Märkisches Oderland

Märkisches Oderland


Zeitensprünge

Hoppla! Das prähistorische Kopfsteinpflaster im ”Berg-und-Tal”-Städtchen Buckow rüttelt uns gehörig durch. Kaum von der hektischen B1 in das hügelige Grün der Märkischen Schweiz eingetaucht und dem Sog von Natur und würziger Luft erlegen, trifft uns unvermittelt die holprige Realität, über die Fontane schon schimpfte: ”Es weckt mit seiner hals- und wagenbrecherischen Passage die Vorstellung, als wohnten nur Chirurgen und Schmiede in der Stadt, die schließlich auch leben wollen.”

Grün und wellig, weit und platt - auf friderizianischen Chausseen durch die Märkische Schweiz und das Oderbruch

Im Ortsteil Werder erstrahlen die stattlichen Villen in altem Glanz. Schöne Gegend. Verständlich, dass sich der Dichter Bertholt Brecht und Helene Weigel, Schauspielerin und Intendantin des Berliner Ensembles, nach langen Jahren des Exils 1952 am Ufer des Schermützelsees niederließen (www.brechtweigelhaus.de) Nach der Erfrischung im schönen Strandbad lassen wir uns über die Bollersdorfer Höhe Richtung Bad Freienwalde treiben. Bis ein Schild in Harnekop unsere Neugier weckt: Bunker. Wir folgen dem Plattenweg zwischen den beiden Seen einen Kilometer weit in den Wald - zu einer ehemaligen unterirdischen Betonfestung der NVA. 30 Meter tief unter der Erde verschanzt, mit Kranken- und Entgiftungsstation, Kantine, Telefon, Fernseher und 12.000 Essensrationen hätten im atomaren Ernstfall 450 Militärs einen Monat überleben können (www.atombunker-16-102.de). Und dann nach draußen auf die verseuchte Erde? Viel Spaß. Spaß macht auf jeden Fall ein Besuch im Freilichtmuseum von Altranft (www.freilichtmuseum-altranft.de). In der Schmiede flackert das Feuer, und ein Mädchen versucht konzentriert einen Fleischerhaken zu formen, im Backhaus wird Brot gebacken, in der Schule gibt es Nachhilfe in alter deutscher Schrift und ”weibliche Handarbeiten”. Ob damit auch Mopedputzen gemeint ist?

Das Oderbruch

”Es heißt das Oderbruch, nicht der Oderbruch.” Generationen von Schülern bekommen erklärt, dass das flache, weite Land vom welligen Höhenzug abbricht. Seit den Fernsehbildern der letzten großen Oderflut, und jetzt zum Thema 60 Jahre Kriegsende, sollte diese Eselsbrücke nicht mehr nötig sein. Die Oder suchte sich ihr altes Bett, aus dem sie auf Geheiß von Preußenkönig Friedrich II. vertrieben wurde. 1500 Arbeiter gruben vor 250 Jahren ein neues Flussbett, bauten Dämme und Brücken, zogen Entwässerungsgräben und pflanzten Bäume. In den 43 neuen Dörfern siedelten Kolonisten aus Frankreich, Schweden, Polen, Österreich, Böhmen und aus der Schweiz. Von Oderberg im Norden bis Lebus im Süden wurde aus sumpfiger Wildnis und der durch Fischfang geprägten Region fruchtbares Ackerland und eine der größten Eindeichungen Deutschlands. Tellereben, mit Häusern, die sich an die meist kerzengeraden Sträßchen klammern, als wollten sie in den Weiten nicht verloren gehen. Einsame Gehöfte treiben wie Eisschollen in riesigen Getreidefeldern. Alleen, Alleen, immer wieder Alleen. Oder Chausseen, wie die Preussen sagen. Die Straße nach Neureetz säumen Obstbäume, ein Apfel plumpst haarscharf an der Mütze vorbei. Bei Croustillier stehen zwei Männer auf einer hohen Leiter am Straßenrand und ernten Birnen. Neuküstrinchen, Neulietzegöricke, Neulewin und Neubarnim sind typische Kolonistendörfer, 1753-55 gegründet, mit geduckten Fachwerkhäusern, die förmlich im märkischen Sand verschwinden. Ob in den alten Häusern noch jemand wohnt? Völlig versunken in der Betrachtung der bemoosten Patina vergangener Jahrhunderte, holpern wir in Neulewin in die falsche Richtung. Unvermutet beantwortet sich meine Frage von selbst, als ein alter Herr aus seinem Häuschen tritt und uns freundlicherweise wieder auf den richtigen Weg bringt.

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Panzer...

Vorbei an der letzten Bockwindmühle des Oderbruchs in Wilhelmsaue, fahren wir in Kienitz überraschend in die Schusslinie eines Panzers, dem wohl letzten russischen T-34 auf einem deutschen Dorfanger. In Kienitz errichtete die Rote Armee 1945 den ersten Brückenkopf auf dem westlichen Oderufer. Der stählerne Koloss beherrscht bedrohlich den Platz. Wie lebt man mit solch einem Monstrum vor der Haustür? Erinnerung an den Krieg. Die Natur hat die Kriegswunden längst überdeckt, die Schützengräben sind überwuchert. Als stumme Mahnung bleiben allerorten die vielen Soldatengräber und die monumentale Gedenkstätte in Seelow. Tragische Berühmtheit erhielten die Seelower Höhen und das Oderbruch als Schlachtfeld für den letzten Kampf um Berlin. Nach 78 Tagen war der Weg für die Rote Armee nach Berlin frei, die Stadt fast völlig zerstört, mehr als 100 000 Soldaten unterschiedlicher Nationen gefallen. (www.gedenkstaette-seelower-hoehen.de)

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... Gnome ...

Die skurrilen Gnome am Ortsausgang von Kienitz verscheuchen die trüben Gedanken. Kurz vor Manschnow bringt uns wieder ein Schild vom Weg ab: Fort. Das über 100 Jahre alte preußische Fort Gorgast, ein Koloss aus Ziegeln, Lehm und Beton, sollte die Festung Küstrin schützen und wurde von den kaiserlichen Truppen genutzt, später von der Wehrmacht, der NVA und zuletzt von der Bundeswehr. Heute hat hier der Künstler Bernd Finkenwirth sein Atelier, Bikertreffen und Technopartys nutzen die Kulisse auf ihre Art, Fische aus dem Fortgraben landen als gebratene Forellen auf dem Teller (www.fort-gorgast.de). Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen nur wenige Kilometer auseinander, Kilometer, wie aus dem Bilderbuch: Birken in Rathstock und die Birkenallee zwischen Wulkow und Booßen - sehr russisch, die Sträßchen bei Mallnow zwischen Kanal und windschiefen Bäumen - einfach toll.

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