Motorradtour durch das Wallis

Motorradtour durch das Wallis


Sackgassen-Genuss

Das Schweizer Wallis ist legendär bei Wanderern und Mountainbikern, seine landschaftliche Bandbreite reicht von ewigem Eis bis zu mediterranem Flair, reicht von weiten Tälern bis zu richtig hohen Bergen. Ja viele sagen, das Wallis sei der wohl schönste Kanton der Schweiz. Schauen wir nach...

Mitten im Walliser Herzen, in Sion such ich mir meistens ein herrlich zentrales Quartier. Seit über 1000 Jahren ist dieses Sion die Hauptstadt des Kantons und bietet zu Füßen der mächtigen Festung Valère vor allem am Feierabend alle Annehmlichkeiten, die man sich als Biker wünscht. Stellen Sie das Moped einfach am Fuß der Burg ab und schlendern Sie durch die mittelalterlich anmutenden, engen Gassen mit ihren Trödel- und Obstläden, mit winzigen Kneipen und Straßencafés. Es lohnt sich.

Im Frühtau zu Berge

Apropos Schlendern: Früh am anderen Morgen schwinge ich mich in den Sattel, um gemütlich durch die Täler rechts und links der Rhône zu streifen. Das kostet allein deshalb schon Zeit, da sie allesamt Sackgassen sind. Typische Walliser Berghütten in dunkelbraunem, wärmespeicherndem Holz säumen den Weg ins Val d’Herens südlich von Sion. Bereits im verschlafenen Bergdorf Euseigne mit seinen berühmten Erdpyramiden gabelt sich der Weg und verlangt eine Entscheidung. Rechter Hand geht es durch das Hochtal Val d’Hérémence zum Stausee Lac des Dix, über die Kupplungshand führt eine zweite Straße nach Arolla in die Gletscherwelten der Seealpen. Mein Tipp: Erkunden Sie unbedingt beide Strecken bis zu ihrem ultimativen Ende. Doch vorher werfen Sie noch einen Blick auf jene Erdpyramiden, gehören sie doch immerhin zum offiziellen Schweizer „Bundesinventar der Naturdenkmäler mit nationaler Bedeutung“. Natürlich Erosion schuf im Laufe von Jahrtausenden diese bis zu 15 m aufragenden Felsskulpturen, eben jene Erosion wird sie eines Tages auch von den Landkarten des Wallis tilgen. Gut, wenn man vorher noch ein paar Fotos von ihnen machen konnte.

Euseigne Erdpyramiden

Auch der Lac des Dix mit seiner gewaltigen Staumauer ist ein erlebenswerter Anblick, zumal es sich hierbei um den größten Stausee der Schweiz handelt. 50 umliegende Gletscher speisen den See, eine kleine Seilbahn bringt Wanderer von Juni bis Oktober in nur 5 Minuten hinauf zur Krone der höchsten Staumauer der Welt. Holzhäuser mit bunten Balkongalerien und verdächtig dunkelgraue Gewitterwolken empfangen mich wenig später Richtung Arolla. Schlagartig ist Schluss mit lustig, urplötzlich macht das Wetter zu und heftiges Donnergrollen zeigt mir einmal mehr, dass hier in hochalpinem Gelände nur einer das Sagen hat: der Wettergott.

Mächtige Kumuluswolken türmen sich am anderen Tag immer noch entlang der Alpengipfel, während ich über das gewaltige Rhônetal Richtung Martigny schwinge, der ehemals letzten römischen Grenzbastion vor dem Großen St. Bernhard-Pass. Dessen Kehren habe ich schon das ein oder andere Mal bezwungen, deshalb heißt es im Örtchen Sembrancher kurzerhand den Blinker links gesetzt und abtauchen ins Val de Bagnes. Durch bildhübsche Bergdörfer geht es bergan nach Verbier, dem Pflichtprogramm eines jeden Besuches im Val de Bagnes. Die Lage des ehemals abgeschiedenen Bergbauerndorfes ist atemberaubend schön, daran können heutzutage auch die Massen an Hotels, Pizzerien und Kneipen nichts ändern.

Leuk Panorama

Sightseeing zu Walliser Berühmtheiten

Am Wintersportparadies Crans Montana auf der Nordseite des Rhônetales begeistert im Sommer vor allem die fahrerisch abwechslungsreiche Bergstrecke über Grimisuat und Anzère hinauf in den Ort mit herrlichen Ausblicken auf die umliegenden Dreitausender. Ich schaue mich kurz um und gebe Gas. Mal sehen, was Leuk und Leukerbad zu bieten haben. Stolz und ansehnlich erhebt sich wenig später das Rathaus von Leuk aus den umliegenden Weinbergen. Am Ende der imposanten Dala-Schlucht lädt der schon im Mittelalter bedeutsame Handelsort zu einem spontanen Boxenstopp, bevor es auf auskömmlich breiter Piste weiter hinauf in die Berge geht nach Leukerbad, dem bekanntesten Thermalbad des Wallis. Bereits die Römer liebten dessen heiße Quellen, heutzutage gruppieren sich weit über 20 davon zum größten Thermalangebot der Alpen. 4 Millionen Liter bis zu 50° C heißen Quellwassers sprudeln täglich aus den unerforschten Tiefen der Berge und bilden eine Wohltat auch für Bikers Rücken am Ende eines langen Tages im Sattel. Wer also nicht unbedingt zentral im Wallis wohnen möchte, dem sei eines der über 3.500 Gästebetten hier in Leukerbad mit entspannender Thermalbademöglichkeit empfohlen. Und ganz unter uns: Derartige touristische Schätze sollten wir zudem keinesfalls kampflos europäischen Rentnergeschwadern überlassen!

Leuk Rathaus 2

Irgendwo zwischen Himmel und Erde

Die wohl bekanntesten Täler des Wallis stehen anderntags auf meinem Roadbook. Das Mattertal mit seinem Highlight Matterhorn sowie das Saastal mit Saas-Fee spalten allerdings oftmals die Gemüter ihrer Gäste. Fahrerisch sind beide Täler nett, aber ohne echte Herausforderungen. Die Highlights warten eigentlich jeweils am Talschluss, sind aber nur gegen einen satten Obolus sowie gänzlich ohne Bike zu erreichen. Denn sowohl Zermatt als auch Saas-Fee sind auto- und mopedfreie Zone. Gebührenpflichtige Parkplätze sammeln die Fahrzeuge aller Besucher bereits weit vor den Orten, nur mit Taxen, Bussen oder einer Schmalspurbahn darf man sich ihnen nähern.

Leukerbad


Direkt in Sierre zweigt wenig später das vielleicht schönste Tal des Wallis gen Süden ab, das Val d’Anniviers. Aus prallen, sattgrünen Weinbergen geht es in 25 Kilometern hinauf in den ewigen Schnee durch eine mehr als sehenswerte Bergbauernwelt. „Das Tal, das irgendwo zwischen Himmel und Erde hängt“, soll Rainer Maria Rilke es gar trefflich beschrieben haben. In Vissoie scheiden sich die Wege talaufwärts, linker Hand geht es hinauf nach Zinal. Dort am Kiesbett des Navisence ist auch für Hardenduros Schluss. Na ja – zumindest offiziell! Aber aufgepasst: Die Strafen sind drakonisch.
Martigny Blick 01

 
In Grimentz auf der anderen Talseite folge ich zu guter Letzt noch der einzigen Straße hinauf in die Berge. Denn an ihrem spektakulären Ende wartet der Lac de Moiry, ein 1,5 qkm großer Speicher auf immerhin schon satten 2.250 Höhenmetern. Eine Betonpiste führt am Ostufer des Speichersees entlang, gemeinsam mit einer Handvoll Wanderer genieße ich die ergreifende Stille der Bergwelt, lasse die Beine über der Uferböschung und meine Seele im lauen Sommerwind baumeln. Das sind Erinnerungen, von denen ich an langen Winterabenden genüsslich zehren kann. Da stört es auch nicht weiter, dass morgen bereits die Heimreise auf dem Roadbook steht. Apropos: Die sollten auch Sie unbedingt mit zwei höchst kurvenreichen Abstechern zum berühmten Simplon- und herrlichen Nufenenpass würzen, denn die liegen zum Greifen nahe am Ostrand des Wallis. Also im Grunde gleich um die Ecke.
Sion Burg 01