Motorradtour Berner Oberland

Motorradtour Berner Oberland


Frühling im Oberland

Reisefreudige Engländer entdeckten einst das prächtige Berner Oberland im Herzen der Schweiz, sie schwärmten von der Mixtur aus höchsten Gipfeln und tiefgründigen Seen. Lassen Sie uns dem Ruf der Berge, der Menschen und ihrer Geschichte folgen und ein Töffparadies mitten im Gebirge entdecken.

Das Herzstück des Alpengärtleins Schweiz ist das berühmte Berner Oberland, ein Potpourri aus Seen und Bergen, aus imposanten Gipfeln, unendlicher Fernsicht und mehr als praller Geschichte. Ein absoluter Pflichttermin auch auf Bikers Lebens-Roadbook. Vor allem im Sommer, denn dann sind auch die höchsten Pässe der Region endlich von Schnee und Eis befreit.

Mittendrin statt nur dabei

Bereits die Anreise via Bodensee, Heidiland und Uri, via Klausen- und Sustenpass stimmt Mensch und Motorrad perfekt ein auf die vor uns liegenden Tage. Vier Touren werden uns zu den schönsten und höchsten Plätzen des Berner Oberlandes führen, gleich die erste Runde am anderen Morgen führt uns von Höhepunkt zu Höhepunkt. 1007 Höhenmeter zählt der Brünigpass im Nordwesten von Meiringen, das Schönste am „Brünig“ sind die herrlichen Ausblicke auf das Sarner Land und den Lungerersee. An dessen Ostufer entlang geht es nach Giswil und gleich links hinauf zu unserem nächsten Pass, dem Glaubenbielen – oder auch Glaubenbüelen.

Über dessen Scheitelhöhe nahe der Mörlialp schwingen wir hinab nach Schüpfheim im angrenzenden Kanton Luzern. Retour ins Oberland wählen wir natürlich wieder einen Pass – den Schallenberg. Der Boxenstopp oben auf der Passhöhe ist obligatorisch, zumal das Bergrestaurant mit grandiosen Ausblicken bis hinüber zu den Berner Alpen begeistern kann. Vielleicht deshalb zählt der Schallenbergpass zu den bekanntesten Töfftreffs des Berner Oberlandes. Auch an diesem Mittag ist der Gasthof gut besucht und als Nachtisch gibt es für Sozia Kirsten und mich noch eine Runde leckerer „Benzingespräche“ mit den Schweizer Kollegen.

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Heimat der Kampfmaschinen!

Das sehenswerte Thun am Ufer des gleichnamigen Sees ist die größte Garnisonsstadt der Schweizer Armee. Kohorten von „Kampfmaschinen“ begegnen uns joggend auf dem Weg in die Stadt. Deren historischer Kern mit dem Schlossberg, der Unterstadt und dem Bälliz lohnt eine ausführliche Erkundung zu Fuß. Über Goldiwil, Sigriswil und Beatenberg am nördlichen Hochufer des Thunersees schwingen wir weiter nach Interlaken. Um 1800 machten die Schwärmereien namhafter „Reisejournalisten“, wie Johann Wolfgang von Goethe den Ort weltbekannt. Im letzten Licht des Tages huschen wir dann am Nordufer des Brienzer Sees retour in unsere gastliche Herberge.

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Intensive Tälerschau

Noch einmal gönnen wir uns anderntags die herrliche Uferstrecke entlang des Brienzer Sees, diesmal in umgekehrter Richtung. Und anschließend sogleich das Nordufer des Thunersees mit einem Boxenstopp im Örtchen Spiez. Dort im historischen Hotel Belvédère entspannte bereits die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-WM 1954. Sie müssen sich hier hervorragend erholt haben, andernfalls wären sie nicht Weltmeister geworden.

Adelboden und Kandersteg stehen sodann auf dem Display meines Navis. Adelboden als einer der bekanntesten Urlaubsorte des Berner Oberlandes ist beliebt bei Wanderern, Bergsteigern und Mountainbikern. Den Namen Kandersteg verbindet wohl jeder zunächst einmal mit der Autoverladung in das angrenzende Wallis. Doch das weite Kandertal gehört auch zum Umfeld des UNESCO-Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Und dieses Prädikat bekommt man nur, wenn man auch landschaftlich viel zu bieten hat.  

Unsere letzten beiden Sackgassen bilden gemeinsam den perfekten Tagesausklang. Auf dem Weg nach Grindelwald geht es zunächst einmal rechter Hand in das malerische Lauterbrunnental. Vorbei an imposanten Wasserfällen pendeln wir bis zur Pforte des Campingplatzes am Talschluss und schauen uns ausgiebig um. Mir geht hier jedes Mal wieder das Herz auf. So wie beim Anblick von Grindelwald zu Füßen des berühmtesten Dreigestirns der Alpen: Eiger, Mönch und Jungfrau. Gewaltig türmen sich die Felsen rund um das berühmte Alpendorf auf, und wenngleich der hauseigene Gletscher jeden Sommer dramatisch an Substanz verliert, hat der malerische Ort nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

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Geschichtsstunde

Derart zentral im Herzen der Schweiz liegt unser Tourenstandort, dass wir uns anderntags eine höchst spannende Reise tief in die Geschichte dieses prächtigen Alpengärtleins gönnen wollen. Denn jener geheimnisvolle Ort, an dem einstmals alles begann, liegt gleich nebenan am Vierwaldstättersee. Über Stans erreichen wir das Südufer des weltberühmten Sees, ansichtskartengleich umrahmt von hohen Bergen. In Küssnacht soll sich der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell 1307 auf die Lauer gelegt haben, um seinen Erzfeind, den berüchtigten Landvogt Gessler zu töten. Er wählt die „Hohle Gasse“, einen gefährlichen Hohlweg zwischen Küssnacht und Immensee für sein Attentat und sprach den berühmten Satz: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen …“ 

Der mutige Freiheitskämpfer begleitet uns auch auf den restlichen heutigen Kilometern. Im sehenswerten Altdorf wurde Wilhelm Tell auf dem Rathausplatz ein heroisches Denkmal gesetzt, ja das naheliegende Örtchen Bürglen gilt sogar als Tells Heimatdorf. Kontrastprogramm vom Feinsten beschert uns dann die abendliche Heimreise über den Susten nach Meiringen.

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Ganz große Runde

Unsere letzte Runde ist an landschaftlicher und auch fahrerischer Vielfalt ebenso wenig zu toppen, wie an Tageskilometern. Ganz früh am Morgen brechen wir auf, wedeln entlang des Brienzer Sees nach Interlaken und weiter am Südufer des Thunersees nach Spiez. Dort heißt es, den Blinker links zu setzen und durch das herrliche Simmental zu touren. Von Gstaad aus liegt dann der erste Pass des Tages vor uns, der winzige Col du Pillon. Seine Südwestrampe mit dem Col de la Croix trägt uns kurvenreich hinunter in das quirlige Städtchen Martigny. Erinnern Sie sich an meine Wallis-Story in diesen Touren-Atlas. Diese lässt sich prächtig mit dem Berner Oberland kombinieren. 

Sion – Brig – Grimselpass lauten die Stationen meines Roadbooks für den Nachmittag. Und diese kann man nun entlang der im Tal verlaufenden Kantonsstraße anfahren, oder aber mit genügend Zeit über die am Nordrand des Rhonetals verlaufenden aussichtsreichen Höhenstraßen. Tja und oben am Grimselpass endet dann unsere Reise durch das Berner Oberland und seine Nachbarregionen mit einem langen Blick rundum. Und wie jedes Mal nehme ich mir ganz fest vor, das Berner Oberland erneut als „unerledigt“ auf die To-do-Liste meines Bikerlebens zu setzen. Denn abgehakt hieße ja, niemals wieder zu kommen. Und das ist für mich unvorstellbar …

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Text und Bilder: Heinz E. Studt