Häuptlingstour

Häuptlingstour


Winnetou im Friesenland

Ostfriesland liegt ziemlich weit im Norden, direkt an der Nordseeküste. Die Gegend ist flach wie ein Brett und bei gutem Wetter kann man Helgoland sehen. Dass der Landstrich jedoch viel mehr zu bieten hat, lässt sich geschichtsträchtig bei der ”Häuptlingstour” erfahren.

Moin! Die Begrüßung ist herzlich. Es ist kurz nach 20 Uhr, woanders hätte man längst ”guten Abend” gesagt. In Ostfriesland ticken die Uhren aber anders. Moin sagt man hier nämlich zu jeder Tageszeit und bei fast jeder Gelegenheit. Ansonsten gibt es allerdings kaum Sprachbarrieren, Ostfriesen sprechen Deutsch. Heute jedenfalls. Früher, im Mittelalter und davor, war die Landessprache Friesisch oder Latein und mit dem Rest der Welt hatte man wenig am Hut. Das Küstenvolk war selbständig und selbstbewusst, liebte seine Freiheit und das Meer, auf der Nordsee waren sie zu Hause.
”Alle Friesen waren von Geburt an frei. Fremdherrschaft von Kaisern, Königen, Fürsten und Grafen lehnten sie kategorisch ab. Rittersleute, die hoch zu Ross in Rüstung daher kamen, waren für sie der Inbegriff von Unterdrückung. In keiner anderen Region des alten Europas waren schon damals die Grundwerte einer Demokratie so ausgeprägt. Jeder Ort hatte je nach Größe einen oder mehrere Häuptlinge. Die Redjeven wurden für ein Jahr gewählt, sie waren Richter, Verwaltungschef und vieles mehr in einer Person”, doziert Kalle Altmann, ehemaliger Kunstlehrer, ausgewiesener Ostfriesenkenner und bekennender Biker.

Route 66 LA

Die Häuptlingstour, das wird einem schnell klar, ist eine geschichtliche Erkundungsfahrt auf den Spuren der damaligen Dorfbosse. Doch Route 66 LA in Ostfriesland? Kalle lacht und verrät mit einem verschmitzten Grinsen: ”Die amerikanische Route 66 kennt eigentlich jeder. Dieser legendäre Highway wird mit unendlicher Weite und grenzenloser Freiheit verbunden. Genau das bieten wir unseren Gästen in Ostfriesland, jedenfalls ein Stück davon,  und LA ist nichts anderes als das Kürzel für Landkreis Aurich. Wer von Ostfriesland spricht, meint meist die Nordseeküste oder die Ostfriesischen Inseln. Dabei haben wir viel mehr im Angebot. Auf der historischen Route 66 in LA stößt man fast jeden Meter auf die Spuren der friesischen Häuptlinge, aber auch auf Geschichten und Mythen der Strand- und Seeräuber, allen vorweg des Sagen umwobenen Freibeuters Klaus Störtebeker.”
Herz und Mittelpunkt von Ostfriesland war und ist Aurich. Als vom 9. bis ins 13. Jahrhundert das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben von den Redjeven, dem besagten Häuptlings-Kult geprägt wurde, trafen sich die Vormänner einmal im Jahr am Dienstag nach Pfingsten zum großen Tam-Tam am Upstalsboom bei Rahe nahe Aurich.
Und das waren nicht wenige. Die Küstenregion hatte sich zu einem ”Sieben Seelande” - Bund zusammengeschlossen, denen jeweils 12 bis 16 freie Landgemeinden angehörten. Kamen alle Redjeven zusammen, tagten gut 100 Häuptlinge. Zur Begrüßung wurde ihnen ein Becher Bier gereicht und zugerufen ”Eala Fraya Fresena” (Seid gegrüßt Freie Friesen) und sie antworteten ”Lever dood as slaav” (Lieber tot als Sklave). Die Abgesandten, in der Regel wohlhabende Bauern, sprachen Recht, berieten und fassten demokratisch Beschlüsse, die der Gemeinschaft als Gesetze galten. Diese mittelalterliche Thingstätte ist erstes Ziel der geführten Motorrad-Rundreise, die in Aurich am Ringhotel Köhlers Forsthaus startet und nach rund 250 km Fahrstrecke auch hier wieder endet.
Wer in Ostfriesland von einem zum anderen Ort schnurgerade Straßen erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Im restlichen Deutschland würde man die von Tourguide Kalle zum Teil bevorzugte Strecke als gut befestigte landwirtschaftliche Nutzpfade bezeichnen, die in der Regel bekanntlich für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind. In Ostfriesland sind es legale Wege, die mal verwinkelt, mal geschwungen vorbei an Wiesen und Feldern oder durch prachtvolle Baumalleen führen. Ein hohes Tempo ist kaum möglich, die Vorwärtsbewegung liegt in der Beschaulichkeit. Automatisch bekommt man viel von der Natur und der Landschaft mit. Typisch für das weite Land sind die saftigen Wiesen mit den schwarzbunten Kühen, bäuerliche Betriebe bestimmen das Bild. Und dann führt die Strecke immer wieder vorbei an Gräben, Kanälen und Wasserläufen.
 

Seedeiche oder chinesische Mauer


Das Leben in der Küstenregion war für die Ostfriesen vor über 1000 Jahren hart und entbehrungsreich. Die Nordsee war unberechenbar, besonders Sturmfluten sorgten immer wieder für verheerende Überschwemmungen. Das Volk, das sowieso schon zusammenhielt wie Pech und Schwefel, beschloss entlang der Küste einen Deich zu bauen. Aus der Idee wurde ein Mammutwerk, gut 200 Jahre bis ins 13. Jahrhundert plagten sich Alt und Jung mit Spaten, Gabeln und Tragbahre um den festen Schutzwall aufzuschütten. Eine enorme Leistung, die mit dem Bau der chinesischen Mauer vergleichbar ist. Damit das Binnenwasser weiterhin in das offene Meer abfließen konnte, erfanden die cleveren Baumeister Siele mit Toren im Deich.
Der nächste Kraftakt war die Landnutzung der weitläufigen Moorzonen im hinteren Festland. Mit einem ausgeklügelten Graben- und Kanalsystem legte man die Sumpfgebiete trocken. Wie ein Spinnwebennetz zieht sich dieses Entwässerungslabyrinth durchs Land. Ein Teil der Wasserläufe wird gleichzeitig von der Schifffahrt genutzt, immer wieder stößt man so auf imposante Zugbrücken.
”Seefahrt, Handel, Landwirtschaft und Viehzucht machten die Ostfriesen zu einem wohlhabenden Volk. Die festen Regeln in der Häuptlings-Ära untersagten aber das Bauen von massiven Steinhäusern. Und so kam es, dass vom ersparten Geld im 12. und 13. Jahrhundert ein wahrer Kirchenbau-Boom einsetzte. Selbst in den kleinsten Gemeinden errichteten die Bewohner ein Gotteshaus. Die robusten Kirchen, oft mit Wehrtürmen ausgestattet, dienten den Häuptlingsfamilien und anderen Dorfbewohnern gleichzeitig als Festungen”, lässt Experte Kalle Altmann wissen.
 

Die Legende Klaus Störtebeker


Ein bedeutender Wallfahrtsort mit der größten Kirche nördlich von Osnabrück war damals Marienhafe. Heute tief im Festland gelegen, ließ sich die Ansiedlung direkt von der Nordsee aus durch Schiffe mit wenig Tiefgang ansteuern. Der wohl berühmteste wie auch berüchtigtste Kapitän, der regelmäßig im Hafen anlegte, war von 1396 bis 1400 Klaus Störtebeker. Der gefürchtete Seeräuber und seine Crew hatten Freunde wie Feinde. Die Hanse jagte sie, wollte ihre Köpfe. Bei den Marienhafener und besonders bei den ostfriesischen Häuptlingen genossen die Freibeuter jedoch hohes Ansehen. Die Piraten nannten sich selbst Likedeeler, was so viel bedeutet wie Gleichteiler. Als Chef des Unternehmens teilte Klaus Störtebeker ähnlich wie ein Robin Hood zur hohen See seine Beute nämlich zu gleichen Teilen mit den anderen auf. Diese Geschäftsbeziehungen sprachen sich selbstverständlich herum. Um 1400 schickte die Hanse eine übermächtige Flotte in die Ems, besetzte Emden sowie einen Großteil der Küstenregion und zwang die Häuptlinge den Seepiraten ab sofort kein Versteck mehr zu gewähren. Für die Freibeuter kam es noch viel dicker. Ein Jahr später schnappte sich die Hanse die verwegenen Seemänner vor Helgoland und am 20. Oktober 1401 war Klaus Störtebeker und jeder seiner Likedeeler um einen Kopf kürzer. Glaubt man jedoch der Sage, schritt der tapfere Störtebeker gleich nach der Hinrichtung kopflos und aufrecht an seinen Mannen vorbei und bescherte ihnen damit die Freiheit. Wie auch immer, kein Seefahrer ist so nachhaltig in die Geschichte eingegangen wie der furchtlose Klaus Störtekeker.