Erzgebirge und Sächsische Schweiz

Erzgebirge und Sächsische Schweiz


Idyllischer Osten

Auch vom Straßenbau verwöhnte Bürger und Biker aus den gebrauchten Bundesländern dürfen sich inzwischen in den angeblich wilden Osten trauen. Vorurteile sollten dabei auf der Strecke oder am besten gleich zu Hause bleiben. Und wenn die herausfordernde Frage des Kellners lautet: „Gola oder rüschtige Gola?“, nicht lachen sondern „Vita“ bestellen!

herzliche Freundlichkeit

Die herzliche Freundlichkeit der Gastwirte kann so schnell nichts erschüttern, daher ist die Antwort auf diese Frage nicht allesentscheidend für einen angenehmen Aufenthalt in Sachsen, aber der erste Schritt in Richtung innerdeutsche Völkerverständigung. Schließlich sind wir nicht gekommen um Schlaglöcher, Plattenbauten und Trabis zu zählen, sondern um den grauen Fleck Sachsen auf unserer inneren Reisekarte mit Farbe füllen und für zwei Tage Sächsisten zu werden.

Erzgebirgskunst

Im Sinne dieser Völkerverständigung wollen wir dieses Tourenwochenende mit einem adäquaten „landestypischen“ Untersatz bestreiten und was für Indien die Enfields sind, ist MZ für Sachsen. Denken wir, und tauschen am MZ-Werk in Zschopau bei Sachsenbike-Tours unsere japanischen Rennhobel gegen den bequemen Sattel einer MZ 1000 SF, ST oder S ein. Je nach Belieben werden Streetfighter gegen Tourer abgewägt und getauscht werden kann später immernoch. Gemeinsam geht es durch das schöne Vogtland und Erzgebirge über Seiffen Richtung Dresden. Kurvige Strecken führen uns durch Dörfer mit so klangvollen Namen wie Hofgarten und Wolkenstein. Auf den Dörfern winkt man uns zu, ob das an den MZs liegt? Das Erzgebirge ist bekannt für seine Bergbau- und Weihnachtstraditionen. Die Region ist die Heimat der Nussknacker, Räuchermännchen und Pyramiden. Bei einem Stopp in Seiffen können wir uns von der erzgebirgischen Handwerkskunst in zahlreichen Handwerksbetrieben überzeugen. Ob die hundert Jahre alte Puppenmöbelfabrik oder eine Schwibbogen-Manufaktur, das Spielzeugdörfchen Seiffen lädt zum Verweilen ein und beim Bummel duch das kleine Städtchen wandert sicher das ein oder andere Andenken in die Gepäcktaschen.

Deutsche Alleenstraße

Durch eine herbe landschaftliche Schönheit mit mittelgebirgstypischen klimatischen Verhältnissen führt uns die Deutsche Alleenstraßen bis Dippoldiswalde und von dort auf einem Autobahnabschnitt gleich vor die Tore Dresdens. Auf der Autobahn testen wir kurz die Dynamik unserer neuen Begleiter. Die SF hat sich auf den kurvigen Strecken bewährt und die ST macht erwartungsgemäß auf der Autobahn eine stabile Figur. Und so rollen wir auf den bollernden Zweizylindern in die Landeshauptstadt ein, über die Elbbrücke vorbei am Zwinger. Bei einem geführten Stadtrundgang durch die historische Altstadt lernen wir die turbulente Geschichte Dresdens kennen, anschließend kehren wir in das Gewölberestaurant Sophienkeller im Taschenbergpalais ein. Eingekehrt in diese Schänke empfangen uns Gardisten der kurfürstlichen Wache, Musikanten unterhalten uns amüsant bis zum Auftragen der Speisen.

Felsenwelt Elbland

Gestärkt vom Festtagsschmaus fahren wir weiter durch das Elbland Richtung Festung Königstein. Hier erhebt sich eine der eigenwilligsten Naturschönheiten Deutschlands: die wildromantische Felsenwelt des Elbsandsteingebirges. Bizarre Felsnadeln, lange Riffe und tiefe Schluchten durchziehen die Landschaft. Weite Hochflächen wechseln mit großen Wäldern und lieblichen Tälern. Herrliche Aussichten und Kurvenvergnügen ohne Ende zeichnet das Elbland aus. Unser Bikerherz schlägt schneller und die rasante Fahrt über die unebenen Dorfstraßen bringt das Fahrwerk der MZ immerwieder an seine Grenzen. Bei all der Fahrfreude müssen wir uns selbst etwas zügeln, um nicht die zahlreichen Splitt- und Bitumenausbesserungen zu übersehen. Die größeren und mehrspurigen Bundesstraßen sind griffig asphaltiert, doch im Hinterland werden die Straßen buckelig. In Bad Schandau überqueren wir die Elbe und fahren über verschlungene Straßen weiter. Die imposante Festungsanlage Königstein rückt in unser Sichtfeld und mit den Motorrädern dürfen wir kostenfrei vorbei an der Transferbimmelbahn bis zum Fuß der Festung hochfahren. Mit dem Fahrstuhl geht es bequem auf die Bergfestung hinauf. Die 1589 zur Landesfestung ausgebaute Burg Königstein zieht heute nicht nur wehrgeschichtlich Interessierte in ihren Bann, sondern auch Naturliebhaber. Entlang der 2,2 km langen Brustwehr bietet sich ein fantastischer Ausblick auf das malerische Elbsandsteingebirge, die Ausläufer des Osterzgebirges und die Elbe. Die 9,5 ha große Festungsanlage birgt eine vielfältige Geschichte, die bis zum Zweiten Weltkrieg reicht, als die Gewölbe als Offiziersgefangenenlager genutzt wurden.

Verschlafene Täler

Ausgepowert von der Überflutung der Sinne ob der reizvollen Landschaft und eindrucksvollen Sehenswürdigkeiten, führen uns die ortskundigen Sächsisten von Sachsenbike-Tours in das waldige und verschlafen wirkende Kirnitzschtal. Hier die fährt die Kirnitzschtalbahn auf einem Gleis in beide Richtungen, die Gleisbreite nimmt fast eine Straßenhälfte ein. Hier scheint die Welt friedlich und Ostdeutschland idyllisch. Wir schütteln unsere Betten im romantisch am Bach gelegenem Hotel Forsthaus auf und genießen das Plätschern, bis es plötzlich von knatterndem Einzylindernsound unterbrochen wird. Als Abendüberraschung haben die Tourguides die Oldtimer IG aus dem nahe gelegenen Stolpen eingeladen. Ihre top gepflegten Oldtimer sind ein optisches Highlight: Jawa Preak, DKW RT200/2, Zündapp DBK, Simson 425T und Tornax T175 reihen sich strahlend vor uns auf. Wir dürfen diese Schätzchen, die auch zum Verleih gedacht sind, Probe fahren und sammeln damit genügend Gesprächsstoff für den Abend.

Sächsisten mit Herz

Die Rücktour Richtung Zschopau führt uns auf einer besonders reizvollen Route durch das Müglitztal nach Glashütte, der Stadt weltberühmter Uhren. Mit jeder Menge Insiderwissen führen uns die Sächsisten auf faszinierende Alleen, gesäumt von unzähligen Bäumen, vorbei an traditionsreichen Dörfern und herrlichen Weitblicken. Die Rücktour führt uns zum Schloss Wildeck, wo sich das museale Stelldichein der ostdeutschen Motorradfreunde befindet. Um unsere Reise gebührend ausklingen zu lassen besuchen auf Schloss Wildeck das MZ Museum. 75 Jahre Motorrad- und Motorenbau in Zschopau sind hier liebevoll und detailliert zusammengetragen und ausgestellt. Am neuen MZ-Werk in Zschopau angekommen brennen wir darauf den Mitarbeiter von MZ unsere Erfahrungen mit ihren Maschinen mitzuteilen und freuen uns auf eine einstündige Werksführung nach Feierabend. Die Mzler scheinen eine kleine eingeschworene Arbeitsgemeinschaft, beantworten gelassen auch unangenehme Fragen nach Verkaufzahlen und erklären gern technische Details. Sie verabschieden sich mit derselben herzlichen Freundlichkeit mit der uns alle Gastwirte empfangen und die Sächsisten geführt haben. Für diese Tour haben wir genau den richtigen Untersatz gewählt und können nur allen empfehlen: Werdet auch Sächsisten!

Text & Fotos: Franz I.