Motorradtour Tessin

Motorradtour Tessin


Schweizer Sonnenbänkchen

Das Tessin ist der einzige Schweizer Kanton, der sich komplett auf der Alpensüdseite befindet. Hier verschmelzen Heidis heile Welt und italienisches „Dolce far niente“ zu einer im Alpenraum wohl einzigartigen Mixtur. Das Ganze mit Sonne pur an überdurchschnittlich vielen Tagen im Jahr. Ein wahres Bikerparadies wartet nur darauf, von uns entdeckt zu werden.

Bereits bei der Anreise oben am San Bernardino Pass geht es los. Plötzlich reißt die eben noch kilometerdicke Wolkendecke auf und eine kräftige Sonne schweißt sich durch allgegenwärtiges Grau, schafft Kontraste, bringt Farben zum Leuchten. In herrlicher Kurvenhatz geht es anschließend bergab nach Bellinzona, dieser perfekten Mixtur aus Großstadt und Dorf, aus allen Annehmlichkeiten und dennoch ruhigem Abseits.

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 Echtes Seaside-Feeling

Um richtig in Stimmung zu kommen, mache ich bei jedem Tessin-Besuch erst einmal dem Lago Lugano meine Aufwartung. Über Giubiasco und Ponte Capriasca geht es frühmorgens auf Nebenstrecken gen Süden. Ganzjährig von der Sonne verwöhnt empfängt mich Lugano mit herrlichen Ausblicken auf die grünen Hügelketten des Malcantone. Bereits im Mittelalter war der Ort ein bedeutendes Handelszentrum auf der Nord-Süd-Achse über den Gotthard-Pass. Die einstmals weithin bekannte Viehhandelsmetropole wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem der wichtigsten Finanzzentren der Schweiz – das nenn‘ ich gekonnte Anpassung.

Den schönsten Blick auf die Stadt hat man übrigens vom Vorort Paradiso aus. Hier finde ich anschließend auch meinen weiteren Weg. Eine kühn geschwungene Küstenstraße überrascht mit prächtigen Aussichten auf den See. Immer wieder erwische ich mich dabei, mit absolut uncoolem Schritttempo durch die Kehren zu tuckern, doch selbst meinem britischen Raubtier scheint das in diesem herrlichen Ambiente nichts auszumachen. Morcote, ein verträumtes Küstendorf an steilem Hang lädt mit zahlreichen Cafes und einer schönen Seepromenade zu einem spontanen koffeinhaltigen Boxenstopp.

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Frisch gestärkt geht es dann einmal um die Halbinsel herum, über Barbengo und Montagnola zu einem Abstecher Richtung Lago Maggiore. Die Uferstraße führt aber nach wenigen Kilometern bereits komplett hinaus aus diesem Thema und hinüber nach Italien. Deshalb beschränke ich mich heute darauf, Locarno meine Aufwartung zu machen. Dessen pulsierendes Zentrum mit seiner Kopfstein gepflasterten Piazza Grande wird dominiert vom Anblick der steil am Berg emporragenden Wallfahrtskirche Madonna del Sasso zu Füßen des 1.672m hohen Cimetta, Locarnos Hausberg und beliebtem Ausflugsziel.

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Lust auf Abwechslung

So ein städtisches Sightseeingprogramm macht unheimliche Lust auf deutliche Kontraste. Deshalb dirigiere ich meine Tiger anderntags Richtung Valle Maggia, einem der längsten Tessiner Alpentäler. Eine kurvenreiche Piste führt mich weit hinein in die Tessiner Bergwelt. Die typischen und zum Teil uralten Holzbauten in den Dörfern rechts und links des Lenkers werden inzwischen mehr und mehr zu Ferienresidenzen erholungssuchender Schweizer ausgebaut und so vor dem zwangsläufigen Verfall gerettet.

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Oberhalb des Dorfes Fusio erstreckt sich der malerische Stausee Lago Sambuco, dessen gewaltige Staumauer auf einer schmalen Piste erreichbar ist. Diese kann aber wetterabhängig auch abgesperrt werden, so dass man den See nur zu Fuß erreichen kann. Aber Bewegung soll ja gesund sein, hört man immer wieder. Auch die noch sehr ursprünglichen Seitentäler Val di Peccia, Val Bavona und das Valle di Campo lohnen eine Erkundung. Viel zu rasch vergeht dieser Tag, viel zu bald versinkt die Sonne hinter den Gipfeln, vergoldet meinen Heimweg nach Bellinzona.

Einsame Bergidylle

Der nächste Tag gehört ganz und gar den Tessiner Hochtälern und südlichen Ausläufern der Alpen. Das Val Verzasca ist zwar längst nicht so weit verzeigt, wie sein berühmter Nachbar Valle Maggia, hat aber dennoch viel Sehenswertes zu bieten. Spektakulär windet sich die Straße gleich am Taleingang am Ostufer des Lago di Vogorno entlang. Erst kurz vor Vogorno weitet sich der Blick auf das Felsenbett des Verzasca-Flusses. Immer auf Tuchfühlung zum Wildwasser treibe ich die Tiger nach Lavertezzo, einem bildhübschen Bergdorf mit fotogener, steinalter Bogenbrücke. Dann geht’s weiter Richtung Sonogno. Ein großer Parkplatz sammelt vor dem Bergdorf alle Fahrzeuge ein, denn der Ort selbst hat sich seit Jahren schon zu einer autofreien Zone erklärt, in die man nur mit Sonderausweis, Regionalbussen oder aber zu Fuß gelangen kann. Das ist okay und bei einem Rundgang lockere ich meine steifen Gräten.

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Ganz im Osten des Tessins wartet anschließend das urtümliche Val Calanca darauf, entdeckt zu werden. Gleich hinter Roveredo auf dem Weg zum San Bernardino zweigt der Taleingang links ab. Achtung: Das kleine Schild ist leicht zu übersehen. Dabei lohnt es sich sehr, dieses augenscheinlich noch im touristischen Dornröschenschlaf liegende Hochtal zu erkunden. Auf ordentlicher Piste geht es durch Bergdörfer, in denen die Zeit vor 50 und mehr Jahren einfach stehengeblieben ist. Noch mit Sense und kräftezehrender Handarbeit werden die steilen Hänge bearbeitet, manches Bauernhaus ist bis heute nur zu Fuß erreichbar. Welch sehenswerter Kontrast!

Echt hoch hinaus

Der legendäre Gotthard und sein Nachbar Lukmanier im Grenzgebiet zu Graubünden stehen am letzten Tag auf meinem Tourenplan. In Biasca in der Mitte des Ticino-Tales zweigt sie rechts ab, die Piste zum Passo del Lucomagno. Nun mag zwar der Lukmanier nicht zu den spektakulärsten, schon gar nicht zu den steilsten oder gar anspruchsvollsten Alpenpässen zählen, auf Bikers Lebens-Roadbook darf er aber keinesfalls fehlen. Gemütlich pendeln Mensch und Motorrad hinauf zur Passhöhe und direkt am obligatorischen Pass-Restaurant findet sich der nicht weniger obligatorische Bikertreff für grenzenlose Benzingespräche. Die für mich schönste Ecke des Passes liegt allerdings weiter gen Graubünden am imposanten Lai da Sontga Maria, einem tiefblauen Speichersee mit einem Pausenplätzchen der ganz besonderen Qualität.

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Bevor ich an diesem Tag zurück nach Bellinzona düse, genehmige ich mir natürlich noch den Pflichtabstecher zum St. Gotthard. Hurtig geht’s bergab ins Graubündner Rheintal, über den eher unspektakulären Oberalp-Pass nach Andermatt und links ab in die Berge. Eine historische Route führt mich bergan bis auf 2100 m zum Gotthard-Hospiz. Und nun, wie geht’s weiter? Natürlich über die legendäre „Tremola“ auf der Südseite Passes! In Kopfsteinpflaster-Serpentinen windet sich die historische Strecke den Berg hinunter, verlangt auch an schönen, trockenen Tagen höchste Konzentration und eine sichere Hand im Umgang mit dem Bike.

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Übrigens: Die „Tremola“ ist nicht nur das längste Baudenkmal der Schweiz, ihre spannende Geschichte wird oben im Gotthard-Museum am Hospiz erzählt. Gemeinsam mit unendlich vielen anderen Geschichten vom Mythos des St. Gotthard und von längst vergangenen Tagen, in denen eine Reise ins Tessin noch wahrlich beschwerlich war. Nicht so, wie heutzutage, wo der sonnenverwöhnteste Kanton der Schweiz äußerst komfortabel zu erreichen ist. Nicht, dass ich jetzt Hektik verbreiten möchte, aber eigentlich wäre das Tessin als Saisonauftakt echt optimal …   

Text & Bilder: Heinz E. Studt