Russland

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Von Düsseldorf nach Wladiwostock

"Du bist verrückt!" Das ist die einhellige Meinung meines Umfeldes, als meine Pläne konkret werden, mit dem Motorrad von Düsseldorf nach Wladiwostok zu fahren. Einer Laune und Einladung folgend beschlossen drei Bekannte und ich spontan, zu einem Motorradtreffen ins 13.000 km entfernte Wladiwostok zu fahren. Gute vier Wochen bleiben noch zur Vorbereitung und Planung, dann soll es losgehen, wollten wir pünktlich zum Treffen "Face to ocean" am Pazifik sein.

Richtiges Eisen interm Hintern

Für verrückt erklären mich auch einige erfahrene Motorradreisende - nicht wegen der Tour, sondern wegen der BMW. "Wie kannst Du mit so einem hoch technischen Moped nach Russland fahren, wenn da ´was mit der Elektronik klemmt...", so und ähnlich ihre Argumente. Für mich ist die Wahl des Motorrads aber längst klar - hatte ich die BMW F 650 GS Dakar vor einem Jahr doch auch mit dem Hintergedanken an solche Touren gekauft, bisher absolut zufrieden und somit überzeugt, das richtige Motorrad unterm Hintern zu haben.

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Technische Ausrüstung

In der kurzen Vorbereitungszeit sollte, neben der VISA-Beschaffung und Regelung der üblichen Dinge, das Motorrad an mancher Stelle noch etwas optimiert werden. Allerdings in überschaubaren Grenzen: Öhlins Federbein, Neoprenstulpen für die Gabel, Kühlerschutz und 15er Ritzel von Wunderlich, Kofferträger & System GOBI und Hauptständer von Hepco & Becker. Schon länger habe ich die hohe Sitzbank von Wunderlich und die Fußrastenanlage von Touratech montiert und bin somit gerüstet. Jede weitere Veränderung würde auch mein enges Budget sprengen und wäre nicht wirklich nötig. An Ersatzteilen ist wirklich nur das Notwendige dabei: Bremsbeläge vorne/hinten, Kettenkit, Zündkerzen (alles Götz-Motorsport), Brems- und Kupplungszug, Brems- und Kupplungshebel (original BMW).

Das Gepäck ist gut verteilt auf die beiden GOBI Koffer, zwei Rackpacks von Ortlieb und den Touratech Tankrucksack mit Seitentaschen. Obendrauf liegt ein Satz TKC 80.

Während der Fahrt trage ich passend zum Motorrad BMW-Ausstattung: Rallye 1 Kombi ohne Gore Inlet, Rückenprotektor BMW 2, Stiefel Savanna, Windstopper Sturmhaube und die GS Handschuhe. Für schlechtes Wetter sind eine Regenkombi von Hein Gericke und Lederhandschuhe von Held dabei. Diese Ausstattung war im Nachhinein gesehen für alle angetroffenen Verhältnisse absolut ausreichend und optimal.

Mit von der Partie gehen außerdem eine Honda AfricaTwin, eine KTM LC4 Adventure und eine BMW F 650 GS.

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Auf geht´s

Natürlich ist das Fahren mit einem voll beladenen Motorrad nicht zu vergleichen mit dem Fahren auf einem leeren Motorrad und so braucht es doch einige zaghafte Kilometer, bis die alte Sicherheit auf dem Gefährt wieder spürbar wird. Am meisten Probleme bereiten am Anfang die veränderten Dimensionen des Motorrads. Manche Lücke ist nun einfach zu eng.

Schneller als gedacht gewöhnt man sich an das veränderte, gutmütigere Fahrgefühl und passt die Fahrweise entsprechend an. Selbst in heftigen Offroadabschnitten fährt man im Sitzen. Das kleine 15er-Ritzel bietet gerade mit viel Gepäck einen angenehm starken Abzug aus niedriger Drehzahl, die verminderte Endgeschwindigkeit fällt bei einer solchen Tour nicht ins Gewicht. Wir bewegen uns meistens mit 90 - 110 km/h fort, was ca. 4.000 - 5.000 U/min entspricht. Der Spritverbrauch pegelt sich auf relativ genau 5 Liter pro 100 km ein und meine BMW hat somit eine theoretische Reichweite von 350 km. Da das Tankstellennetz wo wir in Russland fahren aber wirklich lückenlos ist, muss ich eigentlich nie über die 300 km-Marke gehen.

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Die BMW im Vergleich

Auf den gut 9.500 km Asphalt durch Polen, Litauen, Lettland und Russland bin ich gegenüber der KTM LC4 klar im Vorteil. Der Motor ist einfach ein Goldstück und das Fahrwerk ist auch auf schlechteren Strassen eine komfortable und sichere Lösung. Es sind ohne Probleme Etappen zwischen 300 - 500 km pro Tag möglich. Dankbar bin ich für den guten Sitzkomfort der Wunderlich Sitzbank. Diese bietet eine sportliche sowie auch eine entspannte Sitzposition. Sehr angenehm liegt auch der Satz Reifen auf den Gepäcktaschen, die in Verbindung mit dem Rückenprotektor eine sehr gute Rückenlehne abgeben.

Erst in den Schotter- und Pistenabschnitten gerate ich mit der Dakar gegenüber der LC4 fahrwerksseitig etwas ins Hintertreffen. Obwohl das Fahrwerk der Dakar tadellos seinen Dienst auch bei hohen Pistengeschwindigkeiten, heftigen Schlaglöchern und groben Steinen versieht, fliegt die KTM doch müheloser über die Piste. Allerdings "bezahlt" man diesen "Pistenkomfort" der KTM mit weniger Vergnügen auf der Straße. Nebenbei bleibt noch an zu merken, dass die Gabel der KTM nach den gut 3.000 km offroad - Piste, Schlamm, Wasserdurchfahrten - an beiden Standrohren leckt und das Alu-Kettenrad nach 10.000 km nur noch eine zackenlose Scheibe ist. Bei der BMW habe ich außer einem Zündkerzenwechsel, einer gebrochenen Rahmenheckverschraubung und diverser loser Schrauben nichts zu bemängeln.

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Abseits der Straße

Auch die teilweise sehr heftigen und abwechslungsreichen Offroad-Passagen in Ost-Sibirien sind dank des leichten Handlings der Dakar kein Problem. Auch hier hilft das kleine Ritzel mit dem entsprechenden Dampf aus dem Drehzahlkeller. Selbst 76-Oktan Sprit, den ich zweimal tanken muss, machen dem Motor nicht spürbar etwas aus.

Zu bemängeln gibt es, dass sich die Dakar mit TKC 80 bereift auf den Schlammpassagen in der Front komplett zusaut - da muss man schon alle 30 Minuten den Scheinwerfer frei kratzen, sonst wird dieser zu heiß und schmilzt aus der Fassung. Der TKC 80 ist aber dennoch die absolut richtige Wahl für eine solche Tour, da er auf nasser wie trockener Straße, noch so manchem Tourenreifen überlegen und im Gelände sowieso über jeden Zweifel erhaben ist.

Fazit

Sehr angenehm ist auch der lange Wartungsintervall der BMW (10.000 km) gegenüber der KTM (6.000 km). Einige Probleme mit der normalen F 650 GS eines Mitreisenden wurden übrigens sehr kulant und zuvorkommenden von der BMW Niederlassung Düsseldorf und dem BMW Servicecentrum in München (via Hotline) gelöst! Fazit: Sofort wieder Russland und sofort wieder mit der kleinen BMW.

Text & Fotos: Jochen Stather