Motorradtour Tirol

Motorradtour Tirol


Es geht hoch hinaus

Touristisch betrachtet besteht Tirol aus sage und schreibe 38 Regionen. Jede von ihnen reklamiert für sich ein charakteristisches Merkmal, einen markanten Berg, einen idyllischen See oder einen historisch wertvollen Ort. Vom Achensee bis zur Zugspitze, von A bis Z hat Tirol auch dem Biker viel zu bieten. Nehmen wir uns ausgiebig Zeit für die Erkundung.

In Tirol geht es in puncto Pässe richtig zur Sache. Hier präsentieren sich vom Brenner bis zum Timmelsjoch, vom Pitztal bis zur Kaunertaler und Ötztaler Gletscherstraße die Pisten, auf denen wir die hohe Kunst des Pässefahrens exzessiv üben können. Das alles inmitten einer überwältigenden Landschaft. Juckt Ihnen jetzt die Gashand? Gut so – dann lassen Sie uns starten.

Reutte ist für mich jedes Mal wieder das erlebenswerte Tor zu Tirol. Bevor ich mich dann gen Süden auf den Weg mache, werfe ich meistens noch einen ganzjährig lohnenden Blick auf den naheliegenden Plansee, dessen Uferstraße an Sommerwochenenden oftmals einem riesigen Bikertreff gleicht. Weiter geht es anschließend auf der B179 Richtung Süden. Bereits kurz hinter Heiterwang setzte ich den Blinker rechts ins Namlostal. Über den Berwanger und Kelmer Sattel geht es durch eine nahezu unberührte Bergbauernwelt.

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Echter Talschluss-Genuss

Über Stanzach erreiche ich dann das Hahntennjoch auf 1.884 m Höhe, geschwind wie der Wind geht’s bergab nach Imst und schnurstracks in das angrenzende Pitztal. Wie so viele Alpentäler eine Sackgasse, aber das macht überhaupt nichts. Akzeptieren wir einfach, dass es so manch herrliche Alpenwelt gibt, die auch wir nur zu Fuß erobern dürfen. 

Das gen Westen angrenzende Kaunertal ist mein nächstes Zwischenziel. Und dort vor allem auch der Talschluss mit seiner grandiosen Gletscherstraße. Diese Panoramastrecke begeistert Motorradfahrer zwischen Juni und Oktober, die hochalpine Trasse folgt historischen Pfaden, wie zum Beispiel der Postauto-Linie hinauf zum Gepatschhaus. Geradezu abenteuerlich zuckelte einstmals das Postauto über tonnenweise geschotterte Almwege bergan. Am oberen Ende der heutigen Mautstraße befindet sich noch immer die höchste Postbus-Haltestelle Österreichs. Und der malerische Gepatsch-Stausee, für den die Straße um 1960 breit ausgebaut und asphaltiert wurde.

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Zurück in Prutz liegen gen Süden übrigens der Reschenpass sowie Südtirol vor unserem Windshield – darauf komme ich an anderer Stelle in diesem Touren-Atlas nochmals zu sprechen. Heute wende ich mein Bike Richtung Landeck und folge dort den Wegweisern hinauf zum Arlbergpass und anschließend weiter nach Lech-Zürs sowie Warth über den Flexenpass. Gleich westlich von Warth liegt übrigens noch der Hochtannbergpass, ebenfalls ein beliebter Bikertreff der Region. Die Sonne kratzt bereits an den Felsengipfeln, als ich heimwärts nach Reutte schwinge. 

Besuch in Italien

Meine zweite Rundtour startet anderntags in Tirols Landeshauptstadt, im sehenswerten Innsbruck. Gleich hinter der Stadtgrenze liegt er vor mir – der legendäre Brenner: Seit 2.500 Jahren ziehen Händler, Säumer, Viehhirten, Schmuggler, Abenteurer und Touristen über den mit 1.371m niedrigsten Pass der Alpen. Karl der Große reiste über den Brenner nach Rom, um sich die Kaiserkrone anpassen zu lassen, Richard Strauß, Franz Lehar und Henrik Ibsen kurierten im Brennerbad ihre Zipperlein. Die Täler rechts und links der Strecke gerieten allerdings mit dem Autobahnbau ins Abseits, doch mit genügend Zeit im Tankrucksack gönne ich mir stets den ein oder anderen Abstecher. Das ist Motorradtouren vom Feinsten. Versuchen Sie es doch auch einmal – ich habe übrigens dem Brenner in diesen Touren-Atlas ein eigenes Kapitel gewidmet!

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Bitte ein Auge zudrücken!

Für eine Reisereportage über Tirol müsste ich jetzt eigentlich oben am Brenner das Bike wenden und retour nach Innsbruck düsen. Denn der nun folgende Abschnitt führt komplett aus dem Thema hinaus. Aber Schwamm drüber sage ich nur, mit ruhiger Gashand husche ich den Brenner hinab nach Sterzing mit seiner herrlichen, vom berühmten Zwölferturm dominierten Fußgängerzone. Nach einem leckeren koffeinhaltigen Boxenstopp steht der Jaufenpass ganz fett auf meinem Roadbook. Unterhalb der unscheinbaren Passhöhe befindet sich ein Berggasthof, der vor allem an den Wochenenden gerne auch von Motorradfahrern besucht wird. Auf der Passhöhe selbst liegt eine Imbissbude mit obligatorischem Andenkenverkauf sowie einige Meter weiter ein winziges Gasthaus mit freiem Blick auf das Passeier Tal und die vor uns liegenden Kurvengenüsse. 

Auf der Südwestseite schwingt sich die Pass-Straße in weiten Serpentinen hinab nach Sankt Leonhard im Passeier, in dessen Zentrum zahlreiche Gasthöfe und Cafés als erneuter Boxenstopp locken. Doch mich erwartet an diesem Tag noch ein anderer Genuss: der Heimweg nach Tirol über das legendäre Timmelsjoch.

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Die Hohe Schule ist gefordert

Das immerhin 2.500 m aufragende Joch verlangt eine satte Portion Kenntnis in der Hohen Schule des Passfahrens, es ist kein Trainingsgelände für absolute Führerschein-Neulinge. Die Südrampe vom Passeiertal herauf war bereits unter Mussolini ab 1933 bis 2 km vor das Joch gebaut worden, doch es sollte immerhin bis zum September 1968 dauern, bis die Straßenverbindung über das Timmelsjoch in beide Richtungen offiziell freigegeben werden konnte. Ganz gemütlich geht es danach weiter hinab in das Tiroler Ötztal. Noch ein kurzer Blick gen Himmel, und wenn die Sonne noch genügend Spielraum über den Gipfeln hat, dann gehört mein Tagesabschluss jedes Mal wieder der prächtigen Ötztaler Gletscherstraße. Noch vor dem Zentrum von Sölden geht es links ab den Berg hinauf.

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Aber aufgepasst: Die Ötztaler Gletscherstraße führt auf immerhin satte 2.800 Höhenmeter und damit in hochalpines Gelände. Befahren Sie diese prächtige Panoramastrecke nur bei einwandfreiem Wetter und genügend Tageslicht. Vor allem unter der Woche haben Sie die Strecke mit ihren bis zu 13% Steigung oftmals nahezu für sich allein. 

Bevor ich mich dann abends im Verkehrsgewühl des Inntales verheddere, gönne ich mir bei Ötz noch dem Abzweig rechts hinauf ins Kühtai. Über den immerhin 2.017 m hohen Kühtaisattel gilt es die Tiroler Bergwelt nochmals ausgiebig zu genießen – ohne Stau, Hektik und rote Ampeln geht es retour zu meinem morgendlichen Ausgangspunkt. Das nenn ich Tiroler Hochgenuss …

Text & Bilder: Heinz E. Studt