Motorradreise durch die Cevennen Teil 1

Motorradreise durch die Cevennen Teil 1


Mit einer HD E-Glide unter Wölfen, Bisons und Geiern.

Am 22. September 1878 durchquerte ein junger Schotte in 12 Tagen die Cevennen (Cévennes) von Le Monastier im Norden, bis Sankt Jean du Gard im Süden. Dabei legte er zu Fuß mit seinem Esel „Modestine“ 220 km zurück. Sein Name: Robert Louis Stevenson, Schriftsteller, sein Motiv : Abenteuerlust, Reisebeschreibungen. Diese Reise, eine von vielen, hat diesen Schotten berühmt gemacht.

Vom 23. Juli 2010 bis 4. August 2011 erforschte ein älterer Herr mit seiner Harley Davidson E-Glide, ein Geschenk zu seinem 66ten Geburtstag, die Cevennen und legte dabei in 12 Tagen 3640 km zurück. Der ältere Herr ist noch nicht berühmt, aber bei ihm war es auch Abenteuerlust und der Versuch herauszufinden, ob eine Harley wirklich nur da ist, um gerade aus zu fahren.

Aber warum gerade die Cevennen?

Spätestens wenn man mit dem Autoreisezug der Deutschen Bahn in Avignon ankommt, wissen die meisten mitfahrenden Biker, wo die Cevennen beginnen, etwa 150 km nördlich von Montpelier. Die Cevennen, das sind neben steinigen, ausgedörrten Hochplateaus die „Causses“, mächtige Granitkuppeln, zerklüftete Schiefergebirge, und die "Gorges" die sogenannten Schluchten, in die sich die Flüsse Tarn und Jonte tief eingegraben haben. Eine Route 66 gibt es noch nicht einmal ansatzweise in diesen hügeligen Ausläufern der Auvergne mit den Regionen Velay, Margeride, Gédaudan, Aubrac, und Lozère. Mein Ziel ist der Ort le Bleymard im Parc National des Cévennes. Aber alles der Reihe nach. Als ich Avignon auf der N100 Richtung Remoulins verlasse, rieche ich den Süden, sehe die ersten Sonnenblumenfelder, der Duft von Lavendel steigt mir in die Nase. Am Rande einer kleinen Ortschaft, inmitten eines Olivenhaines halte ich an und atme den Zauber dieser Landschaft ein, spüre die sommerliche Hitze und höre den Chor der Zikaden - das entspannte „Laisser-vivre“ kann beginnen, zumindest für 3 Wochen.

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Bevor ich auf der D 981 weiter nach Alés fahre, mache ich einen Abstecher zu dem berühmten, römischen Viadukt Pont du Gard. Der Pont du Gard ist eines der prachtvollsten und besterhaltensten römischen Baudenkmäler, an dem einer Überlieferung zufolge, 1000 Menschen über drei Jahre lang gearbeitet haben. Eine Besichtigung sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, vor allem weil man sich an heißen Tagen wunderbar im Gardon abkühlen kann. Nach einem halbstündigen Bad verlasse ich den Pont du Gard und fahre über Uzès nach Alés. In Uzès gibt es einen wichtigen Grund, eine Pause einzulegen. Ein Besuch im „Musee du Bonbon Haribo“ gehört zum Pflichtprogramm aller Gummibären-Freunde, getreu dem Motto: "Haribo macht Kinder froh und die Biker ebenso". Auf drei Etagen dreht sich alles um Bonbons und die bunten Gummitiere, die man selbstverständlich auch probieren und kaufen kann. Wer sich wundert, warum sich das Museum nicht am Stammsitz in Bonn befindet, dem sei gesagt, dass Haribo schon seit Anfang der siebziger Jahre eine Fabrik in Uzès betreibt, die inzwischen mehr als 300 Mitarbeiter zählt. Der Grund ist eigentlich einleuchtend, für Haribo Konfekt benötigt man Lakritz, diesen wiederum gewinnt man aus dem Saft der Süßwurzel, und die wird in großen Mengen im Umland von Uzès angebaut.

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In Alés meldet sich der Magen, es wird Zeit lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten. Hat man sich erst einmal mit einer HD zur Altstadt durch gekämpft, ist man gefangen genommen von dem Kleinstadtflair. In der Fußgängerzone an der Cathédrale Saint-Jean trinke ich einen Kaffee, esse einen Sandwich und genieße die Ruhe in der Sonne. Da Alés nicht im Gebirge liegt, beginnt die D106 kurvenreich und ansteigend. Ich bin überrascht wie leicht mein 7 Zentnerkoloss in die Kurve geht, der dritte Gang und halbes Gas genügt um die Maschine aus der Kurve zu ziehen und wieder aufzurichten. Die 120 km bis Mende „schaffe“ ich fast in 3 Stunden. Die E-Glide ist kein Kurvenfresser, also bleibt man lieber auf der passiven Seite, das Leben mit gemäßigtem Tempo auf sich zukommen lassen, lässig im Polster lümmelnd den gebotenen Sitz- sowie Federungskomfort genießen und: Kurven nicht einfach so nehmen, sondern zelebrieren - mit der Besonnenheit, die ein 350 Kilogramm schwerer Klassiker in Anspruch nehmen kann.

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Die N106 führt geradewegs nach Mende, der Hauptstadt des am dünnsten besiedelten französischen Departements Lozère (78 000 Einwohner), die Stadt selbst, aus einer römischen Siedlung im 3. Jh. entstanden, hat ca. 11 000 Einwohner. Die Altstadt, mit ihren schmalen, gewundenen Gassen ist mit alten Häusern gesäumt, an denen mal eine schöne Holztür, mal ein Portal oder eine Hauskapelle sehenswert ist. Um die beeindruckende Kathedrale, aus dem 14. Jh., findet am letzten Juliwochenende ein Antiquitätenmarkt statt.

Ich verlasse Mende auf der N 88 Richtung Langogne und hätte beinahe die Abfahrt nach le Bleymard verpasst. Die Verkehrsplaner sind sonst so vorbildlich in Frankreich, aber der Hinweis auf die Strassen-Nummer würde vieles erleichtern. So biege ich also nach rechts auf die D901 Richtung Le Bleymard ab. Nach 28 Kilometern stehe ich am Ortseingang von Saint Jean du Bleymard und sehe das beschriebene Hinweisschild „Chambres et tables d’hotes“ La Combette. Als ich die E-Glide auf dem hauseigenen Parkplatz abstellen will, fordert mich eine männliche Stimme, mit eindeutigen holländischen Akzent auf, das Motorrad doch in der Garage einzustellen; das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Hausbesitzer Felix begrüßt mich sehr herzlich und hat bereits ein kaltes Bier bereitgestellt. Ein aufmerksamer Gastgeber, für den ich sofort Sympathie empfinde.

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Diese überträg sich umgehend auf den Jagdhund Duc, der mit einem Ball im Maul zum Spielen auffordert. Anita und Felix sind sehr umsichtige, freundliche und aufmerksame Gastgeber. Die Entscheidung La Combette als Stützpunkt für meine Tagesfahrten zu nutzen, stellt sich als goldrichtig heraus, denn Anita und Felix sind hervorragende Köche, beide waren über dreißig Jahre in Afrika. Felix ist Agraringenieur und Anita hat eine Ausbildung als Krankenschwester, was soll mir da noch passieren?! Das Haus „La Combette“ blieb für 12 Tage der Hort interessanter Gespräche in Deutsch, Französisch und Englisch, Holländisch konnte ich in der kurzen Zeit nicht lernen. Ich lernte afrikanische Musik kennen, ließ den Rhythmus in mich eindringen und spürte bei einem Glas Rotwein oder einem Glas Bier den Schwingungen nach. Während ich diesen Artikel schreibe, höre ich im Hintergrund Malaika, ein Gospel aus Ostafrika. Nach der ersten Nacht in La Combette gibt es ein Frückstück mit frischem, selbstgemachtem Yoghurt, Müsli , Eier von eigenen Hühnern, frisches Obst und selbst gebackenes Brot. Anita und Felix essen gesundheitsbewusst und lassen ihre Gäste daran teilhaben. Da ich Halbpension gebucht habe, erwartete man mich spätestens um 18:30 Uhr zum Abendessen. Dieses warme Abendessen hat es in sich, es ist wohlschmeckend und sehr abwechselungsreich, dazu gibt es je nach Wunsch Wasser, Bier oder Wein.

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Mit meiner ersten Tour will ich erst einmal dieses Gebirgsdorf Le Bleymard, mit den charakteristischen, Schiefer gedeckten Bauernhäuser der Cevennen kennen lernen. Der erste Besuch gilt der Kirche und dem Friedhof, denn hier erfährt man viel über Namen, Familien und das Alter der Verstorbenen. Nachdem die erste Neugier befriedigt ist, geht es weiter. Der Ort zieht sich entlang der D 20 Richtung Pont de Montvert, die Strasse steigt schnell an und führt nicht wie ich vermute zum Mont Lozère, sondern über den 1541 hohen Col de Finiels. Im Sommer ist es hier oben ideal zum Wandern, denn während in den Tälern die Hitze steht, frischt hier ein permanenter Wind auf. In weiser Voraussicht habe ich Jeans und hohe Schuhe gewählt. So fällt es mir nicht schwer, den Fußweg zur Bergspitze zu nehmen. Dennoch dauert es gut eine Stunde, bis ich den Gipfel „Sommet de Finiels“ in 1699 Metern Höhe erreicht habe – außer Atem. - Man müsste mal wieder Sport treiben. - Bei klarem Wetter kann man von hier aus bis zum Mittelmeer sehen, aber auch jetzt bei der Bewölkung ist es ein herrlicher Panoramablick. In der kalten Jahreszeit verwandelt sich der Gipfel in ein lebhaftes Wintersportzentrum mit Liftbetrieb und einem großen Loipennetz . Hier oben bekommt man eine leise Ahnung, was Winter in den Cevennen bedeutet - Windböen in Orkanstärken.

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Als ich wieder im Sattel der E-Glide sitze und talwärts fahre, genieße ich die Serpentinen, den Duft von Kräutern und die spürbar wärmer werdende Luft. Das 300 Seelen - Dorf Le Pont de Montvert zieht sich wie ein Amphiteater am Südhang des Mont Lozère hinauf. Eine filigrane Brücke überspannt den Tarn, der am Mont Lozère in 1575 Metern entspringt und als reißender Gebirgsbach zu Tal strömt. Während der Tarn Richtung Florac fließt, nehme ich die Strasse nach Génolhac, von dort aus fahre ich an der westlichen Grenze vom Parc National des Chevennes weiter auf der D315 nach Villefort. Felix sagte mir, ich solle unbedingt Badehose und Handtuch mitnehmen, es war ein verdammt guter Tipp. Der Stausee erweist sich als ein beliebtes Terrain zum Baden und zum Sonnen. Viele Einheimische und Feriengäste verbringen an den Ufern des Sees ihre Urlaubstage. An den Steilhängen, immerhin mussten mehrere Seitentäler beim Stauen geflutet werden, haben sich Angler Treppen in den Fels geschlagen und können in Ruhe auf Plattformen angeln. Gegen 17 Uhr packe ich meine Badesachen und freue mich auf das Cruisen in diesem hügeligen Gelände, wo die Kurven dem Getriebe keine Ruhe gönnen und die Ballonreifen auch an den Profilrändern gefordert werden.Mit Frankreich assoziiert man auch Musketiere, Landadel, Comte, Monarchie und so war ich auch nicht verwundert, plötzlich ein massives Renaissanceschlösschen mit drei markanten Rundtürmchen im Wald zu sehen.

Teil 2 der Motorradreise folgt...

Text und Fotos: Manfred Berwanger