Motorradtour Südtirol: Vinschgau und Sarntaler Alpen

Motorradtour Südtirol: Vinschgau und Sarntaler Alpen


Welch ein Genuss!

Wie die Brennertäler läuft auch der Vinschgau Gefahr, auf unserer Reise in den sonnigen Süden nur als Transitstrecke missbraucht zu werden. Aber das ist ein großer Fehler, wie Ihnen diese Geschichte beweisen wird. Unser Tipp: Erkunden Sie den Vinschgau und das angrenzende Sarntal heuer einmal ganz intensiv. Denn das ist ein echter Genuss.

Okay, der Reschenpass ist bekannt, fahrerisch aber eher eine Autobahn, denn echter Genuss. Dennoch liebe ich diesen Pass und seinen weltberühmten Kirchturm. Warum? Weil sein Anblick immer wieder mit Kurvenhatz, Urlaubsfreuden, ja mit porentiefem Genuss verbunden ist. Denn der Reschenpass ist das Tor ins Vinschgau, das Tor nach Südtirol. Das geschichtliche Highlight des Passes ist die tragische Geschichte um das kleine Bergdorf Graun, dessen Kirchturm der wohl meistfotografierteste der ganzen Welt ist. 1948 wurde der Reschensee aufgestaut, dabei versank der Ort Graun in den Fluten, lediglich sein alter Kirchturm ragt bis heute trotzig aus den Fluten. Bei Niedrigwasser steht er in einer Art Lagune und kann umwandert werden. Selbstverständlich klappen wir auch an diesen Sommertag den Seitenständer aus, um einen Blick auf den Turm zu werfen.

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Ein Tipp zur Anreise

Und gleich am Ortseingang von Reschen setze ich wie immer den Blinker rechts Richtung Rojental – so viel Zeit muss sein. Eine hochalpine Sackgasse erwartet uns reich gesegnet mit Ausblicken und Picknickplätzen vom Feinsten. Und anschließend gönnen wir uns noch die Panoramastrecke am Westufer des Reschensees entlang als perfekte Einstimmung auf die kommenden Tage.
Tour 1 verlangt am anderen Morgen eine schwere Entscheidung: Fahren wir sie entgegen dem Uhrzeigersinn, ist sie mittelschwer. Im Uhrzeigersinn hingegen sehr anspruchsvoll, liegt doch gleich nach dem Start die legendäre Nordrampe des Stilfser Jochs vor unserem Windshield. Und die ist bergauf nichts für Anfänger! Und auch nichts für die erste Mopedtour des Jahres, wenn unser Kurvenschwung noch leicht eingerostet ist. Wir entscheiden uns heute für die leichtere Variante, wedeln gemütlich über den Tauferspass zu einem Blitzbesuch in das Val Müstair, einem der schönsten Täler des Engadin. Auch der Ofenpass auf 2.150 m eignet sich perfekt als „Warm-up“, den Passo del Gallo unterqueren wir im mautpflichtigen Einspur-Tunnel „Munt-la-Schera“. Der malerische Lago di Livigno geleitet uns sodann in die von Napoleon ausgerufene Freihandelszone zum Shoppen und Volltanken. Über den Passo di Foscagno (2.290 m) erreichen wir Bormio rechtzeitig zum mittäglichen Boxenstopp.

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Frisch gestärkt zum Höhepunkt

Frisch gestärkt nehmen wir anschließend das legendäre Stilfser Joch in Angriff, heute von seiner gemütlichen Südwestrampe. Bald schon stehen wir gemeinsam mit unzähligen Bikerkollegen oben am Joch, die Passschild-Fotos sind obligatorisch, ebenso wie eine Runde Benzingespräche, bevor wir uns jener Nordwestrampe widmen. Mit ruhiger Gashand und viel Vorausschau, denn die Piste wird immer wieder von überforderten Dosenfahrern blockiert.

Erholung pur bietet zu guter Letzt unser Abstecher nach Sulden, einem malerisch gelegenen Bergdorf zu Füßen der gewaltigen Ortlergruppe. Auf den Almen rund um den Ort züchtet Reinhold Messner übrigens seine Yaks, im Ort gibt es eine „Zweigstelle“ seines berühmten Messner Mountain Museums. Sehr sehenswert!

Diesmal muss es sein

Am anderen Morgen dann muss es einfach sein: Die berüchtigte Nordwestrampe des Stilfser Jochs taucht bereits nach wenigen Kilometern vor uns auf. Ab jetzt heißt es für 46 anspruchsvolle Spitzkehren die Knie an den Tank und höchste Konzentration. Oben angekommen gilt es, Schultern zu klopfen und das Erlebte zu genießen. Noch kurz ein herzliches Hallo hinüber zum Schweizer Umbrailpass, mit 2.500 m immerhin der höchstgelegene Autopass der Schweiz, dann erreichen wir über Bormio die nächste Herausforderung des Tages: den Gavia-Pass (2.618 m). Seine Nordrampe ist mittelschwer, die Passhöhe rund um das Rifugio Bonetta ein beliebter Bikertreff. Die ordentlich asphaltierte Südrampe beginnt recht harmlos, besitzt aber ein gut 10 km langes Mittelstück, auf dem jeder entgegenkommende Cinquecento meinen Blutdruck treibt. Denn dieses Mittelstück ist in des Wortes kühnster Bedeutung kaum mehr als lenkerbreit.

Erst unten in Ponte di Legno am Fuß des Gavia kann ich meinen Blutdruck wieder regulieren, der Rest des Tourentages gehört dann der Gemütlichkeit. Der unscheinbare Passo Tonale führt uns zu einer Stippvisite ins Val di Sole und weiter an den malerischen Lago di Santa Giustina. Der Heimweg über Revo, Fondo und den Passo delle Palade ist ein fahrerisches Kinderspiel.

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Wiederkommen ist Pflicht

Mit einer intensiven Tälerschau wollen wir uns aus dem Vinschgau verabschieden, über die SS38 geht es nach Silandro, dem Hauptort des Vinschgaus. Kurz dahinter wartet bereits die erste Sackgasse auf uns: Das Val Martello entführt uns tief in das Reich des Ortlers. Ähnliche Pracht bietet das kurz vor Naturns linkerhand abzweigende Schnalstal, dessen Eingang seit Jahrhunderten von Burg Juval bewacht wird, dem Wohnsitz der Alpinlegende Reinhold Messner. Umgerechnet gut 30.000 Euro hat er 1983 für dieses prächtige Zeitzeugnis bezahlen müssen – welch ein antikes Schnäppchen! Die Almen und Bergbauernhöfen des Schnalstales sind noch heute eine heile Welt im Kleinen, ja die Finailhöfe rund um den Vernagt-Stausee gehören sogar zu den höchsten bergbäuerlichen Siedlungen der Alpen. Und auf dem Grund des gut 100 ha großen Vernagt-Stausees liegt das Schicksal eines ganzen Bergdorfes verborgen – nicht die einzige spannende Geschichte des Schnalstales.

Dann nähern wir uns allmählich dem Meraner Becken und damit dem Herzen Südtirols. Apfelplantagen säumen die Talstraße, vor allem zur Ernte im Herbst wuselt es hier vor Traktoren. Meran selbst ist für viele die schönste Stadt Südtirols und bietet eine quirlig-lebendige Abwechslung zu der Einsamkeit der umliegenden Berge. Ein Bummel durch Merans Altstadtgassen rund um die Piazza Terme mit dem imposanten Kurhaus ist Pflicht eines jeden Südtirol-Urlaubs. Ebenso, wie ein intensiver Blick in das Sarntal nördlich von Bozen – mein Genusstipp zum Beispiel für die Heimreise.

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Gruß aus einer anderen Welt

Das Sarntal mit seinem beschaulichen Penser Joch ist stets meine erste Wahl, wenn es darum geht, genüsslich und mit viel Zeit im Tankrucksack von Bozen hinauf zum Brenner zu düsen – oder umgekehrt. Und gönnen auch Sie sich unbedingt den Abstecher hinauf in das Durnholzer Tal, einem Seitenarm des Sarntales – toll!

Retour im Sarntal treibe ich unser Bike auf wohlbekannter Piste hinauf zum Penser Joch. Ein frischer Wind pfeift um die Ecken der bewirtschafteten Passhütte und nicht nur die Ausblicke auf die umliegenden Sarntaler Alpen bleiben uns für immer in Erinnerung …

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Text und Bilder: Heinz E. Studt