Motorradtour Trentino

Motorradtour Trentino


Im Land des Schmetterlings

Das Trentino ist – gemeinsam mit Südtirol – die bekannteste und bei uns Deutschen beliebteste Region Norditaliens direkt an der sonnenverwöhnten Südalpenseite. Nur 100 Kilometer südlich des Brenners gelegen beginnt dort bereits ab März die Motorradsaison mit freien Straßen und angenehmen Temperaturen.

Trento als Kopf, der tiefe Einschnitt des Etschtales als der Körper, die Täler, Berge und Hochebenen rechts und links als die Flügel - tatsächlich ähnelt die geografische Gestalt des Trentino einem Schmetterling und so mag es nicht verwundern, dass dieses luftig-leichte, zur Sonne strebende Wesen zur Symbolfigur der Provinz gemacht wurde. In vier Tagestouren wollen wir den Schmetterling intensiv erkunden, sie stehen fertig geplant auf meinem Navi bereit, nachdem wir etwas oberhalb von Trento unser Quartier bezogen haben.

Der linke Flügel

Rasch sind anderntags Sozia und Tagesgepäck auf der Varadero verstaut und gemütlich geht es nach Westen. Und umgehend in das erste Kurvengemenge! Knie an den Tank und mit ruhiger Gashand 43 Spitzkehren auf gut 35 km Streckenlänge erobern – die Erbauer der Straße von Sardagna hinauf in den Weiler Lasino müssen leidenschaftliche Motorradfahrer gewesen sein! Sozia Kirsten ist froh, am idyllischen Lago di Toblino erst einmal ihrem rotierenden Gleichgewichtssinn eine Verschnaufpause gönnen zu können. Der Toblinosee gilt übrigens als der romantischste See im ganzen Trentino, sein postkartengleicher Anblick zieht jeden Besucher in seinen Bann.

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Kaum klagt unser nun perfekt einjustierter Gleichgewichtssinn über Langeweile, da geht es schon wieder ab in die Schräglage. Über Ponte delle Arche und Tione di Trento huschen wir um den Südrand der Brenta-Dolomiten nach Madonna di Campiglio, dem berühmten Skiressort auf 1.500 Höhenmetern. Der naheliegende Passo Campo Carlo Mango zählt mit seinen 1.682 m zu den eher unscheinbaren Alpenquerungen, acht Spitzkehren später empfängt uns das Val di Sole und zwischen Weinbergen und Wäldern drapiert bald darauf der prächtige Lago di Santa Giustina. Noch heute zählt der Speichersee zu den größten Talsperren der Erde. Doch das Beste an ihm ist das dichte Netz an atemberaubend kurvenreichen Landstraßen, das ihn umgibt. Und die beiden naheliegenden Pässe, der Mendola auf 1.363 m und der Passo delle Palade auf  1.518 m.

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Noch ein letztes Mal tauchen wir an diesem ersten Tourentag ein in ein Gewusel aus Kurven und Kehren, als wir über Molaro, Mezzolombardo sowie einem Abstecher zum Andalosattel bei Melveno hinunter in das Etschtal schwingen. Den perfekten Ausklang finden wir am Abend in den Altstadtgassen von Trento, in den Genüssen von Pizza & Pasta.

Eine Steigerung ist möglich

Gen Norden geht es anderntags aus Trento hinaus, zügig queren wir den Industrie- und Speckgürtel der Stadt und setzen hinter Gardolo den Blinker rechts. Über Albiano und Lona-Lases treibe ich unsere Honda nach Segonzano mit seinen berühmten Erdpyramiden und direkt hinein in das idyllische Cembratal. Fern am Horizont wachsen bereits die ersten Dolomitenpässe in die Höhe, mit dem Passo di Lavaze und d’Oclini locken zwei Kandidaten als Abstecher – wenn Sie mögen.

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Unser heutiger Weg führt uns von Molina hinauf in die kargen Regionen des Passo Manghen, dem höchsten Punkt dieser Tagestour. Zwar gehört der Manghen zu jenen Pässen, die am Stammtisch konsequent die Frage provozieren: „Wie heißt der?“ Macht aber nichts, das Fahrvergnügen steht dem in den Dolomiten an nichts nach.
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In Borgo Valsugana empfängt uns später typisch trentinisches Kontrastprogramm. Parallel zur SS47 huschen wir durch das Valsugana-Tal nach Levico Terme mit seinem malerischen Seen-Doppelpack Lago di Levico und Lago di Caldonazzo. Um die Südflanke des Monte Panarotta herum geht es nach Vetriolo und Pergine Valsugana sowie über Sant-Orsola Terme nach Baselga di Pine durch ein Kurvenrevier der Extraklasse. 47 waschechte Spitzkehren auf gerade einmal 60 Kilometer Länge – Sie ahnen, welch ein Vergnügen allein diese letzten Kilometer heimwärts nach Trento darstellen!

Geschichtsunterricht

Über die SS47, die Strada della Val Sugana düsen wir früh am Morgen direkt nach Levico Terme, diesem sehenswerten Promi-Badeorte der Belle Epoque. Über schmale Landstraßen geht es dann zum Weiler Quaere, zum Einstieg in die legendäre Kaiserjägerstraße, die „Strada dell’Alpini“. Im Ersten Weltkrieg wurde sie von den österreichischen Kaiserjägern unter lebensgefährlichen Bedingungen aus dem Fels gehauen und diente als wichtigste Versorgungslinie der Kriegsfront auf der Lavarone-Hochebene. Heute ist die Militärstraße durchgehend asphaltiert und gesichert, besitzt aber vor allem im nördlichen Abschnitt neben extrem engen Spitzkehren noch einige enge, unübersichtliche Felsentunnel, die ein gerüttelt Maß an Erfahrung im Mopedsattel erfordern.

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Kirstens Nervenkostüm reklamiert auf der Scheitelhöhe am Gasthaus Monte Rovere eine Pause, bevor wir Richtung Passo di Vezzena abbiegen. Gemütlich schwingen wir zu einem Blitzbesuch in die angrenzende Region Venetien, pendeln über Roana und Pedescala nach Arsiero durch ein Bikerparadies, dessen Kehren- und Kurvenreichtum allein schon so manchen Tourentag randvoll füllen könnte. Toll!! Über Tonezza del Cimone und den Passo Coe erreichen wir spätabends das hübsche Folgaria, abgerundet wird unser Tourentag zu guter Letzt noch mit zwei „netten“ Pässen, dem Passo del Sommo und della Fricca – perfekter geht es nicht mehr.

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Wat mut dat mut

Zugegeben, auch ich mache im Hochsommer, wenn man vor lauter Surfern, Luftmatratzen und planschenden Touris trockenen Fußes über den See wandeln kann, einen großen Bogen um den Gardasee. Aber sein Nordteil ist eindeutig trentinisches Territorium und somit gehört er in diese Geschichte. Noch einmal gönnen wir uns deshalb frühmorgens über Sardagna hinauf nach Vason jenes Kehrenparadies, das uns gleich an Tag 1 sprachlos gemacht hatte. Dann geht es schnurstracks zur spärlich ausgeschilderten „Strada Panoramica del Monte Baldo“, einer gut 60 km langen Bergstrecke bis hinauf auf 1.600 Höhenmeter, einem echten Geheimtipp des Trentino.

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Einen halben Tag verbringen wir dort oben entlang der Baumgrenze, genießen die Ausblicke und Pausenplätzchen, die Bergidylle und Sonne. Irgendwann erreicht uns dann doch der Lockruf des in der Ferne ruhenden Gardasees. Jetzt ein Cappuccino am Seeufer in Malcesine, Torbole oder Riva – das wär’s doch: über Caprino Veronese erreichen wir Torri del Benaco direkt am See und gönnen uns noch einen ausgiebigen Exkurs entlang der Ostuferpromenade hinauf nach Riva. Herrlich gelegene Cafés locken mit ihren Seeterrassen, kein Stau behindert unseren Vorwärtsdrang – der Gardasee in der Vorsaison ist schon eine echte Perle Norditaliens. Eine von vielen, die es im Trentino zu entdecken gilt …

Text und Bilder: Heinz E. Studt