Motorradtour Brenner-Region

Motorradtour Brenner-Region


Unbedingt abbiegen, bitte!

Sie kennen den Brenner! Sie schätzen seine mautfreie historische Route auf dem Weg in den Süden. Aber haben Sie auch schon einmal in die Täler rechts und links der Strecke geschaut? Zugegeben: Kaum ein Biker setzt hier den Blinker! Füllen wir unseren Tankrucksack mit ein paar Tagen Zeit und begeben wir uns auf Erkundungstour ins herrlich hochalpine Abseits.

Irgendwann vor einiger Zeit war ich des gedankenlosen Heizens über den Brenner Richtung Süden müde. Ich nahm mir gemeinsam mit meiner besten Sozia einfach ein paar Tage Zeit, um die vom Tourismus heutzutage weitgehend ignorierten Täler rechts und links des Brenners zu erkunden. Und was wir dort entdeckten, war eine Spontantour voller Kurvenschwung fernab jeglicher Hektik. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, was wir gefunden haben.

Stau nein danke

Unsere Anreise über Landeck und Innsbruck war bequem an einem sommerlichen Freitagmittag erledigt und stimmte uns abseits der Autobahnen perfekt auf das vor uns liegende Thema ein. Als Standort für die Brennertäler hatten wir uns einen der zahlreichen Gasthöfe entlang der alten Brennerstraße ausgesucht, diesmal einen mit ganz besonderer Aussicht. Meine Empfehlung dazu im Infoteil.

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Nach einem leckeren Frühstück geht es am anderen Morgen zügig auf die Piste. Und wie so oft hier in den Bergen beginnt der Spätsommertag mit fetten Nebelbänken über dem Eisack, durch die sich die Sonne erst einmal ihre Löcher schweißen muss. Schwungvoll düsen wir hinunter nach Gries. Es ist Samstag und wie so oft stauen sich auf der alten Brennerstraße bereits jetzt Kolonnen von Autos, Wohnwagen und auch Bikern auf ihrer mautfreien Hatz gen Süden. Deshalb tauchen wir lieber umgehend ab in die weitläufige Stille von Valser und Schmirner Tal gleich um die Ecke. Kurvenreich geht es auf idyllisch angelegter Piste hinauf in die Tuxer Alpen. Hauptsächlich Bergsteiger und Skilangläufer finden hier ein wahres Paradies an sportlichen Möglichkeiten - und natürlich Biker mit Lust auf Natur pur. St. Jodok, Vals und Schmirn sowie all die anderen winzigen Dörfer und Weiler gleichen einer zufälligen Ansammlung von alten Bergbauernhöfen, entstanden und über die Jahrhunderte gewachsen vor allem durch Erbteilung. Hier wird jeder neue Einwohner noch mit Stolz begrüßt, gezählt und registriert. Denn fehlende berufliche Perspektiven haben vor allem die jungen Menschen in die großen Städte nördlich und südlich des Brenners getrieben.

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Sackgassen für Genießer

Jedes der eiszeitlichen Gletschertäler entlang des Brenners ist übrigens eine Sackgasse. Befahrbare Querverbindungen über die umliegenden Fast-Dreitausender existieren nicht. So heißt es für uns nicht nur heute und nicht nur in Kasern: Hineinfahren - schauen - entdecken - genießen und umkehren. Eine Prozedur, die aufgrund der landschaftlichen Schönheit dieser hochalpinen Welt allerdings wohl niemals langweilig zu werden droht.

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Zurück aus der Stille des Schmirner Tales trifft uns der Verkehr auf der alten Brennerstraße wie ein Faustschlag auf den Helm. Gleich hinter Steinach setze ich erneut den Blinker rechts und wir tauchen ab ins Navistal, einem der schönsten Hochtäler am Brenner. Durch eine atemberaubend einsame Bergbauern-Kultur geht es bergan. Hier im Navistal werden die Kühe bereits im späten Sommer von den Hochalmen getrieben und schauen neugierig zu, wie ein erkundigungsfreudiger Biker seine kofferbreite Fuhre auf dem kaum lenkerbreiten Pistenende am Talschluss mühsam wendet.

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Apropos Almabtrieb: Dieses traditionelle Spektakel, das Vieh vor dem ersten Schnee von den Almen zu holen, wird auch heute noch in vielen Tälern am Brenner zelebriert. So zum Beispiel im Gschnitztal. Kaum haben wir den Taleingang passiert, finden wir uns unversehens inmitten von Blasmusik und Bierzeltstimmung. Das Ganze natürlich unter höchst wichtiger Mitwirkung des noch viel wichtigeren örtlichen Feuerwehrhauptmannes. Übermütig tollen derweil die traditionell geschmückten Rindviecher über die Dorfwiese, scheinen das Wiedersehen mit ihren Besitzern zu genießen - und das, obwohl es von den leckeren Sommerwiesen zurück in dunkle Winterställe geht. Das soll mal einer verstehen. Erst als das Vieh versorgt ist und die Menschen es sich im Festzelt gemütlich gemacht haben, räubern wir noch ein wenig über die an diesem Tag ziemlich verschmutzten Single-Track-Pisten des Tales.

Quer durch die Geschichte

Ridnaun- und Pfitschertal, die südlichen Täler des Brenners stehen für den nächsten Tag auf meinem Roadbook. Über die alte Brennerstraße, den berühmtesten Pass der Alpen und das historische Brennerdorf geht es Richtung Süden. Wieder einmal die Römer waren es übrigens, die eine Heerstraße hoch zum Brenner bauten. Überall auf den umliegenden Höhen entstanden im Verlauf der Jahrhunderte Burgen und Wachtürme, die diese wichtige Handelsroute kontrollierten. Nur wenige Reste sind davon heute noch zu sehen. So wie Burg Reifenstein, fast 1000-jähriges Wahrzeichen längst vergangener Zeiten. Auf inselähnlichem Fels erhebt sie sich aus den ehemaligen Sümpfen des Sterzinger Mooses und zählt zu den besterhaltendsten Burgen Südtirols.

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Zwiespältiges Sterzing

Doch bevor wir uns an diesem Tag Sterzing selbst zuwenden, düsen wir erst einmal in die lieblichen Täler von Ridnaun und Racines. Im Zentrum von Colle Isarco (Gossensaß) zweigt rechter Hand unsere erste Sackgasse ab, das Val di Fleres oder Pflerschtal. Wie, noch nie davon gehört? Macht nix, genießen auch Sie die Fahrt entlang der Südflanke der imposanten Tribulaun-Gipfel. Das anschließende Val Ridanna (Ridnauntal) ist da schon deutlich touristischer geprägt. Schloss Wolfsthurn hoch über Mareta ist ein Postkartenidyll, die barocke Schlossanlage stammt wohl aus dem 12. Jahrhundert und beherbergt sehenswerte Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Am Talschluss erwartet uns dann die spannende Geschichte des Silberbergbaus rund um den Schneeberg, das weitläufige Schaubergwerk entführt uns zu den heute noch funktionierenden Anlagen tief unter Tage.

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Nach einem Blick auf Burg Reifenstein, einer der schönsten – und übrigens niemals eroberten – Festungen Südtirols geht es zum Abschluss in das Val di Vizze (Pfitscher Tal). Ein malerisches Hochtal der Zentralalpen mit gut 40 km kurvenreichem Fahrgenuss erwartet uns. Wer allerdings den ausgeschilderten Passo di Vizze, das Pfitscher Joch auf 2.246 m erobern will, benötigt ein Mountainbike oder Wanderschuhe. Die Straße ist nur bis ca. 4 km vor dem Pass motorisiert befahrbar.

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Und was ist nun mit Sterzing? Zweigeteilt bleibt auch nach nunmehr einigen Rundgängen durch die vom berühmten Zwölferturm dominierte Fußgängerzone meine Meinung. Zu sehr vermischen sich hier sehenswerte Traditionen mit dem schnellen Euro, wird die unbestreitbare historische Pracht gezielt eingesetzt, um alles zu deutlich überteuerten Preisen anzubieten. Schade eigentlich, denn Sterzing könnte auch ganz anders. Aber bilden Sie sich doch bitte eine eigene Meinung.

Text & Bilder: Heinz E. Studt

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