Frankreich Pyrenäen

Frankreich Pyrenäen


Pyrénées Orientales

Warum in die Pyrénées Orientales? Ganz einfach - wem die Alpen zu klein werden und wer Lust auf Abenteuer hat, findet zwischen Mittelmeer und Andorra "seine Spielwiese".

Blöder Köter!

Eben lag er da noch friedlich am Straßenrand, jetzt rast er neben uns her und versucht, meinen Endurostiefel zwischen seine riesigen Zähne zu bekommen. Schlagartig reiße ich das Gas auf, wir flüchten. Verdammt, hier irgendwo sollten wir doch links ab! Das Schild am Ortseingang von Bolquère versprach uns eine Pension im Herzen des Dorfes. Tatsächlich stehen wir nach viermaligem Linksabbiegen vor der Tür vom "L´Ancienne Auberge". Nach einem Blick in das Zimmer, die Speisekarte und den Preisaushang steht für Anja und mich fest, genau unsere Kragenweite - wir bleiben. Unsere Entscheidung, abseits der Hauptstraße, quasi auf dem Dorf zu wohnen, wird durch das leckere Abendessen mit eindeutig katalanischem Charakter belohnt. Dieser Teil der Pyrenäen hat für jeden etwas zu bieten - da wäre die Hochebene Capcir, die gleich hinter Mont-Louis, am Col de la Quillane beginnt. Hier entspringt die Aude, die uns schon auf vielen Reisen durch das Land der Katharer begleitete. Herrliche Bergseen werden von fast 3.000 Meter hohen Gipfeln eingerahmt. Die frische Bergluft lockte schon im Mittelalter die Könige von Mallorca in das Hochtal. Der See von Puyvalador liegt hinter uns, als wir die Abzweigung nach Querigut nehmen. Zwischen uns und unserem nächsten Ziel, Aix-les-Thermes, liegt der Port de Pailhères, eine Passstrecke, die den Vergleich mit denen der Alpen auf gar keinen Fall scheuen muss! Im Gegenteil - griffiger Asphalt, schmale Straße, deftige Kurven und Kehren und auf 2001 Metern Passhöhe eine menschenleere, gespenstische Atmosphäre. Nebelschwaden ziehen um uns herum, die Sonne bricht gelegentlich durch, um sofort wieder zu verschwinden. Stundenlang könnten wir diesem Schauspiel zuschauen. Im quirligen Aix-les-Thermes ist die Ruhe dahin, Blechlawinen kriechen auf der N 20 durch den alten Thermalort.

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Wir stecken unsere Füße in das heiße Wasser des "Bassin des Ladres". Zu spät entdecken wir eine Tafel, aus der hervorgeht, dass König Ludwig IX., im Jahr 1260 das Becken zur Behandlung Leprakranker errichten ließ. Egal - was gegen Lepra hilft, bekämpft bestimmt auch Fußpilz! Durch das stark befahrene Ariège-Tal geht es Richtung Col de Puymorens. Bei einem fliegenden Händler haben wir uns eine fußballgroße Melone gekauft und machen Rast am schattigen Ufer des Flusslaufes. Gottseidank wollen die meisten Verkehrsteilnehmer Richtung Andorra, nach dem Col de Puymorens wird es etwas ruhiger. Ganz ruhig wird es dann auf dem Weg nach Llivia, einer Art Kleinwalsertal in den Pyrenäen. Obwohl auf französischem Boden liegend, gehört der Ort zu Spanien. Beim Pyrenäenfrieden 1660 wurden Gebiete und Orte neu verteilt, aber man vergaß Llivia, das heute über eine vier Kilometer lange Straße mit Spanien verbunden ist. Nun sind wir auch schon mitten in der Cerdagne, jenem Hochtal, das mehr Sonnenstunden aufweisen kann, als das restliche Frankreich. Am Nordhang schlängelt sich die D 618 Richtung Font-Romeu und durchquert dabei das "Chaos de Targasonne". Wie von Riesenhand geworfen, liegen Felsbrocken verstreut in der Gegend, die schmale Straße sucht den Weg hinauf nach Odeillo. Plötzlich gleißendes Licht, die Welt steht kopf, rechts ran und Augen reiben. Vor uns liegt der riesige Parabolspiegel des größten Sonnenofens der Welt. Staunend besuchen wir die Ausstellung, in der das Geheimnis der Sonnenenergie und die hier erzeugten 3800 Hitzegrade anschaulich erklärt werden. Die letzten Kilometer bis Bolquère gehören in die Kategorie der Straßen, die man nie vergisst, zufrieden schwingen wir auf der Landstraße nach Hause und genießen dabei die Lichtspiele über dem Hochtal. In zahlreichen Grautönen erscheinen die umliegenden Berge, deren Gipfel in den Wolken verschwinden. Das Tor der Garage schlägt hinter uns krachend ins Schloss, müde, erfüllt und voller Appetit schlurfen wir ins Hotel. Am nächsten Morgen ziehen wir auf Schusters Rappen zum Ortsausgang. Nach Aussage unserer Wirtin, Mme. Blanc, soll hier der Bahnhof im Dornröschenschlaf liegen.

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Den Tramperdaumen erhoben, warten wir auf den "Petit Train Jaune", den kleinen gelben Zug, der mehrmals täglich zwischen Villefranche-de-Conflent und der Cerdagne hin und her pendelt. Bei schönem Wetter werden bei einigen Waggons die Dächer abgenommen und dem Rundumblick steht nichts mehr im Wege. Dieses alte Vehikel bringt uns durch unzählige Tunnel und über abenteuerlichste Brücken hinab ins Tal. Auf der 35 km langen Strecke zeigen sich die Pyrenäen von ihrer Bilderbuchseite. Ziel unserer Bahnreise ist das mittelalterliche Festungsstädtchen Villefranche. Bei einem Bummel durch die alten Gassen fallen uns die schönen schmiedeeisernen Schilder auf, die über Geschäften oder Handwerksbetrieben hängen, die Postfiliale wird von einer Brieftaube verziert. Wir sitzen auf dem "Place de l'Eglise Saint-Jaques" vor dem "Hotel Le Vauban" und schauen dem regen Treiben auf dem Marktplatz zu. Der alte Vauban war ein Militärbaumeister, der viele Festungen Südfrankreichs uneinnehmbar machte. Wie ein Adlernest thront Fort Liberia, einst letzte Zufluchtsstätte, über dem Ort. Nach einer ausgiebigen Besichtigungstour schleichen wir mit der Bimmelbahn zurück in die Berge. Satte Steigungen und stolze 1200 Meter Höhenunterschied machen das Blumenpflücken während der Fahrt möglich. Die Familie Blanc besitzt in Bolquère neben dem Hotel auch noch einen "Tante-Emma-Laden". Am frühen Morgen versorgen wir uns dort mit frischem Brot, Pastete und Mineralwasser, bevor es auf der N 116, immer parallel zum Schienenstrang, Richtung Mittelmeer geht. Rechts von uns, also südlich, liegt der Pic du Canigou, der heilige Berg der Katharer. Dieser Berg galt jahrelang fälschlicherweise als höchster Gipfel der Pyrenäen.

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Hinter Prades warten zwei Sahneschnitten auf uns und unsere Gummikuh. Die Orgelpfeifen von Ille-sur-Tet sind einen Besuch wert. Hier hat die Natur in einer ihrer zahlreichen Launen durch Erosion steinerne Nadelspitzen aus dem Felsboden gewaschen. Zarte Naturen sollten hier noch einmal den freien Blick über das Land genießen, denn ein paar Kilometer zurück geht es in eine bewaldete Schlucht. Den Einstieg findet man am kleinen Ort Bouleternére, das Ende markiert Amélie-les-Bains , dazwischen 43 Kilometer Kurven, Kurven, Kurven. Als einzige Abwechslung kann die Passhöhe gelten, die auf halber Strecke liegt. Diesem grünen Geschicklichkeitsparcours entkommen, meinen wir, das Mittelmeer riechen zu können, denn nur noch 50 Kilometer trennen uns von unserem heutigen Tagesziel, der Cote Vermeille, wo die Pyrenäen ins Mittelmeer stürzen. Wir kennen da ein tolles Hotel, mit Pool und Blick über die Bucht, in dem bildhübschen Küstenort Banyuls-sur-Mer. Aber das ist eine andere Geschichte ...

INFO

Übernachtung:
Hotel "L`Ancienne Auberge"
et Mme. Francis Blanc
Rue de l´eveque
F-66210 Bolquère
Tel. 0033 - (0) 468300951
Das Doppelzimmer mit Du/WC, incl. Frühstück kostet ca. DM 80,-- / Halbpension ist möglich und empfehlenswert! Liebevoll geführter Familienbetrieb, aufgeschlossene Wirtsleute, Garage fürs Bike kostenlos.

Der Sonnenofen von Odeillo:
Besichtigung täglich: 10 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 17.30 Uhr.
Eintritt: Erwachsene 25 FRF, Jugendliche 15 FRF, Kinder frei.

Straßenkarte: Michelin Midi-Pyrénées Nr. 235, Maßstab 1 : 200.000. In Frankreich kaufen, dort viel billiger.

Reiseführer: Michael Schuh, Pyrenäen Handbuch, Reise Know-How Verlag, ISBN 3-8941-610-X, DM 39,80.

Reisezeit: Mai - Oktober, plötzliche Wetterumschwünge möglich, ein warmer Pullover sollte auch im Sommer dabei sein.

Anreise: Per Autoreisezug der DB nach Narbonne. Katalog anfordern per Fax: 0341 9127798
per Post: DB AutoZug Versandservice, Postfach 1111, 04112 Leipzig

Text & Fotos: Frank Sachau