Harz: Ostharzer Bergbaugeschichte

Harz: Ostharzer Bergbaugeschichte


Über und unter Tage

Tausend Jahre Harzer Bergbaugeschichte live erleben - mit dem Motorrad unterwegs im nördlichsten Mittelgebirge zwischen Stollen, Fördertürmen und Schächten. Auf unserem Streifzug durch den Ostharz geraten wir in die Fänge der Brockenhexen, besuchen sagenumwobene Plätze und queren dabei häufig die Gleise der Harzer Schmalspurbahnen.

Mit dem Motorrad unterwegs im noerdlichsten Mittelgebirge

Heute kaum vorstellbar: Gnadenloses Abholzen von Buchen, dringend benötigt für Grubenholz, Fachwerk, Möbel und Papier, führte im 10. Jahrhundert zu einem gigantischen Kahlschlag. Große Vorkommen an Kupfer, Eisen, Silber und Kohle machten das nur neunzig Kilometer lange und fünfunddreißig Kilometer breite Mittelgebirge rasch zu einem führenden Bergbaurevier in Europa. Die spätere Wiederaufforstung mit schnellwachsenden Fichten prägt das moderne Gesicht des Harzes.

Uralte Technik

Unsere Maschine erreicht langsam die Betriebstemperatur, als wir in Herzberg ins dunkle Siebertal eintauchen. Die Waldstrecke hinauf zur Bergwerksstadt St. Andreasberg bietet Frühsport pur. In der Grube Samson finden wir Europas einzige noch betriebene "Fahrkunst" - hölzerne Konstruktionen zum Transport von Menschen und Gestein, technische Wunderwerke vergangener Jahrhunderte.

Wer nicht auf Museen steht, kann alternativ an einem Fahrertraining der besonderen Art teilnehmen. Mit dem Sessellift geht's hinauf auf den Berg, um anschließend auf einem Plastikbob die Matthias-Baude-Superrutschbahn hinabzudüsen. Dank der Motorradklamotten nimmt man bei einem unfreiwilligen Ausflug in die Botanik keinerlei Schaden.

Später streben wir durch den Staatsforst gen Norden nach Sonnenberg, nehmen die Harz-Hochstraße unter die Räder, machen einen lohnenswerten Umweg über Osterode und gelangen schließlich nach Clausthal-Zellerfeld. Das Oberharzer Bergwerksmuseum lassen wir links liegen, uns zieht Deutschlands größtes hölzernes Gotteshaus in seinen Bann. Die Marktkirche zum Heiligen Geist wurde 1634 aus Fichtenholz erbaut und bietet 2.200 Menschen Platz.

Große sind gefährdet

Doch nun zurück auf die Harz-Hochstraße, die in Richtung Bad Grund schon deutlich an Höhe verliert. Die Abzweigung Wildemann taucht auf, Blinker rechts und dem Lauf der Innerste bis Lautenthal folgen. Am Ortsrand der ehemaligen Freien Bergstadt stoppen wir die Motoren, um dem Bergbaulehrpfad am Kranichsberg einen Besuch abzustatten. Trotz Schutzhelm und Vorsicht knalle ich mit meinen 204 Zentimetern Körpergröße immer wieder gegen irgendwelche Stützbalken. An eine Fahrt mit dem Grubenexpress wage ich nicht zu denken - so klein kann ich mich gar nicht zusammenfalten.

Außerdem juckt's schon wieder in der Gashand, da kommt das kurvige und steile Teerband hinauf zur Stabkirche in Hahnenklee gerade recht. Das hölzerne Gotteshaus wurde dem norwegischen Baustil nachempfunden, und gleicht dem umgedrehten Rumpf eines Wikingerschiffs.

Die Westharzstraßen ähneln sich - perfekt ausgebaut, schnelle Kurven, wechselnde Höhen zwischen 300 und 800 Meter, aber nur selten einen weiten Blick ins Umland. Wir stoppen in der alten Kaiserstadt Goslar, die ihren Reichtum aus den Bergwerken holte. Der Ortskern beherbergt mehr als hundert mittelalterliche Häuser, als Glanzpunkt gilt der historische Marktplatz. Bei Kaffee und Kuchen unterhalb der Prachtfassade des altehrwürdigen Hotels Kaiserworth genießen wir das rege Treiben. Nur einen kleinen Spaziergang entfernt wartet die Kaiserpfalz. Tausend Jahre hat sie auf dem Buckel, einst Treffpunkt des Adels an Reichstagen.

Auf zum Hexenberg

Fast so alt wie die Kaiserpfalz ist das zum Weltkulturerbe gehörende Bergwerk Rammelsberg. Hier wird das Harzer Wasserregal vorgestellt: Wasserkraft aus Stauteichen lieferte schon damals umweltfreundliche Energie für den Bergbau. Wenig Fahrspaß vermittelt die Etappe über Oker nach Bad Harzburg. Als echter Lacher entpuppt sich der Radauwasserfall, der seinem Namen gar keine Ehre macht.

Ab südlichem Ortsrand steigen Straße und Drehzahl wieder kräftig an, doch Vorsicht - die beliebte Strecke nach Braunlage ist mit Radarfallen gespickt. Denn am Torfhaus ist jeden Tag Bikertreff. Der riesige Parkplatz bietet neben Frittenbuden und Benzingesprächen den besten Brockenblick. Der 1.142 Meter hohe Gipfel hüllt sich häufig in Wolken und gilt als Heimat der geheimnisvollen Harzhexen.

Historisches Kopfsteinpflaster testet unsere Federelemente, als wir hinauf nach Schierke streben, um dem Brockenbahnhof mit seinen nostalgischen Dampflokomotiven einen Besuch abzustatten. Die Harzer Schmalspurbahnen feiern Jubiläum - vor genau zehn Jahren wurde der Betrieb wieder aufgenommen. Drei Schienennetze mit insgesamt 130 Kilometern Länge überziehen große Teile des Harzes. Hundert Jahre alte Dampflokomotiven fahren auf den Strecken der Selketalbahn, der Harzquerbahn und der Brockenbahn, die jährlich bis zu 700.000 Fahrgäste auf den höchsten Gipfel des Mittelgebirges befördert.

Kaum haben wir unsere Helme abgenommen, dringt boxertypischer Sound in unsere Ohren. Wenige Augenblicke später tauchen zwei dänische BMW's auf. Fröhliches Hallo - die Herren aus dem flachen Jütland wollen Höhenluft schnuppern. Das gut ausgeschilderte und überschaubare Gebiet des Ostharzes macht ein Roadbook oder gar GPS völlig überflüssig.