Alpen Gotthardregion

Alpen Gotthardregion


Sixpack

Sechs aufregende Alpenstraßen, fünf namhafte Pässe, vier Kantone, zwei Sprachen und tausend Kurven locken bergbegeisterte Biker in die von Tunneln durchlöcherte Gotthardregion.

Heiliger Gallus

Ob ich die Straßenkarte in den Tankrucksack quetsche, die Fototasche in den Koffer stecke oder das Stativ auf dem Gepäckträger verzurre - ständig spüre ich ein unangenehmes Gefühl, als ob mir jemand auf die Finger schaut. Unauffällig lasse ich meinen Blick über den Vorplatz des Hotels schweifen, bis mich ein gleichmäßiges Plätschern in den Bann zieht. Hoch oben von der Säule des Dorfbrunnens beobachtet mich die Figur des heiligen Gallus, Hüter und Patron des Dorfes Wassen. Der beschauliche Ort liegt auf einer Felsenkanzel über dem Reusstal und war Jahrhunderte lang Zollstätte und Wegweiser auf dem beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Süden.

Die Gotthardttrasse

In der Mitte des 19. Jahrhunderts keimte die Idee, die Schweizer Alpen mit der Eisenbahn zu überwinden. Die Gotthardttrasse schien die beste Lösung sein. Der berühmte Bankier Alfred Escher übernahm die Leitung der 1863 gegründeten Gotthardbahngesellschaft. Nur vier Jahre später entschied sich Italien zur Mitwirkung, nach zwei weiteren Jahren folgte Deutschland. Die drei Staaten brachten weniger als die Hälfte des benötigten Baukapitals in Höhe von 187 Millionen Franken zusammen, der Löwenanteil musste über den Aktienmarkt finanziert werden.

Der Startschuss für den Bau des eigentlichen Eisenbahntunnels erfolgte im September 1872. Bewunderung verdienen die 3.000 Arbeiter, die in drei Schichten rund um die Uhr schufteten, um auf engstem Raum große Höhenunterschiede zu überwinden. Dreimal windet sich der Zug um die im Jahre 1733 gebaute Wassener Pfarrkirche Sankt Gallus - zahlreiche Kehrentunnel, Galerien und Brücken helfen, innerhalb weniger Minuten über 600 Höhenmeter zu bewältigen. 1882 durfte die Eröffnung des 15 Kilometer langen Eisenbahntunnels zwischen Göschenen und Airolo gefeiert werden.

Ältester Alpentunnel

Ich mache mich auf meinen schwungvollen Weg. Dabei durchfahre ich nicht nur das Urner Loch, das als dienstältester Alpentunnel gilt, sondern auch noch die mit schaurigen Geschichten umwobene Schöllenenschlucht. In Andermatt muss, nein, darf ich mich entscheiden, denn von hier aus bestehen Straßenverbindungen in alle vier Himmelsrichtungen. Das Gotthard-Massiv bildet das Herz der Eidgenossenschaft und ist mehr als nur ein gigantischer Felsklotz: Bedeutende Wasserscheide Europas, Respekt einflößende Wetterscheide und natürliche Sprachgrenze.

Ich entscheide mich für den direkten Weg nach Süden und folge dem alten Saumpfad und 1820 zur Postkutschenstraße ausgebauten Trasse hinauf zur kargen und eher langweiligen Gotthard-Passhöhe (2.109 m). Ist das Wetter gut und die Schranke hinter dem Hospiz geöffnet, lockt die alte Tremolastraße mit ihren 24 spannungsgeladenen Kehren. Zehn Prozent Gefälle und historisches Kopfsteinpflaster hinunter ins Tal des Zitterns schütteln mich heftig durch. In Airolo erlebe ich, wie der Berg Autos ausspuckt. 1980 wurde der mit rund 17 Kilometern längste Straßentunnel der Welt eröffnet, für dessen Benutzung keine Maut erhoben wird, aber die Autobahnvignette Pflicht ist. Doch an Schnellstraßen will ich keinen Gedanken verschwenden, sondern lieber die Abzweigung ins Val Bedretto suchen, um entlang des bei Sonnenanbetern und Wanderern beliebten Ticino hinauf zum Nufenen zu streben.