsere Weiterfahrt sollte uns von Mamohobo über Laduschkin durch Kaliningrad-Stadt führen. Dort wollten wir uns den Dom ansehen, das nach allen Reisebeschreibungen einzig sehenswerte Gebäude dort. Anschließend wollten wir über den Kaliningrader Stadtring nach Pollesk bis zu unserem Zielort Sosnowka. Bis zum Stadtrand von Kaliningrad waren wir von der plötzlich sichtbaren großen Armut der Bevölkerung ebenso negativ bedrückt, wie von den guten Straßenverhältnissen positiv angetan. Dieser Eindruck änderte sich im Stadtgebiet jedoch abrupt. Die Verkehrsdichte erhöhte sich explosionsartig. Sahen wir vor Kaliningrad-Stadt nur relativ vereinzelte Fahrzeuge wurden wir nun von allen Seiten von Autos, Straßenbahnen, Bussen und LKW überrannt. Dazu kam, dass die gut asphaltierte Straße von jetzt auf gleich, mitten in einer Kurve, aufhörte. Urplötzlich taten sich Schlaglöcher von einem halben Meter Tiefe auf, Straßenbahnschienen waren nicht im sondern auf dem Asphalt verlegt, was deren Überquerung mit einem Motorrad zum Balanceakt macht. Verkehrsschilder oder Ampeln waren entweder gar nicht vorhanden, oder zumindest gut versteckt. Straßenmarkierungen oder Wegweiser gab es nicht. Jeder fuhr da, wo sich grad eine Lücke auftat. Zum Glück haben die russischen Verkehrteilnehmer wohl Rücksicht auf unsere doch recht auffällige Motorradgruppe genommen. Anders ist es gar nicht zu erklären, dass wir unfallfrei aus diesem Hexenkessel entkommen sind. Wir waren derart damit beschäftigt, unseren Blick auf die „Straße“ zu richten um den größten Löchern auszuweichen, gleichzeitig die Straßenbahnschienen im richtigen Winkel zu treffen und, wenn eben möglich, auf dem rechten Teil der Straße zu bleiben, dass wir für die anderen Verkehrsteilnehmer kaum ein Auge übrig hatten.

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Offene Abwasserkanäle

Da keinerlei Hinweisschilder auf einen Ausweg aus dieser Misere hinwiesen, richteten wir uns tatsächlich nach dem Stand der Sonne, um wieder auf den Stadtumgehungsring zu finden. Auf dem Weg durch die Vorstadtsiedlungen drang uns ein unverkennbar ekelerregender Gestank in die Nase. Erst wollten wir unserem Geruchssinn nicht trauen, aber unsere Augen bestätigten den Verdacht. Quer durch die Wohnsiedlungen, zwischen spielenden Kindern und spaziergehenden Familien, führten offene Abwasserkanäle durch die Straßen. Alle diese Eindrücke inspirierten uns nicht dazu, einen zweiten Anlauf zu starten, um den Kaliningrader Dom zu suchen. Heilfroh, der Stadt entronnen zu sein, versuchten wir an der nächsten großen Kreuzung erst einmal herauszufinden, wo wir jetzt eigentlich waren. Denn Hinweisschilder gab es nach wie vor nicht ! Zu unserem großen Glück fand uns der wohl einzige russische Motorradfahrer Kaliningrads. Dieser „Lonely Rider“ erkannte unsere Lage, hielt an und ließ sich mit einem Deuten auf die Landkarte erklären, wo wir denn eigentlich hin wollten. Dann lebte er uns die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft vor indem er sich auf seine Yamaha Ténére schwang und uns wieder auf den richtigen Weg führte. Bei dieser Gelegenheit zeigte er uns, die wir uns bisher strikt an die russischen Geschwindigkeitsbegrenzungen hielten, was ein russischer Motorradfahrer von Tempolimits hält – nämlich gar nichts. Wir mussten uns mit unseren nicht gerade geländegängigen Motorrädern ganz schön ranhalten, um mit seiner Enduro Schritt zu halten. Unser Führer blieb so lange bei uns, bis wir auf der A190 waren, die uns in gerader Linie über Pollesk nach Sosnowka führte.

Hindernissparcours

Auch dieses letzte Stück der Tagesetappe hatte noch einige Schwierigkeiten für uns parat. Die Überlandstrecke war auf den ersten Kilometern wieder in einem hervorragenden Zustand, eine Tatsache, die uns gerade so schön in Sicherheit wiegen wollte. Nach einem, halb im Gebüsch versteckten, Tempolimit-Schild auf 40 km/h folgte die Überraschung. Hier waren gut gemeinte Straßenausbesserungsarbeiten im Gange. Die zu reparierenden Stellen waren scharfkantig bis zu 10 cm tief ausgefräst, einen halben bis 2 Meter breit und bis zu 20 Meter lang. Diese Löcher waren auf rund 10 Kilometer Straße wahllos verteilt. Teilweise zwangen sie uns sogar, die Gegenfahrbahn zu benutzen, da ein Umschlängeln der Frässtellen auf unserer Seite nicht mehr möglich war. Glücklicherweise war an diesem Tag die Straße trocken, so dass die Löcher erkennbar waren. Beim Befahren derselben Strecke am nächsten Tag waren sie voller Regenwasser und überhaupt nicht mehr zu erkennen. Bei Unkenntnis der Strecke wären Stürze unvermeidbar gewesen. Wenn es aber mal möglich war, den Blick von der Straße zu wenden – Achtung bei weidenden Kühen, sie haben keine Zäune und gehen schon mal gern über die Straße - entschädigte die Landschaft für die Widriggkeiten der Strecke. Außerdem macht das Tanken in Russland so richtig Spaß. Wo sonst, bekommt man einen Liter Benzin (95 Oktan) schon für 50 Cent?

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Das Forsthaus

Am frühen Abend erreichten wir nach zirka 250 gefahrenen Kilometern unseren Zielort Sosnovka. Dort waren für uns zwei Übernachtungen im „Forsthaus“ gebucht. Passend zum Namen lag es gänzlich abseits der nächsten Siedlungen. Das hatte zwar den Vorteil, von ruhigen Nächten, aber auch den Nachteil, dass es nahezu unmöglich war, mit der russischen Bevölkerung bei einem abendlichen Stadtbummel oder ähnlichem näher in Kontakt zu kommen. In der Dunkelheit über die Schlaglochstrecken zur nächsten Stadt zu fahren, wäre einfach zu gefährlich gewesen. Die Betreiber des Forsthauses sprechen sehr gut deutsch und bieten eine gutbürgerliche Küche. Auf unseren Wunsch hin, doch bitte etwas Russisches Anzubieten, wurden für uns am zweiten Abend als Vorspeise „Borschtsch“ und als Hauptgang „Königsberger Klopse“ zubereitet. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die Wasserqualität in diesem Hotel. Auf Grund des hohen Eisenanteils ist es braun und empfiehlt sich nicht einmal zum Zähneputzen, dafür besorgt man sich besser eine Flasche Mineralwasser.

Tag 3: Ahnenforschung

Unser Tag im Kaliningrader Gebiet war vor allem geprägt durch die Spurensuche in der Vergangenheit eines unserer Gruppenmitglieder. Sein Großvater war in dem ehemals reichen Fischerdorf Gilge aufgewachsen, und das Auffinden seines Hauses war unser Tagesziel. Auf dem Weg nach Gilge besuchten wir in Pollesk den Sonntagsmarkt. Hier offenbarte sich wieder einmal die offensichtliche Armut des Großteils der Bevölkerung. Uralte Bäuerinnen verkauften Milch in Blechkannen, ein Rentner trennte sich von Teilen seines Hausrates. Wieder andere boten selbst gefangene Fische an. Als Verkaufstheke diente ein umgedrehter Pappkarton auf dem die Fische ohne Folie oder gar Eis den ganzen Tag in der Sonne lagen. Kamen Interessenten vorbei, wurden die Fische kurzerhand am Schwanz gepackt und auf dem Karton mehrmals hin- und hergedreht. Fand das Angebot keinen Käufer, schmorte der Fisch – unter den Augen der Katzen der Nachbarschaft – weiter vor sich hin. Der krasse Gegensatz zwischen uns, mit unseren für russische Verhältnisse unmäßig teuren Motorrädern, und der auf dem Marktplatz dargestellten Armut offenbarte sich natürlich auch den Marktfrauen, die nicht wollten, dass wir Fotos machten. Diesen Wunsch haben wir selbstverständlich respektiert. Der weitere Weg nach Gilge führte uns an einem Kanal entlang, aus dem die auf dem Markt angebotenen Fische stammten. Hier wechselten sich in schöner Regelmäßigkeit fischende Angler mit Anwohnern ab, die ihren Müll in eben dieses Gewässer warfen.