Sturgis und Yellowstone

Sturgis und Yellowstone


Rambling on!

Sturgis, das bedeutet 99,9 Prozent Harley-Davidson. In der Mainstreet des kleinen Ortes, da irgendwo vor der kanadischen Grenze, versammeln sich die edelsten Bikes der Welt. Vierspurig und Kilometerweit reihen sich die Edeleisen aneinander. Bis zu 300.000 Biker führen hier eine Woche lang die heißesten Benzingespräche. Ihr Sprecher ist übrigens kein geringerer als der Boss der Harley-Davidson Motorcycle Company, Willie G. Davidson. Er zeigt sich gerne umrahmt von den chromblitzenden Maschinen aus seiner Edel-Schmiede.

Riesen-Party

Eigentlich ist das 5000 Seelen-Kaff in South Dakota ein ruhiges Plätzchen, von dem die Welt in 51 Wochen des Jahres keine Notiz nimmt. Nur in der ersten Augustwoche mutiert die Gemeinde immer wieder in den Fokus der ganzen Welt: Bis zu 300.000 Biker versammeln sich in dem Ort und feiern eine Riesen-Party. Ihre gewaltigen V-Twin-Maschinen stehen im Mittelpunkt und röhren so laut, wie sie nur können. Extreme Umbauten, mit megalangen Gabeln, fetten Hinterreifen, überdimensionalen Tanks und tausend liebevollen Details teilen sich den heißesten Asphalt der USA. Deutschen TÜV-Prüfern würde schon beim Anblick der Fahrgeräte der Bleistift abbrechen. Ab und an lässt dann noch mal einer der wildgewordenen „Owner“ die Kupplung springen und legt mit den zentnerschweren Maschinen einen Burn-out hin. Die Wolke aus verbranntem Gummi quietscht aus dem Heck der Bikes, bis endlich der Hinterreifen Platz! Eine grölende Meute honoriert solche Aktionen mit spontanem Beifall und steckt dem Dandy ein paar Dollar für den nächsten Reifen zu. Der Dorfsheriff versteht bei diesem Spiel allerdings überhaupt keinen Spaß mehr. Lärm machen ist in Sturgis OK. Aber wer mit durchdrehenden Reifen anfährt und sich dabei erwischen lässt, verschwindet mindestens für ein paar Stunden im Kittchen.

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Sturgis: Geradezu jugendgefährdend

Seit den dreißiger Jahren findet das Treffen in Sturgis statt. Damals begann alles im kleinen Rahmen (19 Leute). Zum 50igsten Treffen, im Jahre 1990, feierten 250.000 Menschen. Und in diesem Jahr, zum 100. Geburtstag der Kulteisen aus Milwaukee, wird ein neuer Besucherrekord erwartet. Aber auch immer mehr Polizisten überwachen das Spektakel, denn die legendären Rennen, die rund um das Treffen auch stattfinden, sorgen für Unruhe in den Reihen der Obrigkeit: Hochfrisierte Harleys liefern sich nämlich riskante Dirt-Track-Gefechte. Die offensichtlich angstlosen Fahrer starten außerdem zum Hillclimbing, einem Rennen, zu dem die Maschinen einen extrem steilen Hang so weit wie möglich hinaufpreschen müssen, bis Pilot und Bike sich reichlich unelegant nach hinten verabschieden und den Hang wieder herunterpurzeln. Dabei geht schon mal eine eigentlich viel zu wertvolle TT-Scrambler zu Bruch. Die Rennen in den Black Hills, wie sich das Gebiet um Sturgis auch nennt, wirbeln also jedes Jahr wieder viel Staub auf. Und dazu wackeln noch knapp bekleidete Ladys mit reichlich Silikon. In den USA gelten solche Gesten als viel zu lasziv und geradezu jugendgefährdend. Nahezu jeder TV-Sender der USA begleitet die siebentägige Show. Eine Kamera steht dabei immer im Salon „Broken Spoke“ (gebrochene Speiche). Denn in dem Schuppen fliegt ab und zu die Schwenktür auf und ein Biker galoppiert mit samt des Gefährts hinein, um eine Runde durch die Stuhlreihen zu drehen. Anschließend parkt man kurz am Tresen und bekommt vom Wirt für die Einlage einen Whiskey ins Glas gegossen.

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Perfekt verpackte Technik!

Vor dem Salon präsentieren die Top-Motorraddesigner ihre neuesten Werke. Mike Corbin ist meist persönlich dabei, Arlen Ness zeigt seine Musterbikes und V-2 Rennmaschinen von Buell stehen an jeder Straßenecke. Bezahlbar sind solche exklusiven Bikes für die allermeisten Besucher zwar nicht. Aber allein das Anschauen der perfekt verpackten Technik rührt die sonst so coolen Fans zu tränen. Viele bleiben ein Leben lang glücklich, nur weil sie einmal über die Sitzbank einer so extrem modifizierten Harley streicheln durften. Auch das Alter der Besucher spielt in Sturgis keine Rolle. Schon gar nicht das Geschlecht. Eine Dame, geschätzte 70 Jahre alt, bunt geschminkt und in Lederstiefeln, sitzt nicht etwa auf der Parkbank, nein, sie thront auf einer 1340er Softail und diskutiert mit ein paar Jugendlichen den Unterschied zur guten alten E-Glide, die sie schon 20 Jahre lang über die Highways scheuchte. Davor fuhr sie eine alte Panhead. Ihr Mann ist mit dem Eisenhaufen aus Milwaukee nicht klargekommen, also musste sie das Ding ankicken. Die Bengels kriegen ihre Münder vor Staunen nicht mehr zu und das Bier in ihren Händen fängt in der Mittagssonne langsam an zu kochen.

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Text & Fotos: Mike Steffen