Motorradtour Schweiz: Genfer See + Waadtland

Motorradtour Schweiz: Genfer See + Waadtland


Fernab von Jetset & Co

Er ist nicht nur der größte der Schweiz, er ist sogar der zweitgrößte See Mitteleuropas - der Genfer See oder Lac Léman im Kanton Waadt. Am Rand der Savoyer Alpen bietet diese Region dem tourenden Biker prächtige Abwechslung im und abseits des Sattels. Und im Norden schließt das Waadtland nahtlos an, eine wiederum ganz andere Welt – irgendwo pendelnd zwischen High Society und gelebter Normalität.

Diese Geschichte spielt ganz im südwestlichsten Zipfel der Schweiz, spielt rund um den Genfer See, mit dessen Namen man unwillkürlich Finanz- und Börsen-Geschäfte, Stars und Sternchen, High Society und Schickimicki verbindet. Doch das Land um den See herum ist ebenso ein wahres Kurvenparadies, das uns abseits seiner wenigen Städte tagein tagaus oftmals allein gehört. Denn kaum einer dieser mega-erfolgreichen Börsen- und Finanzgurus hat zwischen seinen Millionen-Deals Zeit für eine Spritztour. Und das machen wir uns erfolgreich zunutze.

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Was für ein Käse!

Bevor wir unsere obligatorische Seeumrundung starten, wollen wir uns zur perfekten Einstimmung erst einmal dem Hinterland widmen, dem Kanton Waadt oder „Waadtland“. Gleich ordentlich hoch hinaus geht es am Col de la Croix, einem 1778m hohen Pass, den wir frühmorgens von unserem Hotel im hübschen Bergdorf Villars-sur-Ollon ausgehend mit bis zu 12% Steigung erobern. Oben auf der Passhöhe erwarten uns bereits herrliche Ausblicke auf die allmählich erwachenden Savoyer und Walliser Alpen. Kurvenreich geht es anschließend entlang der Baumgrenze nach Les Diablerets, einem vor allem bei Wintersportlern berühmten Ort. Jetzt im Sommer döst das Dorf müde der nächsten Saison entgegen. Über Le Rossex folgen wir dem beschaulichen Vallée des Ormonts ein Stück weit bis zum Col des Mosses. Gut 1500 Höhenmeter heißt es mit lockerer Gashand mitzunehmen, bevor wir über Château-d’Oex in die Haute Gruyère abzweigen. 

Um das sehenswerte Bergdorf Gruyères zu besuchen, müssen wir nach einem Steilanstieg auf gut ausgebauter Straße das Motorrad am Ortseingang parken und zu Fuß durch die historische Altstadt schlendern. Berühmt ist Gruyères auch für seine Fromagerie mit Schaukäserei am Fuß des Berges. Folgen Sie einfach dem strengen Geruch, gegen einen geringen Obolus kann man täglich zwischen 9 und 15 Uhr die Entstehung des echten „Greyerzer“ oder Gruyère Käses verfolgen. 

Über Bulle, Oron und Moudon geht es zurück in das Waadtland. Motorradwandern vom Feinsten durch beschauliche Landschaften füllt rasch unsere Stunden bis die zahlreichen Wegweiser zum „Vallée de Joux“ den Entdecker in mir wecken. Denn das Vallée de Joux hat eine vollkommen andere, höchst spannende Geschichte zu erzählen. Die der berühmten Schweizer Uhrenindustrie. 

Über den mit knapp 1.450 Metern eher winzige Col du Marchairuz sowie entlang der „Côte de Bière“ düsen wir spätnachmittags retour Richtung Lausanne und Genfer See sowie unserer Unterkunft.

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Einmal rundum, bitte

Natürlich ist die Umrundung des Genfer Sees Pflicht. Und zwar komplett inklusive französischem Abschnitt. Dafür starten wir ganz früh am anderen Morgen in Villeneuve, queren die in den See mündende Rhône, die übrigens nur gut 20 Kilometer südöstlich das prächtige Wallis geformt hat. Schauen Sie einmal in diesem Touren-Atlas! 

Immer auf Tuchfühlung zum Wasser folgen wir der Uferlinie zur französischen Grenze. Mitten im Örtchen St-Gingolph sortieren Zollbeamte den morgendlichen Pendlerstrom und winken uns freundlich durch. Immer am Ufer entlang huschen wir nach Evian-les-Bains mit der berühmtesten Mineralquelle Frankreichs. Im Herzen der quirligen Altstadt steht das historische Firmengebäude der Firma Evian, hier liegt auch die „Cachat-Quelle“, aus der seit Jahrtausenden das wertvolle Nass sprudelt. Wie in alten Zeiten kann man seinen persönlichen Tagesbedarf auch heute noch kostenlos zapfen. 

Gleich hinter Thonon-les-Bains empfängt uns das Dorf Yvoire mit einem Gruß direkt aus dem Mittelalter. Künstler und Handwerker haben sich hier fernab der Hektik unserer Tage angesiedelt, kleine Bistros und winzige Restaurants laden zur Einkehr, laden zum Verweilen in längst vergangener Zeit.

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Harter Schnitt

Die Finanzmetropole Genf holt uns zurück ins Hier und Heute. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man übrigens vom Jet d’Eau am Quai du Général-Guisan, dieser jeden Besucher begrüßenden Wasserfontäne. Nach einem mittäglichen Rundgang durch die Altstadt widmen wir uns voller Tatendrang dem kurvenreichen Nordufer des Sees, natürlich nicht ohne in Nyon oder auch Rolle den Seitenständer auszuklappen und den Blick ausgiebig über das Wasser schweifen zu lassen. Das Licht eines Spätsommertages zaubert Stimmungen, denen man sich kaum entziehen kann. 

„Muchtern“ soll sie ja einstmals geheißen haben, die Stadt Montreux, unser abendliches Ziel. Na ja, Glück gehabt, da klingt der heutige Name doch deutlich mondäner. Auf einem großen Motorradparkplatz am Quai des Fleurs stellen wir unsere BMW ab und schlendern zu Fuß eine Runde durch die Altstadt, lassen den Tag in der wohl schönsten Stadt des Genfer Sees ausklingen.

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Welch kurvenreiche Welt 

Noch einmal schwingen wir anderntags ganz früh nach Thonon-les-Bains, dem Städtchen, in dem übrigens auch die legendäre „Route des Grandes Alpes“ ihren Anfang nimmt. Mehr dazu ebenfalls in diesem Touren-Atlas. Denn bevor wir unsere Heimreise antreten, verbleiben noch ein paar Stunden Zeit zu einem Abstecher in die Hügel des Chablais am Rand der Savoyer Alpen. Über Vally geht es auf immer schmaleren Landstraßen nach La Forclaz. Hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben, nahezu jedes Sträßlein gehört uns allein, lädt zu exzessiver Kurvenhatz. Beinahe übersehen hätten wir dabei den winzigen Wegweiser nach Trechauffe, einem wunderschönen Pausenplätzchen mit grandioser Fernsicht. Gönnen Sie sich diesen Abstecher unbedingt! Ganz am Ende der Sackgasse lädt zudem ein gemütlicher Berggasthof zur Einkehr und Besinnung. Über Abondance und den 1369 Meter hohen Pas de Morgins geht’s anschließend zurück in die Schweiz und gemütlich heimwärts. Doch ein Seitenkoffer voller Pläne bleibt zurück, gibt es rund um den Genfer See wahrlich noch viel zu entdecken.

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Text und Bilder: Heinz E. Studt