BMW R 1150 R Rockster

BMW R 1150 R Rockster


Streetfighter-Feeling

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, die BMW-Designer hätten, als sie die neue R 1150 R Rockster zeichneten, zuvor eine rauschende Party gefeiert. Geduckt wie ein sprungbereiter Panther blinzelt sie aggressiv aus den ungleich großen Glubschaugen, suggeriert Streetfighter-Feeling pur. Dabei ist sie in Wahrheit genauso alltagstauglich und anständig wie jede andere BMW.

Obwohl sich die Rockster nur in wenigen Details von der bekannten R 1150 R Roadster unterscheidet, spaltet sie das Lager der BMW-Fans wie kaum ein anderes BMW-Modell. Während die eine, konservative, Hälfte der Bayern-Mopped-Fans die Rockster bis heute als hässliches Entlein verspottet, ist sie für die andere, sportlich-avantgardistische, Hälfte der BMW-Fans der lang erwartete Fingerzeig in eine emotionsgeladenere Zukunft von BMW.

Was ein 40 mm breiterer Lenker, zwei Glubschaugen, eine mattschwarze Lackierung mit Turnschuh-Farbstreifen und ein anderer Kotflügel doch ausmachen können. Und es ist, das ist nach einer Woche intensiver Testarbeit klar, vor allem dieser super-breite Rohrlenker, der die eher brave Roadster-Welt von der fetzig-jugendlichen Rockster-Welt unterscheidet. Breit aufgespannt, aggressiv zum Vorderrad orientiert, hockt der Rockster-Pilot auf dem Motorrad, genießt im bequem gepolsterten Einzelsattel ein im Vergleich zur R 1150 R Roadster ungleich direkteres Fahrerlebnis. Ja, sie haben ganz richtig gelesen: Einzelsattel. Denn Rockster-Fahren ist, so denken scheinbar die BMW-Strategen, eine Solo-Angelegenheit. Der Soziuskit muss extra zugekauft werden, will der sportliche BMW-Nakedbike-Fan die Lust am Street-Surfing in trauter Zweisamkeit erleben. Serienmäßig gibt’s hinten nur eine optisch etwas gewöhnungsbedürftige Blechabdeckung über dem Werkzeugfach. Zwar kostet der Soziuskit mit 140,- Euro nicht die Welt. Wir aber empfinden diese Lösung mit der versteckten Aufpreis-Politik als Zumutung – die Sportlimousine BMW M3 wird ja schließlich auch nicht ohne Rücksitzbank ausgeliefert!

Puristische Grundzüge

Sei’s drum. Irgendwie nämlich passt der auf diese Weise offen zur Schau gestellte Purismus zum Gesamtcharakter der R 1150 R Rockster. Denn diese verwöhnt zwar eigentlich mit allem von BMW bekannten Komfort. Doch in erster Linie will sie nur eines sein: Eine spaßige Fahrmaschine. Und dieser Aufgabe wird sie auch ohne serienmäßigen Soziussitz bestens gerecht. Der Boxermotor hat sich hierzu dank der neuen Doppelzündung, die ab Modelljahr 2003 in fast allen Boxermotoren Einzug hält, nicht nur des lästigen Konstantfahrruckelns entledigt. Er röhrt, nicht nur für BMW-Verhältnisse, eher frech aus dem neuen Endschalldämpfer. Geblieben sind dabei alle den BMW-Boxer-Motor auszeichnenden Tugenden wie das satte Drehmoment schon aus niedrigsten Drehzahlen und die für einen so großvolumigen Zweizylinder-Motor samtige Leistungsentfaltung. Schon ab 2.000 U/min schiebt der Boxer ohne Ruckeln oder Hacken im Kardanstrang vorwärts, legt dann linear zu, ohne sich jedoch in wirklich spritzigen Drehzahlorgien zu ergehen. Am wohlsten fühlt er sich zwischen 2.500 und 5.000 U/min. Hier wirkt er so kernig wie es die extrovertierte Verpackung des Gesamtkonzeptes dem Käufer verspricht. Oberhalb von 5.500 U/min hingegen wirkt der Motor etwas angestrengt, nervt zudem mit deutlich spürbaren Vibrationen, die alsbald Hände und Füße empfindlicher Piloten in Tiefschlaf versetzen können. Glücklicherweise sind solche Drehzahl-Exzesse bei der Rockster gar nicht nötig. Denn dank gelungener Übersetzung des nun zudem besser bedienbaren Getriebes beschleunigt sie aus dem mittleren Drehzahlbereich heraus besser als eine Honda CBR 1100 XX! Dass die BMW R 1150 R Rockster dabei mit 4,5 bis 6,0 l/100 km noch weniger verbraucht als die ohnehin schon sparsame R 1150 R Roadster (ohne Doppelzündung) erfreut ebenso wie die für ein Naked-Bike ansprechende Höchstgeschwindigkeit von mehr als 200 km/h. Diese allerdings wird der Rockster-Pilot eher selten ausnützen, denn – ein Tribut an den breiten Lenker – etwa ab 160 km/h wird der Winddruck auf den Oberkörper auf lange Dauer unerträglich.

BMW R 1150 R Rockster 07

Das bewährte Fahrwerk der R 1150 R, optisch aufgewertet durch einen 180er-Reifen und die 5,5-Zoll-Hinterradfelge der R 1100 S sowie ein etwas höher angestelltes Heck, funktioniert bestens. Federungskomfort, Ansprechverhalten von Telelever und Paralever, Spurtreue und Kurvenstabilität – alles wunderbar. Auch die dank des höher gestellten Hecks im Vergleich zur Roadster etwas größere Schräglagenfreiheit stellt selbst kritischste Testpiloten zufrieden. Zumal sich dank der per Drehrad einstellbaren Federvorspannung das Heck noch weiter anheben lässt. Auch sitzt der Pilot, trotz der ziemlich hoch platzierten Fußrasten und des eher langen Tanks, sehr bequem ins Motorrad integriert. Wie schon mit der R 1150 R Roadster kann man also auch mit der Rockster aufrecht sitzend lange Etappen ohne Muskelschmerzen absolvieren. Nur eben mit dem Unterschied, dass die Rockster dank des breiten Lenkers mit völlig neuen dynamischen Qualitäten aufwartet. Der geringste Druck an dieser Segelstange genügt nämlich, um die R 1150 R Rockster in wildeste Schräglagen zu werfen. Egal ob Hundskurve, Doppelkurve, Wechselkurve oder Haarnadelkurve – die Rockster wieselt einfach durch. Der Pilot braucht eigentlich nur mit dem Blick die Richtung wählen – schon folgt die Rockster der angepeilten Linie wie am Schnürchen gezogen. Diese Leichtfüßigkeit und die sportlichere Sitzposition führen zu einem bewusster erlebten, aktiveren Fahrvergnügen. Einziger Wermutstropfen: Auf ganz schlechten Strassen drückt der breite 180er-Hinterreifen die Rockster schon mal etwas aus der Spur.

BMW R 1150 R Rockster 05

Diesen Nachteil nimmt man angesichts der deutlich höheren Gripreserven des Breitreifens aber gerne in Kauf. Man könnte die beim Fahren fühlbaren Unterschiede zur Roadster in etwa so beschreiben: Während die beileibe nicht unhandliche R 1150 R Roadster einen runden, fließenden Fahrstil fördert, bekanntlich ein Top-Bike für Genießer ist, die einfach nur gerne mit dem Motorrad ein paar Stunden auf der geliebten Hausstrecke ausspannen wollen, ist die R 1150 R Rockster der lustige Freund für die etwas sportlichere Kurvenhatz. Das heißt: Im Sattel der Rockster ertappt man sich immer wieder dabei, dass man einfach etwas forscher durch die Kurven pflügt, etwas später in sie hinein bremst, etwas härter aus ihnen wieder heraus beschleunigt, in der Summe also einfach engagierter Motorrad fährt. Der Rockster-Pilot ergötzt sich in Fahrt weniger an der Schönheit des neben der Strasse fließenden Bachs – er erfreut sich vielmehr an der stabilen Kurvenlage und dem direkten Gripgefühl. Rockster-Fahren wird so zum Selbstzweck – egal, wohin die Reise führt. Hauptsache, die Sonne scheint und es hat genügend Kurven. Daher hat BMW – trotz des optisch so puristischen Konzepts - natürlich auch darauf geachtet, dass man mit der R 1150 R Rockster vernünftig reisen kann.

So gibt es für sie, wie von der R 1150 R bekannt, nicht nur das bewährte BMW-Gepäcksystem mit den dezenten Kofferträgern sondern auch Griffheizung, Tankrucksack und Bordsteckdose. Und die Rockster verfügt auch über das aus der Roadster bekannte Teilintegral-ABS-Bremssystem mit Bremskraftverstärker, bei dem der Handbremshebel auf die Doppelscheiben vorn und die Hinterradbremse gleichzeitig, das Pedal aber nur auf die hintere Scheibenbremse einwirkt. Dieses System funktioniert, abgesehen von den eher hohen Handkräften, die nötig sind, um bis in den Regelbereich vorzudringen, idiotensicher. Nur die Dosierbarkeit bei sanften Bremsungen ist nach wie vor nicht gerade sensationell zu nennen. Zudem sollte beim Rangieren angesichts des eher hohen Gesamtgewichts der Rockster immer die Zündung eingeschaltet werden. Fazit: Die Rockster ist nicht besser oder schlechter als die bewährte Roadster. Sie ist nur frecher, lebendiger, frischer. Ihre hohe Alltagstauglichkeit, gepaart mit dem aggressiv-dynamischen Äußeren, dürfte der Rockster nicht nur zu hoher Beliebtheit bei den jüngeren Naked-Bike-Fans verhelfen. Sie wird auch so manchen alten BMW-Hasen davon überzeugen, dass der Spaß am Leben keinesfalls eine Frage des biologischen Alters ist.

BMW R 1150 R Rockster 10

Text: Jörg Wissmann

Fotos: BMW

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