Elsaß und Hochvogesen

Elsaß und Hochvogesen


Motorradtour im Nebel

Stellt Euch vor, ihr fahrt einen ganzen Tag mit dem Motorrad in den Vogesen umher und habt anschließend keinen Schimmer, wie es dort ausgesehen haben könnte. Dann habt Ihr entweder am Abend zuvor viel zu viel von einer Substanz genascht, die unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, oder ihr hattet einfach Pech und der berühmte Nebel verschleierte die Vogesen-Welt außerhalb Eures Visiers.

In unserem Falle könnte es durchaus eine unglückliche Verkettung beider Kausalitäten gegeben haben. Denn wir brachen im Rahmen des alljährlichen Motorbike-Weekend in Todtnau bereits sehr früh am Morgen nach der Willkommensparty auf, um die geschichtsträchtigen Hügel jenseits des Rheins zu erkunden.

Aus dem - wieder einmal sehr feuchten - Schwarzwald führte uns unser Weg durchs Weilertal, links vorbei an Badenweiler, das bekannt ist für seine Thermen und am Römerberg entlang nach Müllheim durch die Rheinische Tiefebene.

Strom vom Strom zur Wiedergutmachung

Der Rhein  wurde an dieser Stelle im 19ten Jahrhundert von Oberst Thula reguliert, der den damals 10 Kilometer breiten Rhein begradigte und viel fruchtbares Weideland gewinnen konnte. Aus heutiger Sicht, sicher eine ökologische Katastrophe. Nach dem zweiten Weltkrieg bauten die Deutschen an gleicher Stelle zudem zwei mächtige Seitenkanäle mit Kraftwerken, die die französischen Städte mit Strom versorgen als Wiedergutmachung. Wer nun ins Grübeln kommt, ob das wirklich nötig gewesen wäre, wird schnell erleuchtet. Denn schon im ersten größeren Ort im Elsaß stoßen wir auf einen Friedhof mit einem ganzen Feld voller kleiner Kreuze. Ein Soldatenfriedhof und ein Anblick, an den wir uns im Laufe der Tour noch gewöhnen werden.

60.000 Tote für einen Hügel

Wir befahren die ehemalige deutsche Nachschubstraße aus dem ersten Weltkrieg zum Hartmannswillerkopf, von wo aus man eine grandiose Aussicht in die Tiefebene haben muss, falls der Nebel sich nicht breit macht. Der Hartmannswillerkopf dient als Kriegsdenkmal. Hier verloren beim Kampf um die strategisch wichtige Anhöhe über 60.000 Soldaten ihr Leben. Aus heutiger Sicht nur schwer zu begreifen, dass man so verbissen jahrelang um einen Hügel irgendwo in der Landschaft kämpft. Wobei die meisten Soldaten nicht etwa den Geschossen zum Opfer fielen, sondern der erbärmlichen Kälte. Selbst Ende Mai, bei unserem Besuch, hat es nur knapp über 0 Grad auf der zugigen Bergspitze. Nach einer Nacht im Schützengraben würde ich auf jeden Fall am nächsten Morgen nach Hause gehen. Leider war der Hass zwischen Deutschen und Franzosen damals wesentlich stärker ausgeprägt als die Vernunft. Die Fassungslosigkeit wird von Stop zu Stop größer, denn nicht nur das Wetter verschlechtert sich zunehmend, als wir vom Col Amic die, diesmal von französischen Pionieren gebaute Vogesenkammstraße in Angriff nehmen, sondern auch die Friedhöfe, die aus dem Nebel auftauchen, werden immer unendlicher. Hinauf zum Grand Ballon ist’s dann ganz vorbei mit der Sicht. Ich weiß nicht einmal, an welcher Seite der Straße es nach oben und an welcher nach unten geht. Allein das funzelige Rücklicht des Vorausfahrenden zeigt mir die grobe Richtung an. Die Sichtweite beträgt nun unter 5 Metern. Echt gespenstisch! Und es ist bitter kalt. Wir verzichten auf die Pausen, da wir sowieso keine Aussicht auf Aussicht haben und konzentrieren uns lieber darauf die Ferme mit unserem köstlichen Mittagessen zu erreichen. Ungesehen passieren wir den Col de la Schlucht, der die Reichsgrenze zwischen Deutschland und Frankreich darstellte.

Nach einem kurzen Lichtblick im Münstertal schrauben wir uns wieder hinauf auf den Col du Wettstein um uns am Collet du Linge in der Ferme du Glandson ein echt rustikales Mittagessen aus Elsässer Bratkartoffeln mit Speck, Kassler und Sauerkraut einzuverleiben. Geschätzter Brennwert: 10.000 Kalorien! Aber die brauchen wir nun auch, um die nasse Kälte aus unseren Knochen zu vertreiben.

Wir waren schon mal Papst

Der verdiente Lohn ist die entspannende Abfahrt nach Eguisheim bei steigenden Temperaturen und anwachsender Sicht. Endlich Sonne! Eguisheim ist eines der schönsten und ältesten Weinstädtchen im Elsaß. Von hier stammt übrigens Papst Leo IX. Er war von 1048  bis 1054 als oberster Katholik im Vatikan und da das Elsaß damals noch deutsch war, somit der erste deutsche Papst vor Benedikt.

Eine Kaffeepause in einem der schönen Straßencafés bei herrlichem Sonnenschein verwöhnt unsere Gemüter und macht es leicht, die letzten Reste meines Schulfranzösisch zusammen zu kratzen, um einen „Café au lait“ zu bestellen. Zwar versteht jeder hier Deutsch, aber irgendwie reagiert die Kellnerin auf das französische Vokabular wesentlich schneller und freundlicher. Wofür wir nach den Lehren unserer geschichtsschwangeren Nebeltour durchaus Verständnis aufbringen können.

    

Besonderen Dank möchten wir an dieser Stelle an unseren informativen Tourguide Gerhard vom Todtnauer Motorrad-Club richten, der uns zu all den geschichtlichen Highlights auch noch sicher und ohne jeden Zwischenfall blind durch die Vogesen schleuste.

   

Text & Fotos: Pabi